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Ausgabe Februar 2014
Vertrauen und Dankbarkeit. Von Haidrun Schäfer

In manchen Situationen geht das Vertrauen verloren – und ist auch nicht so leicht wiederzufinden. Haidrun Schäfer berichtet, wie ihr die Beschäftigung mit dem Thema Dankbarkeit im dunklen Tal namens Liebeskummer helfen konnte.


„D’ailleurs ce sont toujous les autres qui meurent...“ Und es sind nicht nur immer die anderen, die sterben, sondern es sind auch immer die anderen, die mit 50 von ihren Männern verlassen werden, weil die meinen, sie verpassen sonst das Leben.
Ich stand vor dem Spiegel und wischte mir die von Tränen verschmierte Wimperntusche aus dem Gesicht. Neulich erst hatte mir eine Freundin erzählt, dass in ihrem Bekanntenkreis keine Ehe noch besteht und dass ausnahmslos die Männer ihre Frauen wegen einer jüngeren verlassen haben. Neulich dachte ich noch, wie gut es mir mit meiner Beziehung geht. Neulich waren es noch die anderen... So wie der Nachbar, der seine Frau und das gemeinsame Kind verlassen hat – weil er sich in eine andere verliebt hatte. Es klingt so alltäglich, so normal. So ist das Leben, Trennungen passieren und es geht trotzdem weiter. Ich starre in mein Spiegelbild und weiß leider überhaupt nicht weiter: Mein Mann ist nach 23 gemeinsamen Jahren ausgezogen, weil er seine Freiheit haben will und ich spüre einfach nur schmerzhafte Abwesenheit.
Liebeskummer – einer der hoffnungslosesten Zustände, die wir erleben können. Der Sinn ist nicht ersichtlich, das Licht am Ende des Tunnels nur ein Flackern, aufrechterhalten – wenn wir Glück haben – durch den guten Zuspruch der Freundinnen. Von Vertrauen ins Leben im Moment keine Spur.
Nachdem ich wochenlang nicht lesen konnte, weil die Buchstaben vor den tränenden Augen verschwammen, zwang mich eine Zahn-OP definitiv aufs Sofa und ein Buch fiel mir in die Hände, das mein Interesse weckte. Es ging es um Dankbarkeit, eingebettet in einem 28-Tage-Programm. Vor Jahren hatte ich mich mit Naikan beschäftigt und vieles danach in meinem Leben zum Positiven verändert. Wahrscheinlich tat mir dieser Auffrischungskurs jetzt ganz gut. In dieser Situation dem Leben zu vertrauen und die Hoffnung nicht aufzugeben, fällt mir nicht nur schwer, sondern ist undenkbar. Aber parallel zu dem Schmerz kleine Ausflüge auf den Pfad der Dankbarkeit zu machen, das ist möglich.
Die Basis in dem Buchprogramm besteht aus einer regelmäßigen morgendlichen Übung, bei der man 10 Punkte aufschreibt, wofür man dankbar ist: sei es die funktionierende Heizung, die schnurrende Katze, das gestrige Gespräch mit der Freundin, die gesunden Beine, der monatliche Scheck, die Sonne, der Regen... Danach beschäftigt man sich pro Tag mit einem speziellen Thema: Beziehung, Geld, Gesundheit, Arbeit etc. Mich interessierte natürlich die Übung zum Thema Beziehung. Ich schrieb 10 Punkte auf, wofür ich ihm dankbar bin – immerhin haben wir 22 glückliche Jahre miteinander verbracht, da kommt schon einiges zusammen. Ich schreibe ohne Groll, sondern spüre den schönen Momenten nach, die wir zusammen hatten. Ich liebe ihn, daran hat sich nichts geändert und ich würde es so gerne wie Byron Katie halten: Ich liebe dich und wünsche dir, dass du deinen Weg gehst – auch wenn ich nicht mehr deine Weggefährtin bin.
Zu vertrauen, dass alles seinen Sinn hat, fällt mir nach wie vor schwer, aber die disziplinierte Beschäftigung mit dem Thema Dankbarkeit hilft, nicht völlig in einem Tränenmeer zu versinken – wobei... „manchmal schwimmt man in ungeweinten Tränen und geht darin unter, wenn man sie in sich behält.“ Deshalb als zweiten Buchtipp ein Buch, das so schön und tröstend ist, wie das nur ein Buch sein kann: Das Lavendelzimmer. Es hat mich viele verzweifelte Abende getragen und getröstet – und dafür bin ich der Autorin dankbar.



Die Autorin Haidrun Schäfer lebt und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie studierte deutsche und französische Literaturwissenschaften und beschäftigt sich seit der Geburt ihres Sohnes intensiv mit Themen ganzheitlicher Gesundheit. Sie war über 10 Jahre lang Redakteurin der Zeitschrift, Körper Geist Seele (KGS Berlin). Zuletzt erschien ihr Buch mit Andreas Krüger, „Heiler und Heiler werden, Gespräche über Heilkunst“, Berlin 2013

Buchtipps:
Rhonda Byrne: the magic, MensSana, München, 2012, 303 Seiten, 14,99 Euro
Nina George: Das Lavendelzimmer, Knaur, München, 2013, 382 Seiten, 14,95 Euro


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