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Ausgabe Februar 2014
Verletzlich sein. Von Jochen Meyer

Wie wir an Stärke gewinnen, wenn wir uns wirklich einlassen.

„Ich bin noch nicht soweit – bevor ich mich wieder verlieben kann, muss ich erst die Verletzungen aus meiner letzten Beziehung heilen!“

Wenn eine Beziehung auseinander geht und der Trennungsprozess schmerzhaft ist, braucht es Zeit, bis wir die emotionalen Verletzungen seelisch verarbeitet haben und uns mit dem ehemaligen Partner innerlich aussöhnen können. Es wäre aber ein Missverständnis, wenn wir glauben, dass wir uns erst von allen Verletzungen befreien oder gar unverletzbar machen müssten, bevor wir uns wieder glücklich verlieben können. Dann würde die Überzeugung, nicht mehr verletzbar sein zu dürfen, zu einem Schutzmechanismus unseres verunsicherten Selbst, das nicht mehr zu vertrauen wagt und uns vor neuerlichen Verletzungen bewahren möchte. Das aber wäre ein unrealistisches Vorhaben und würde unser persönliches Wachstum verhindern.

Wer sich nicht verletzen lässt, liebt nicht
Dass wir verletzlich sind und seelisch genauso wie körperlich verletzt werden können, wollen wir meist nicht wahrhaben.
Verletzlich sein, das fühlt sich schlecht an, das betrachten wir als unerwünscht und setzen es gleich mit schwach sein, wehrlos sein und anderem mehr. Das empfinden wir als peinlich, qualvoll und unerträglich. Wir versuchen alles zu tun, um es zu vermeiden. Verletzbar zu sein und sich zur eigenen Verletzlichkeit zu bekennen ist jedoch in Wirklichkeit ungeheuer stark. In einer Beziehung den starken Mann oder die coole Frau rauszuhängen, ist nicht schwer. Wenn wir uns unberührbar geben und uns hinter einer Schutzmauer aus Verdrängung und Gleichgültigkeit verschanzen, dann sind wir jedoch nicht stark, sondern ängstlich auf unseren Selbstschutz bedacht. Zeigen wir uns dagegen unserem Partner mit unseren Verletzungen, sind wir mutig. Es ist mutig, offen und berührbar zu sein und etwas von seinen Wunden preiszugeben.
Verletzlich sein ist in Wahrheit also eine Kraftquelle und Ausdruck von innerer Stärke. Gestehen wir uns zu, verletzlich zu sein, so leben wir in Einklang mit der Realität, denn es gibt keine verletzungsfreien Beziehungen, solange wir noch keine Buddhas sind. Wer nicht riskiert, verletzt zu werden, liebt nicht. Und wer nicht riskiert, seinen Partner gelegentlich zu verletzen, liebt auch nicht. Um so mehr wir dies anerkennen, desto stärker werden wir aber darauf achten, unsere Partner möglichst wenig zu verletzen.

Wahre Liebe verwirklichen wir in dem Bewusstsein, dass wir verletzbar sind. Wir müssen uns so achtsam wie möglich begegnen, wenn wir gesunde Beziehungen realisieren wollen.

Dass wir verletzlich sind, zeichnet uns aus. Jeder von uns trägt eine individuelle Portion Dünnhäutigkeit und Empfindlichkeit als Summe seiner Geschichte und seiner Verletzungserfahrungen in sich.
Wir alle sind darin einzigartig und verdienen es, damit gesehen und geliebt zu werden. Werden wir fähig, unserem Partner mit seinen Verletzungen und seiner Verletzlichkeit angemessen zu begegnen, werden wir wirklich fähig zu lieben.

Vertrauen zulassen, Misstrauen loslassen
Wenn wir uns unsere Verletzlichkeit eingestehen und uns unseren Partnern damit langsam öffnen wollen, müssen wir Vertrauen wagen. Wir können uns entscheiden, einander mehr zu vertrauen und unser Misstrauen loszulassen. Wir können als gereifte Erwachsene genügend Vertrauen in uns selber finden, so dass wir es nicht mehr außerhalb von uns suchen müssen. Wir können erkennen, dass wir innerlich stark genug sind, unsere emotionalen Verletzungen und die damit verbundenen schmerzhaften Gefühle auszuhalten. Wir können uns bewusst machen, dass es nichts als Gefühle sind, vor denen wir Angst haben; Gefühle, die sich bedrohlich anfühlen können, die aber kommen und gehen wie alle Gefühle. Wir können beobachten, in welchen Momenten wir innerlich zumachen und uns dann entschließen, dass wir genauer hinschauen, unsere unerwünschten Emotionen zulassen und unserem Partner davon erzählen. Statt ihm wie bisher Vorwürfe zu machen, schauen wir nun bei uns selber und nehmen uns erst einmal mit unserem inneren Erleben und unserem Schmerz an.

Hör auf zu kämpfen!
Was passiert, wenn wir aufhören, weiter den Starken zu geben, der alles im Griff hat oder immer weiß, wo es lang geht? Was verändert sich, wenn wir endlich aufhören, uns zu beklagen, zu empören und als Opfer darzustellen? Wie heilsam ist es, wenn wir uns gestatten zu spüren: „Ja, ich bin gerade zutiefst getroffen, fühle mich klein, schwach, hilflos, vollkommen verunsichert!“ Wir werden vollständiger, stärker und menschlicher, wenn wir uns auch mit diesen Seiten zeigen. Was wird möglich, wenn wir im Streit mit unserem Partner einmal nicht sofort zurückschlagen, um schmerzhafte Gefühle abzuwehren? Wenn wir stattdessen sagen: „Ich fühle mich von dem, was du gerade gesagt hast, total getroffen. Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf reagieren soll!“, wehren wir unsere Betroffenheit ab, vermeiden wir nicht nur die unangenehmen Gefühle, wir verlassen uns auch selbst.
Wir verlassen unsere Würde, wenn wir beginnen, verbal auf unseren Partner als vermeintlichen Verursacher unserer Leiden einzuschlagen. Wir verlassen unsere Integrität, wenn wir unseren Partner angreifen und ihn verletzen. Wir verlassen unsere Fähigkeit, vertrauenswürdig zu sein, also jemand, bei dem sich unser Partner sicher fühlen kann. All das gewinnen wir zurück, wenn wir unser Verletztsein in einem solchen Moment zugeben und sagen: „Ich fühle mich jetzt gerade so verletzt, dass ich erst mal Abstand brauche. Sonst laufe ich Gefahr, Dinge zu tun, die noch mehr zwischen uns kaputtmachen.“ Hören wir auf zu kämpfen, wird sich die Lage entspannen und wir können neu aufeinander zugehen. Wir geben der Liebe wieder eine Chance.
Wenn wir uns nach einem verbalen Angriff verletzt fühlen und eine zeitlang betroffen sind, ist das ein natürlicher Vorgang – unsere Seele braucht Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Wenn wir aber daran festhalten, es uns immer wieder vergegenwärtigen und unser Verletztsein immer wieder hochkochen lassen, begeben wir uns in die Opferrolle. Jetzt verletzen wir uns selbst, indem wir die Energie des vermeintlichen Angriffs in uns hineinnehmen und gegen uns richten, anstatt sie beim Gegenüber zu lassen und zu sagen: „Das gehört zu dir. Ich lasse es bei dir!“
Statt „Schau dir an, wie er mich verletzt hat, mich armes Wesen“ sagen wir dann: „Jawohl, ich bin verletzlich und leicht zu treffen. Ja, es kann wieder passieren. Aber ich kann damit umgehen. Ich stehe wieder auf und mache weiter. Und zumindest ich werde dich nicht bekämpfen, weil ich mich von dir verletzt fühle.“

Nehmen wir unsere Verletzlichkeit an, können wir das Verletztsein loslassen.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass wir uns von nun an alles gefallen lassen und uns schutzlos preisgeben. Werden wir unfair behandelt, distanzieren wir uns und grenzen uns ab. Sind wir damit überfordert, so schützen wir uns erst einmal selbst – erst danach können wir vielleicht auch noch etwas für unser Gegenüber tun. Letztlich geht es bei all dem darum, Verantwortung zu übernehmen.
Wir sind dafür zuständig, uns einen möglichst vertrauenswürdigen Partner zu wählen, der mit unseren verletzten Seiten konstruktiv umgeht. Und wir tragen die Verantwortung dafür, selbst ein solcher Partner zu werden. Nur wenn wir hieran arbeiten und dafür sorgen, dass wir unseren Partner möglichst wenig verletzen, können wir von ihm verlangen, dass er uns gut behandelt. Es ist widersprüchlich und unfair, wenn wir verlangen, dass er uns etwas geben soll, wozu wir selber nicht bereit oder fähig sind. Um so integrer wir werden, desto seltener werden wir andere verletzen und von ihnen verletzt werden. Denn wenn wir integer sind, lassen wir uns auch nicht unfair behandeln. Wir geben solchen Menschen einfach nicht mehr soviel Macht über uns, weil wir mit dem guten Kern in uns verbunden sind. Wir identifizieren uns dann mit unserer Integrität und nicht mehr mit unseren Verletzungen. Und wir erleben, dass wir als verletzlich Liebende einen neuen Raum betreten, wenn wir aufhören zu kämpfen. Einen Raum, in dem wir uns öffnen und wirklich begegnen und in dem wir sagen können: „Ja, ich bin verletzlich – und gerade deswegen bin ich stark!“


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.
www.jochen-meyer-coaching.de


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