aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Januar 2014
Realität und Schöpfung. Von Jörg Starkmuth

In seinem Buch „Die Entstehung der Realität“ geht Jörg Starkmuth dem Phänomen auf die Spur, inwieweit wir wirklich Schöpfer unserer eigenen Realität werden können. Haidrun Schäfer hat einige Kernaussagen mit freundlicher Genehmigung des Autors zusammengef

Jörg Starkmuth geht davon aus, dass das Bewusstsein eine vom Gehirn und auch vom Körper insgesamt unabhängige Instanz ist. Unabhängig heißt hier nicht, dass keine Zusammenhänge zwischen Gehirn und Bewusstsein bestehen würden, sondern dass das Gehirn nicht „Träger“ bzw. „Erzeuger“ des Bewusstseins ist und dieses auch unabhängig vom Körper existieren kann. Das Bewusstsein agiert auf einer reinen Informationsebene, denn es nimmt reine Informationen wahr. Wenn es die Welt beobachtet, die wir über die Sinne wahrnehmen, beobachtet es tatsächlich nichts anderes als die von unserem Gehirn verarbeitete Information. Dazu eine kleine Geschichte:
Der Zen-Lehrer Paul Shoju Schwerdt gibt auf die Frage seines Schülers Colin „Wer bin ich?“ die einfache Antwort: „Colin“. Freundlicherweise liefert er eine weitere Erklärung nach: „Stell dir eine Flasche vor, auf der ‚Colin’ steht. In die füllst du alles hinein, was dich ausmacht: deinen Körper, dein Wissen, deine Charakterzüge, deine Meinungen, einfach alles. Dann schaust du in diese Flasche hinein und siehst dir das alles an. Ja – und der, der da in die Flasche schaut, das bist du.“
Das Bewusstsein ist also der Wesenskern des Menschen – es ist das, was übrig bleibt, wenn man alle mit dem Körper und dem Gehirn verbundenen Eigenschaften und Interpretationen wegnimmt. Es ist derjenige Aspekt von uns, der sich selbst beobachtet.

Die Illusion von Zeit
In einem bekannten Zen-Koan beobachten zwei Mönche eine Fahne, die auf dem Tempeldach im Wind flattert. Einer der beiden behauptet: „Die Fahne bewegt sich.“ Der andere widerspricht: „Nein, der Wind bewegt sich.“ Sie diskutieren hin und her, bis der sechste Patriarch des Weges kommt und sagt: „Weder die Fahne noch der Wind bewegt sich – es ist der Geist, der sich bewegt.“
Unsere Raumzeit ist ein kleiner Ausschnitt aus dem Möglichkeitsraum, der sämtliche möglichen Entwicklungsgeschichten des Universums und damit alle möglichen Schicksale der darin existierenden Objekte in sich vereinigt („Multiversum“). Unser Bewusstsein beschränkt durch Filterfunktion seine Wahrnehmung auf einen winzigen Ausschnitt des Multiversums. Indem es sich durch den Möglichkeitsraum „bewegt“, entsteht die Illusion von Zeit und Veränderung. Es gibt physikalisch keinen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der höherdimensionalen Struktur der Welt existieren alle Zeitpunkte parallel. Das „Verstreichen“ der Zeit ist eine subjektive Wahrnehmung – das Ergebnis der Eigenart unseres Bewusstseins, aus dem Möglichkeitsraum ausgewählte Ereignisse auf eine bestimmte Weise zu „sortieren“, um eine in sich schlüssige Geschichte zu erschaffen.

Bestellungen beim Universum
Eine „Bestellung beim Universum“ ist nichts anderes als eine gezielte Ausrichtung des eigenen Bewusstseins auf einen Zustand, den man sich wünscht. Es erzeugt eine entsprechende „Angebotswelle“ (ein Begriff aus der transaktionalen Deutung der Quantentheorie), die mit einer dem Inhalt der Bestellung entsprechenden Zukunftsvariante in Resonanz geht und dafür sorgt, dass diese Zukunft zur erlebten Realität wird. Man legt sozusagen seine „Fahrtrichtung“ innerhalb des Möglichkeitsraumes fest. Das bedeutet, dass wir ständig etwas „beim Universum bestellen“. In jedem Augenblick unseres Lebens senden wir – bewusst oder unbewusst – „Bestellungen“ aus, die die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Zukunftsvarianten beeinflussen. Wer in der Lage ist, dieses Prinzip bewusst zu nutzen, kann Ereignisse bewirken, die um Größenordnungen von der statistisch zu erwartenden Wahrscheinlichkeit abweichen.
Glaube versetzt Berge – das ist der Grund, warum man die Bestellungen vertrauensvoll „loslassen“ muss – damit der einmal geworfene „Anker“, der uns in die gewünschte Zukunftsvariante zieht, an Ort und Stelle bleibt. Zweifel ist der Gegenspieler von Gewissheit und reißt den gesetzten Anker wieder los. Deswegen gelingen meist nur die kleinen und nicht die großen (d. h. „wichtigen“) Wünsche, denn letztere beruhen meist auf einem Mangelgefühl, das eine entsprechende Angebotswelle erzeugt und den Anker damit genau in die falsche Richtung befördert.

Schöpfer sein
Wir sind die Schöpfer unserer eigenen Wirklichkeit. Die Welt, die wir erleben, entsteht erst duch unsere bewusste Wahrnehmung, die aus dem gigantischen Spektrum aller Möglichkeiten eine bestimmte, mehr oder weniger scharf abgegrenzte Realität herausfiltert. Das grundlegende Kriterium ist dabei die Widerspruchsfreiheit der erlebten Realität.
Was uns als „äußere“ und „vorgegebene“ Realität erscheint, ist das Produkt unseres eigenen Bewusstseins – wir erzeugen diese Realität selbst, indem wir sie aus dem Möglichkeitsraum herausfiltern, und zwar allein durch die Ausrichtung unserer Wahrnehmung auf eben diese Realitätsvariante. Wir erzeugen die Welt, indem wir sie beobachten. Wir sind Filmprojektor und Zuschauer in einem. Wir erzeugen die Realität, auf die wir unsere Wahrnehmung richten, und wir nehmen die Realität wahr, die wir erzeugen. Unser Glaubenssystem sorgt dafür, dass die Realität, die wir durch unsere Wahrnehmung erzeugen, stabil bleibt. Indem wir glauben, dass die Welt, die wir erleben, die „einzig wahre“ ist, richten wir unsere Wahrnehmung immer wieder auf diese Realitätsvariante und erzeugen sie dadurch – mit nur geringen Variationen – immer wieder neu. Ohne dieses Stabilisierungsprinzip könnten wir in jedem Moment jede beliebte Realität erzeugen.
Wenn aber jeder Mensch die von ihm erlebte Realität komplett selbst erschafft, wie kann es dann sein, dass in dieser Welt Milliarden anderer Menschen leben, die offenbar – zumindest in großen Teilen – dieselbe oder zumindest eine sehr ähnliche Realität erleben? Begründet man dies damit, dass alle Menschen ein ähnliches Gehirn haben, verschieben wir die Frage nur auf die nächste Ebene: Warum haben wir alle ein ähnliches Gehirn, wenn doch auch dies unsere eigene Kreation ist? Warum hat sich Herr Müller nicht ein völlig anderes Gehirn erschaffen und „gronkt stattdessen als Füngel im Schwirtz“, weil das viel mehr Spaß macht als Akten zu sortieren? Um diese und andere Fragen zu beantworten, müssen die bisherigen Erkenntnisse in einen größeren Zusammenhang gestellt und Bewusstseinsstrukturen betrachtet werden, die über ein einzelnes Individuum hinausgehen. Verfolgt man diesen Ansatz konsequent, gelangt man zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass das gesamte Multiversum eine einzige vernetzte Bewusstseinsstruktur ist, an deren Schöpfungsprozess wir alle als Teilaspekte aktiv mitwirken.

Buchtipp:
Jörg Starkmuth, Die Entstehung der Realität – Wie das Bewusstsein die Welt erschafft, Verlag J. Starkmuth, Bonn, 2009, 352 Seiten, ISBN 978-3-00-014593-3


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.