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Ausgabe Februar 2014
Vertrauen & Selbstvertrauen. Von Dr. Wilfried Reuter

Damit sich Geborgenheit entfalten kann und wir uns geborgen fühlen können, brauchen wir Vertrauen.

Vertrauen verleiht dem Erleben von Geborgenheit Tiefe und Kraft. Geborgenheit und Vertrauen gehen immer Hand in Hand. Ohne Vertrauen und Selbstvertrauen - beide sind wie die zwei Seiten einer Münze - werden wir es im Leben nicht einfach haben.
Viele Menschen erklären mir im Gespräch, sie hätten wenig Vertrauen in andere oder sie verfügten nur über ein schwaches Selbstwertgefühl. Meist berichten sie dann von früheren, verletzenden Erlebnissen, in denen ihr Vertrauen zerstört worden sei, mit der Folge, dass sie nun niemandem mehr Vertrauen entgegenbringen könnten. Auf diese Weise - gebe ich in solchen Fällen zu bedenken - bestimmt die Vergangenheit immer noch die Gegenwart, setzt sich die Vergangenheit in der Gegenwart fort. Eigene gute Absichten werden durch Selbstzweifel torpediert und Herausforderungen können nicht angenommen werden.
Als wir auf die Welt kamen, trugen wir ein halb bewusstes Grundvertrauen in uns. Zu unserer menschlichen Entwicklung gehört allerdings, dass dieses halb bewusste Grundvertrauen früher oder später erschüttert wird. Unsere Eltern, spätere Freundinnen, Freunde oder Partner - niemand konnte immer so für uns da sein, wie wir es vielleicht manchmal gebraucht hätten. Umso früher unser Vertrauen beschädigt wurde, umso nachhaltiger werden die Folgen für uns sein. Angst, Unsicherheit, Misstrauen, Anspannung, Einsamkeit, Unfähigkeit zur Hingabe werden dann immer wieder unser Erleben prägen. Anders ausgedrückt: Wir sehnen uns nach Geborgenheit, doch innere Gefühlszustände blockieren uns den Zugang immer wieder.
Bedeutet dies, dass wir vergangenen traumatischen Erlebnissen einfach ausgeliefert sind? Dass wir nie wieder anderen Menschen, dem Leben oder auch uns selbst Vertrauen entgegenbringen können? Nein, dem ist meiner Erfahrung nach nicht so. Denn auch wenn unser Vertrauen gebrochen worden ist, so liegt die Wurzel des Vertrauens dennoch weiterhin unzerstörbar in uns. Gleichwohl können wir uns Vertrauen natürlich nicht verordnen, befehlen oder einreden. Doch wir können in einem ersten Schritt erkennen oder es uns eingestehen, wenn wir kein Vertrauen oder Selbstvertrauen haben. Es ist hilfreich, sich gerade in den Situationen, in denen es uns an Vertrauen mangelt, daran zu erinnern, dass wir durchaus ein Basisvertrauen haben - zum Beispiel in unseren Herzschlag, in unsere Verdauung, die Tätigkeit unseres Atemzentrums, in die Rhythmen der Natur.
Bevor wir uns daran machen, beschädigtes Selbstvertrauen und Vertrauen wieder zu entwickeln und zu stärken, sollten wir uns an den Buddha erinnern, für den Vertrauen stets mit Weisheit gepaart war. Dabei geht es nicht darum, ein blindes Vertrauen zu kultivieren, wir würden sonst gewiss schon bald neue Enttäuschungen und Verletzungen erleben.
Der buddhistische Lehrer Lama Govinda beschrieb Vertrauen als eine »Haltung des inneren Geöffnetseins, ohne Aufgabe der eigenen Vernunft«. Um also Vertrauen als Voraussetzung für Geborgenheit anwachsen zu lassen, müssen wir zunächst unsere inneren Zustände und Haltungen erkennen, untersuchen und uns eingestehen. Wir brauchen schon ein gewisses Maß an Mut und Entschlusskraft, um uns den eigenen Verletzungen und dem daraus entstandenem Misstrauen, der Unsicherheit und Angst zu stellen. Das ist nicht immer einfach. Die Angst sehnt sich auf der einen Seite nach Geborgenheit und blockiert doch gleichzeitig den Zugang, solange sie mit Misstrauen und skeptischem Zweifel einhergeht. Angst und Misstrauen gedeihen gut, wenn es uns an Vertrauen mangelt und wir uns getrennt fühlen - von anderen, von der Welt - und dadurch entsteht weitere Trennung.
Nicht selten tragen Menschen mit geringem Selbstvertrauen einen unbarmherzigen Richter und Antreiber in sich. Sie stellen überzogene Ansprüche an sich selbst und bei Nichterfüllung ihrer Perfektionskonzepte erleben sie sich als Versager und nähren somit ständig die eigenen Selbstzweifel. Solange der Geist vorwiegend im Beurteilungsmodus agiert, wird auf jede kleinste Äußerung des Gegenübers geachtet, wie zum Beispiel auf bestimmte mimische oder körperliche Signale, um sie im Sinne von Abwertung und Desinteresse zu deuten. Diese inneren Prozesse und Zustände zu erkennen und in ihren Folgen zu durchschauen sind erste Schritte, um dem Vertrauen eine neue Chance zu geben und nicht länger in der Ungeborgenheit des Zweifels und Selbstzweifels gefangen zu bleiben.
So geht es dann im nächsten Schritt darum, die Bereitschaft und den Mut aufzubringen, einen - und zunächst wirklich nur einen - Schritt vertrauensvoll zu tun. Dabei sollten wir aber stets auch auf unsere Vernunft und Weisheit hören. In jedem Menschen gibt es Anteile, die vertrauenswürdig sind und andere, die es nicht sind. Bei uns selbst ist es ebenso. Nur ein Erleuchteter ist vollkommen vertrauenswürdig. Grundsätzlich sollten wir vorsichtig sein, wenn wir beim anderen eine große Ich-Bezogenheit wahrnehmen. Ich-Bezogenheit ist nicht sehr vertrauenswürdig, denn ein ich-bezogener Mensch tut sich schwer damit, einen anderen und dessen Wünsche und Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen. Wir können es wagen, jemandem unser Vertrauen zu schenken, wenn wir Herzenswärme und altruistische Beweggründe bei ihm oder bei ihr erleben.
Um unser Vertrauen weiter zu stärken, sind positive Erlebnisse und Erfahrungen sehr wichtig.
Selbstvertrauen kann am besten auf dem Boden von Selbsteinfühlung, von Vertrautwerden mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, mit der eigenen Sehnsucht wachsen und gedeihen. Indem uns unsere Gefühle und Bedürfnisse bewusst werden, verlieren unsere Gedanken und Beurteilungen ihre Macht, und sie werden uns nicht länger vereinnahmen können. Lernen wir die uns innewohnende Herzlichkeit besser kennen und kultivieren wir sie, werden wir mehr und mehr dazu fähig, die Bedürfnisse anderer zu sehen und zu respektieren.
Indem wir uns eher auf eine altruistische als auf eine egoistische Lebensweise ausrichten, werden wir auch für andere vertrauenswürdig. Das Vertrauen, das andere uns entgegenbringen, stärkt wiederum unser Selbstvertrauen. Mit wachsender Bewusstheit lernen wir dann, unsere Emotionen genauer zu erkennen, ihnen Raum zu geben, ohne immer sofort zu reagieren. Solange wir uns vorwiegend impulsiv und ich-bezogen verhalten, werden wir andere verletzen, sind also in diesen Momenten nicht vertrauenswürdig. Umgekehrt verhilft uns Bewusstheit zu einer wachsenden Selbstsicherheit. Auch wenn schwierige Emotionen im Spiel sind, sind wir dann imstande, uns auf eine nicht-schädigende Weise zu verhalten und wir verstricken uns nicht immer wieder im Außen. Wachsende Bewusstheit hilft dir ebenfalls, dich deiner Angst und Unsicherheit zu stellen, dich auch von diesen Gefühlen nicht vereinnahmen zu lassen, sondern geschickt mit ihnen umzugehen.
Im Freundeskreis oder in einer spirituellen Gemeinschaft haben wir eine gewisse Chance, andere Menschen zu treffen, die sich als vertrauenswürdig erweisen. Je offener, ehrlicher, authentischer diese Menschen sind, je lauterer ihre Absichten, umso eher ist es gerechtfertigt, ihnen ein Anfangsvertrauen zu schenken. Umgekehrt: Umso mehr Ich-Bezogenheit, Beharren auf persönlichen Vorstellungen und negative Beurteilungen im Spiel sind, desto weniger ist es angezeigt, diesen Menschen vertrauensvoll zu begegnen. Wir sollten unser Vertrauen also stets mit gesundem Menschenverstand und mit Weisheit paaren. Falsch wäre es zu erwarten, dass unser Gegenüber vollkommen vertrauenswürdig ist. Wir sollten ihm aber eine Chance geben, indem wir es nicht mit seinen Fehlern und Unvollkommenheiten identifizieren, sondern indem wir uns stattdessen auf das Potenzial ausrichten, das wir in ihm vermuten. Auf diese Weise werden wir immer weniger Getrenntheit, Isoliertheit und Einsamkeit erleben: Es öffnet sich uns das Fenster zur Geborgenheit.

Aus: Wilfried Reuter, Buddhas Geschenk der Geborgenheit, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags

Der Autor Dr. Wilfried Reuter wurde 1952 in Nordhessen geboren und wuchs auf einem Bauernhof auf. Er arbeitet heute als niedergelassener Frauenarzt in Berlin-Kreuzberg und verfügt über langjährige Erfahrung in der Geburtshilfe und Sterbebegleitung. Seit 1997 leitet Wilfried Reuter Meditierende an. Er ist spiritueller Leiter des Lotos-Vihara-Meditationszentrums in Berlin-Mitte, wo er lebt und das Dhamma in Vorträgen, Kursen und Gruppen lehrt.

Buchtipp:
Wilfried Reuter, Buddhas Geschenk der Geborgenheit - Wie wir tiefes Vertrauen erfahren, Hardcover, 160 Seiten, vierfarbig, € 14,99, Kailash Verlag


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