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Ausgabe Januar 2014
EMDR – eine Erfolgsgeschichte. Von Christoph Mahr


EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“. Wenn man nun danach fragt, was das genau bedeutet, kommt nicht selten als Antwort, dass es während des Behandlungsprozesses zu einer sogenannten bilateralen Hemisphärenstimulation kommt. Wirklich schlauer ist man durch diese Antwort auch nicht – aber später mehr dazu.
Als EMDR in den 1980iger Jahren in den USA als „psychotherapeutische Innovation“ aufkam, blies ihr, wie kaum zuvor bei der Einführung einer neuen Methode, ein enormer Widerstand entgegen.
Wenn jedoch Widerstand und komplexe Terminologien Parameter für Wirkintensität und Behandlungserfolge wären, dann müsste man diesem Geschehen als Anwender von EMDR unumwunden zustimmen.
Bezogen auf die letzten 20 Jahre liegen über EMDR mehr kontrollierte klinische Studien vor, als zu jeder anderen psychotherapeutischen Behandlungsform. Die Ergebnisse dieser Studien sind alle derart beeindruckend, dass es nicht verständlich ist, dass EMDR in seinem Herkunftsland, den USA, immer noch als umstrittene Methode beschrieben wird. Dieser Umstand ist vermutlich auch darauf zurückzuführen, dass man den Mechanismus, der EMDR so wirksam macht, immer noch nicht richtig versteht. Dies ist nicht ungewöhnlich in der Historie der Medizin, denn oft wurde zunächst Neues mit Erfolg angewandt, bevor zu einem späteren Zeitpunkt die Wirkmechanismen im Detail begriffen wurden.
In Europa, insbesondere in Deutschland (Einführung 1991), Holland, England und Italien hat sich diese „Wunderwaffe“ bestens etabliert und gehört heute zum Standardrepertoire vieler Therapeuten. Es sind vor allem Verhaltens-, Hypno- und integrative Therapeuten, die auf EMDR schwören und es wird im Rahmen dieser Konzepte auch ganz offiziell in Publikationen auf die enorme Nützlichkeit hingewiesen. Der Wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie hat im Juni 2006 EMDR für die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen wissenschaftlich anerkannt.
Trotzdem bleibt zu bedenken, dass EMDR nur eine Methode ist, die verantwortlich angewandt, in ein komplexeres therapeutisches Konzept eingebunden sein sollte. Ansonsten verhält es sich mit dieser Technik so, wie es Paul Watzlawick einst sehr treffend formulierte: „Wenn man nur einen Hammer als Werkzeug hat, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“
Wie schon erwähnt: Die genaue Wirkweise von EMDR ist noch nicht vollständig erforscht. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung geht man davon aus, dass es bei einem Trauma zum sogenannten „sprachlosen Entsetzen“ kommen kann, bei dem in der rechten Hirnhälfte Bilder des Erlebten gespeichert werden, während das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte aktiv unterdrückt wird. Dadurch, dass das Erlebte nicht in Worte gefasst werden kann, wird seine Verarbeitung erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Im Rahmen einer EMDR-Behandlung werden nun durch bilaterale Stimulation beide Hirnhälften hinsichtlich des Ereignisses aktiviert und synchronisiert. Die psychischen Verarbeitungs- und Heilkräfte können jetzt wirken. Die Stimulation der Gehirnhälften fand ursprünglich ausschließlich durch gesteuerte Augenbewegungen statt. Dies geschah ganz in Anlehnung zur REM-Schlafphase (Rapid Eye Movement). Während dieser Schlafphase, in der unsere Augen schnelle Bewegungen ausführen, findet wahrscheinlich verstärkt die Verarbeitung unseres Alltagsgeschehens statt – eine Art geistiger Verdauungsvorgang.
Mittlerweile werden bei der EMDR-Behandlung auch auditive und kinästhetische Stimulationen eingesetzt. Durch das Einbinden mehrerer Sinne können die Hirnhälften noch komplexer stimuliert werden, wodurch es zu einer verstärkten Anregung des Verarbeitungsprozesses kommen kann.
Ohne die Ressourcen des Klienten geschieht aber auch beim EMDR keine Heilung oder Veränderung. Deshalb zielt EMDR sehr stark auf die Aktivierung eigener Ressourcen des Klienten ab, denn sie sind letztlich der Quell der Heilung.
Die schnelle und hohe Wirkweise von EMDR macht es zum idealen Instrument für die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Anwendung beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Traumatherapie. EMDR wird mittlerweile auch bei einer Vielzahl anderer Störungen mit großem Erfolg eingesetzt. Dazu gehören die ganze Bandbreite der Angst- und Panikstörungen einschließlich der Phobien, substanzgebundene Süchte, psychosomatische Störungen, Schmerzzustände, Allergien, Tinnitus, Trauer, Burnout, Zwang – und die Indikationen weiten sich immer mehr aus.
Dass Psychotherapie keine abgeschlossene Wissenschaft ist, sondern ein immerwährender und fortdauernder Entwicklungsprozess, wird insbesondere an der Geschichte des EMDR deutlich.


Der Autor Christoph Mahr - Gründer und Leiter des Instituts Christoph Mahr und Initiator und Entwickler des Ausbildungskonzepts Integrative Psychotherapie. Langjähriger Trainer für Psychotherapieverfahren und Dozent für den Fachbereich Psychiatrie. Organisiert seit fünf Jahren die EMDR-Ausbildung von Andreas Zimmermann in Berlin.

Andreas Zimmermann ist Leiter der EMDR-Akademie und der PAPB (Private Akademie für Psychologische Bildung), Mitglied von EMDR-Austria und EAP (European Association for Psychotherapy). Er leitet an verschiedenen Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz qualitativ hochwertige EMDR-Ausbildungen.


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