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Ausgabe Januar 2014
Ein Weg zur eigenen Befreiung. Von Dr. Matthias Ennenbach

Der Buddhismus ist weitaus mehr als eine Religion. Es ist ein Weg, der uns darin unterstützen kann, Selbstbefreiung zu erlangen. In Kombination mit der westlichen Psychotherapie stellt er für den Autor Dr. Matthias Ennenbach sogar eine ideale Form für die

Über die unbenannte Krankheit
Was könnte wohl mit der unbenannten Krankheit gemeint sein? Im Folgenden werden wir Probleme thematisieren, die uns zumindest vom Begriff her recht geläufig sind, wie zum Beispiel Ängste, Schmerzen oder Depressionen. Diese sind zwar sehr weit verbreitet, dennoch leiden wir nicht alle in gleichem Maße daran. Einige von uns neigen vielleicht eher zur Depression, andere eher zu Ängsten oder zu gereizten und wütenden Reaktionen. Die unbenannte Krankheit betrifft dagegen wahrscheinlich ohne Ausnahme uns alle. Gemeint ist hier unser von uns selbst nicht mehr zu kontrollierender Verstand: die Krankheit, nicht mit dem Denken aufhören zu können.
Es wäre schön, wenn wir unseren Verstand funktional einsetzen könnten. Er kann tatsächlich eine große Hilfe sein, doch damit gibt sich unser Verstand schon lange nicht mehr zufrieden. Er mag sich nicht abstellen lassen. So wie unser Herz unermüdlich schlägt, so produziert unser Verstand unermüdlich Gedanken.
Leider sind nur die wenigsten davon tatsächlich nutzbar. Die meiste Zeit über laufen Wiederholungsschleifen. Wenn die Neigung dazu sich verstärkt, dann erleben wir dies als etwas, das wir zum Beispiel Grübelei oder Grübelzwänge nennen können. Doch die unbenannte Krankheit geht weit über dieses Phänomen des Grübelns hinaus.
Das Grübeln erzeugt relativ schnell einen unangenehmen Spannungszustand in uns, den wir durchaus wahrnehmen, auch wenn wir ihm oftmals hilflos ausgeliefert zu sein scheinen.
Die unbenannte Krankheit ist aber etwas, das wir während jeder Minute des Tages unbewusst mit uns selbst anstellen, auch wenn wir noch gar keine Grübelei bei uns bemerken. Zum Beispiel gehen wir durch den Park und hören im Kopf eine Melodie, vielleicht aus der Werbung. Unser Verstand liebt die Unterhaltung und hasst die Stille. Dann sehen wir einen Menschen und unser Verstand liefert sofort Kommentare, wir nehmen das Wetter wahr und unser Verstand liefert sofort Kommentare, wir nehmen vielleicht Bäume wahr und unser Verstand liefert sofort Kommentare, dann erreichen wir die Straße, sehen unser Ziel und unser Verstand liefert sofort Kommentare. Wir orientieren uns nach der Zeit und unser Verstand liefert sofort Kommentare, wir denken daran, was noch zu tun ist, und unser Verstand liefert sofort Kommentare. So geht das tagtäglich, jede Minute.
Der Wahnsinn ist uns so vertraut, dass wir ihn schon gar nicht mehr hinterfragen.
Doch damit nicht genug: Es entstehen leider viele Momente, in denen wir dieses unangenehme Phänomen noch zusätzlich verstärken. Genau dies hat Buddha beschrieben, als er sagte, dass es immer zwei Probleme gebe. Er formulierte es so, dass wir stets zwei Pfeile abschießen: Zuerst trifft uns ein Pfeil und wir nehmen ein schmerzhaftes Ereignis wahr. Ein Problem entsteht. Dieser Vorgang ist unumgänglich. Wir werden im Leben immer wieder in die Schusslinie geraten; manchmal haben wir fast den Eindruck, als gingen ganze Pfeilhagel auf uns nieder. Anstatt uns jedoch auf einen adäquaten Selbstschutz oder auf Lösungsmöglichkeiten zu konzentrieren, schießen wir auch noch selbst einen zweiten Pfeil auf uns ab. Wir beginnen zu hadern, uns zu sorgen, zu zweifeln, uns in Selbstmitleid oder in Selbstanklagen und negativen Gedanken zu verstricken. So verstärken wir die unbenannte Krankheit auch noch zusätzlich. Aus diesem Prozess können sich dann weitere Beschwerden entwickeln, wie zum Beispiel Ängste, Depressionen, Schmerzsyndrome oder Wutattacken.
Generell verstärkt das Leiden unsere Unbewusstheit erheblich. Dieser Vorgang fördert wiederum unsere Neigung zu alten Mustern. Eigentlich befinden wir uns ständig in einem Teufelskreislauf, der im Buddhismus Samsara heißt, das Rad des Lebens und damit auch des Leidens. Auf dieser Basis ist vielleicht verständlich, warum Buddhisten als oberstes Ziel die Befreiung anstreben.
Die geschilderte Problematik wird uns durch dieses Buch begleiten. Wir nehmen stets kritisch wahr, wie sich unsere beiden Probleme aktuell jeweils zusammensetzen: Woraus besteht das erste Problem, wodurch wurden wir verletzt oder generell stimuliert, und wie entsteht dann das zweite Problem, was machen wir selbst aus dem ersten Problem, wie gehen wir damit um?
Falls dieser Ansatz und das beschriebene Problem mit unserem Verstand noch recht unvertraut wirkt, sollten wir eine kleine Pause einlegen, das Buch einen Augenblick lang zur Seite legen, uns einen etwas ruhigeren Platz suchen und dann unseren Verstand bitten, für eine Minute Ruhe zu geben. Eine Order an unseren Verstand: Bitte Ruhe!
Wahrscheinlich meldet sich unsere innere Stimme schon nach nur wenigen Sekunden wieder:
„Was soll das denn? Langweilig! Was kommt denn als Nächstes?“
... Oder sie gibt ähnliche Kommentare ab.
Wenn wir für diesen Vorgang nun sensibilisiert worden sind, können wir im weiteren Verlauf des Tages immer wieder zur Kenntnis nehmen, wie fest unsere Verstandesstimme uns im Griff hat, wie wir pausenlos einen inneren Monolog führen und uns oft auch gegen diese Stimme behaupten müssen. Selbst wenn unser Körper um Ruhe bittet, treibt die Verstandesstimme uns weiter: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, sei nicht so faul, Leistung ist wichtig, du musst Geld verdienen, die Wohnung muss immer blitzsauber sein. Das ist richtig, das ist falsch, das will ich, das will ich nicht, das ist gut, das ist schlecht ...
Das buddhistische Ziel des No-Mind-Zustandes betrifft direkt dieses Thema. Wenn wir die Befreiung erreichen wollen, doch auch, wenn wir für uns und unser Leben mehr Achtsamkeit, Genussfähigkeit und Freude entwickeln möchten, dann ist es unumgänglich, diese Problematik zu ergründen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dieses Kapitel widmet sich diesem Vorhaben, indem es bei den größeren Auffälligkeiten beginnt, nämlich den Situationen, in denen unser Verstand uns mit seinen Grübelneigungen quält. Wenn wir hierbei spürbare Veränderungen erzielen, werden wir damit fortfahren und auch in den vielen anderen alltäglichen Situationen unsere Verstandesimpulse einzugrenzen suchen.
Auch wenn wir unseren Verstand hier in ein sehr kritisches Licht rücken, so müssen wir natürlich parallel dazu den hohen Wert unseres Verstandes würdigen. Eckhart Tolle sagt in diesem Zusammenhang, dass wir in unserem Bemühen nicht wieder unterhalb unseres Verstandes zurückfallen sollen, sondern lernen, darüber hinauszugehen. Der Ansatz der Buddhistischen Psychotherapie BPT lautet dementsprechend:
Wir befreien uns nicht von, sondern inmitten unserer Gedanken.
Aus: Matthias Ennenbach, Praxisbuch mit freundlicher Erlaubnis des Verlages


Der Autor Dr. Matthias Ennenbach ist Psychologe und Psychotherapeut. Er leitet eine Praxis für Buddhistische Psychotherapie und schrieb mehrere Bücher.
Weitere Infos auf www.buddhistischepsychotherapie.de

Buchtipp
Matthias Ennenbach, Praxisbuch Buddhistische Psychotherapie. Konkrete Behandlungsmethoden und Anleitung zur Selbsthilfe, Windpferd Verlagsgesellschaft, Oberstdorf 2013


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