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Ausgabe Februar 2014
Abschied und Neubeginn. Von Daniela Leinemann und Percy MacLean


Wenn wir uns gemeinsam mit anderen Menschen ein paar Tage Zeit nehmen für das Lebensthema „Abschied und Neubeginn“, stellen wir fest: Hier geht es um die Essenz des Lebens, um gemeinsames Weinen, Lachen, Trauern. Mit dem Unbegreiflichen nicht zu hadern, sondern es anzunehmen und loszulassen – dies ist das, was im geschützten Raum passiert, das offene Herz und das Gefühl: Was hier entsteht, ist wesentlich.

„Ich durfte begreifen und ganz tief fühlen, dass man von geliebten Menschen nicht wirklich Abschied nimmt. Sie haben ihren Platz für immer in unserem Herzen. Tatsächlich verabschieden kann man sich nur von Verhaltensmustern, die Trennendes ermöglichen. Mit dieser Gewissheit werde ich in größerer innerer Freiheit mein Leben hoffentlich leichter leben.“ (Zitat aus einer Gruppe)

Wir alle nehmen ständig Abschied: vom Bauch der Mutter, von ihrer Brust, von der Kindheit, der Jugend, der Gesundheit, von unseren geliebten Menschen, auch von ungeliebten Momenten, Phasen und Menschen - und schließlich von unserem gesamten Leben hier auf dieser Erde. Der Abschied ist ein ständiger Begleiter unseres Lebensweges – ebenso wie das, was sich daran anschließt: der Neubeginn. Dazwischen liegt eine Zeit des Übergangs. Diese Drei (Abschied, Übergang und Neubeginn) gehören untrennbar zusammen: Wenn eine Frau ein Kind gebärt, gibt es eine Phase des Übergangs zwischen den Eröffnungswehen und den Presswehen, wo für einen kurzen Moment Ruhe einkehrt, bevor das Baby in die Welt hinausgedrückt wird. Wenn wir einen sterbenden Menschen begleiten, erleben wir kurz vor dem letzten Atemzug einen unbeschreiblichen Moment des Friedens. Sogar vor einem plötzlichen Unfalltod gibt es in Sekundenbruchteilen ein Innehalten in Form eines Lebensrückblicks im Zeitraffer. Die Zeit spielt in solchen Momenten des Übergangs keine wesentliche Rolle.

Phasen des Übergangs
Alles braucht seine eigene Zeit, um Erlebtes zu verarbeiten. Denn das geistige, das emotionale und das spirituelle Tempo sind durchaus unterschiedlich. Spirituell gibt es ein tiefes Wissen von Abschied und Neubeginn. Wir spüren den schweren Verlust in uns und haben gleichzeitig das Bewusstsein davon, dass wir an dieser schmerzlichen Erfahrung wachsen können. Auf der intellektuellen Ebene versuchen wir, Geschehenes zur erklären, es mit unseren Gefühlen in Übereinstimmung zu bringen, und schwanken gerade am Anfang eines Verlustes zwischen dem Unbegreiflichen und der Frage, ob dies wirklich „real“ ist. Während die Seele und der Geist möglicherweise längst begriffen haben, dass beispielsweise der geliebte Mensch nicht mehr in der uns vertrauten Gestalt auf der Erde ist, braucht die emotionale Ebene eine ganz andere Zeit, als wäre ein Teil von uns am Grab stehen geblieben. Im Ergebnis fühlen wir uns völlig verwirrt und erleben ein einziges Chaos in uns. Ziel ist es nun zu akzeptieren, dass wir individuelle Zeit benötigen, um unser Gleichgewicht wiederzufinden. Diese Übergangsphase klingt erst aus, wenn wir auf allen Ebenen des Seins mit dem Verlust versöhnt sind.
Die fünf üblichen Stufen in Trauer- und Trennungsprozessen haben Elisabeth Kübler-Ross („Leben, bis wir Abschied nehmen“, Gütersloh 1991) und Verena Kast („Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses“, Stuttgart 2001) beschrieben:
In der ersten Phase weigern wir uns zu glauben, dass ein uns nahe stehender Mensch tot ist, dass wir selber an einer unheilbaren Krankheit sterben werden, dass sich unser Partner von uns trennen will, dass etwas endgültig zu Ende ist; wir stehen unter Schock und versuchen, uns vor den Gefühlen des Verlustes zu retten, indem wir uns einreden, dass alles nur ein böser Traum ist (Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens). In der zweiten Phase realisieren wir, dass der Verlust sich nicht mehr leugnen lässt. Gefühle von Angst, Wut, Zorn, Sehnsucht und Verzweiflung brechen in uns auf und führen uns in eine noch tiefere Krise (Phase der aufbrechenden chaotischen Emotionen). Hierauf folgt eine dritte Phase, in der wir das, was wir verloren haben, suchen, indem wir z.B. ständig an den verlorenen Menschen denken und uns die Erlebnisse in der Beziehung durch Träume, Imagination und Erinnerungen wachhalten. Am Ende dieser Phase steht die Akzeptanz, dass der Abschied nicht rückgängig gemacht werden kann (Phase des Suchen, Findens und Sich-Trennens). Dies führt wiederum in der vierten Phase zu einer Rückbesinnung darauf, wie wir vorher waren, was die Beziehung, das Verlorene in uns verändert und genährt hat; wir organisieren unser individuelles Selbst zurück (Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs).
Am Ende dieses Weges folgt dann die Aussöhnung mit dem Geschehenen (Phase der Hingabe und Versöhnung). Diese fünf Phasen verlaufen nicht gradlinig, sondern wir fallen gelegentlich auch wieder zurück. So fangen wir beispielsweise an, uns neu zu orientieren, besinnen uns unserer Werte, sehen wieder einen Sinn im Leben - und plötzlich wollen wir den Verlust doch wieder nicht wahrhaben, und vielleicht wählen wir zur Überprüfung die alte Telefonnummer oder kehren zurück zu einem Ort, an dem so viel Gemeinsames stattgefunden hat. Dann bricht Alles wieder auf: Wut, Trauer und Schmerz - obwohl doch klar ist: Das Verlorene kommt nicht zurück. Trauer braucht ihre Zeit auf allen Ebenen und ganz individuell.

Am Ende stehen Wachstum und Neubeginn
Das Neue sieht vielleicht anders aus, als dies am Anfang möglich schien: Eine Beziehung wird endgültig losgelassen oder aber auf eine neue Ebene gewandelt, und die Narbe verheilt und lässt Versöhnung zu.
In unserer Arbeit mit Gruppen wenden wir unterstützende Rituale an, die sich im Heilungsprozess als äußerst wertvoll erwiesen haben. Darin finden sich die Phasen des Abschieds, des Übergangs und des Neubeginns wieder, unabhängig davon, ob wir etwas verbrennen, etwas pflanzen, eine Gedenktafel aufstellen oder einen Brief schreiben. Bevor für das Verabschiedete Neues entstehen kann, öffnet sich im Ritual der Raum der Ruhe. Der Wert des Gruppenprozesses liegt im gegenseitigen Spiegeln und Unterstützen. Jeder von uns hat die Lebensaufgabe, durch den Schmerz der Veränderung zu wachsen und zu reifen, und wenn wir uns über die jeweiligen Verluste durch Tod oder Trennung und Abschiede von der Gesundheit oder von Lebensphasen wie der Berufstätigkeit miteinander austauschen, können wir das Geschenk des Neuen annehmen und - wie es eine Seminar-Teilnehmerin ausgedrückt hat - kraftvoll in die nächste Lebensphase aufbrechen: „Es ist, als wenn in der Therapie, die ich in den letzten drei Jahren gemacht habe, die Steine für ein Tor zugeschnitten worden sind und das Tor gebaut wurde, aber an dem Wochenende haben wir die Schlusssteine eingesetzt. Ich kann jetzt durch das Tor hindurchgehen.“


Die Autoren Daniela Leinemann und Percy MacLean leiten seit vielen Jahren Seminare u.a. zu diesem Thema in den gemeinnützigen Gesundheits- und Ausbildungszentren Weg der Mitte Berlin und Kloster Gerode. Weitere Infos auf www.wegdermitte.de


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