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Ausgabe Dezember 2013
Freiheit und Verbundenheit. Gerald Hüther und Maik Hosang

Die beiden Wissenschaftler Gerald Hüther und Maik Hosang haben gemeinsam ein Buch verfasst, das den Zusammenhang von Freiheit und Liebe zu ergründen sucht. Das Buch rollt das Thema einerseits von der gesellschaftlichen Entwicklung her und andererseits von

Eine Krise lässt sich zunächst dadurch bewältigen, dass ein verlorengegangenes Gleichgewicht irgendwie wiederhergestellt wird. Wie bei einer Balkenwaage wird dann versucht, entweder auf die eine Waagschale mehr Gewicht zu legen oder von der anderen etwas herunterzunehmen: Bis das System rejustiert ist. Danach ist es zwar zunächst wieder stabiler, aber es ist beim Alten geblieben, einem Gleichgewicht, das leicht gestört werden kann. Eine wirkliche Entwicklung hat nicht stattgefunden. Die Mitglieder einer solchen Krisenbewältigungsgemeinschaft sind nach der Krisenbewältigung immer noch genauso unterwegs wie vorher: mit den gleichen Vorstellungen und Überzeugungen, mit den gleichen Lösungsstrategien, mit den gleichen Denk- Fühl- und Verhaltensmustern.
Damit sich alte Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster verändern, brauchen Menschen keine Krisen, auf die sie in ihrer Not nur nach dem Motto „noch mehr vom Alten“ reagieren. Sie müssten vielmehr in eine Situation geraten, die sich nicht durch die Wiederherstellung eines alten Gleichgewichts lösen lässt. In dieser Situation befindet sich unsere gegenwärtige westliche Gesellschaft.
Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen immer deutlicher spüren, dass ihr Bedürfnis nach Verbundenheit einerseits und nach Autonomie und Freiheit andererseits nicht dadurch gestillt werden kann, dass entweder mehr getan wird, um ihr Gefühl von Verbundenheit zu stärken oder dass versucht wird, ihre Möglichkeiten zu einer freien, selbstbestimmten Lebensführung zu verbessern. Sie brauchen beides, Verbundenheit und Freiheit. Und wenn sich beide Bedürfnisse nicht gleichzeitig stillen lassen, erleben sie sich als gefangen in einem Dilemma. Das ist nicht lebensbedrohlich, das löst noch nicht einmal eine Angstreaktion aus. Damit kann man sogar einfach so weitermachen wie bisher. Aber es macht eben keine Freude, es ist nicht erfüllend. Je stärker man mit anderen verbunden ist, desto mehr fühlt man sich dadurch in seiner Freiheit eingeschränkt. Und je freier und unabhängiger man sein Leben gestaltet, desto mehr verliert man die Verbundenheit mit den anderen.
Beides ist schmerzhaft, deshalb nennen wir das eine Gefühl ja auch Fernweh und das andere Heimweh. Das ist ein Dilemma. Und lösen lässt es sich eben nicht durch noch mehr Verbundenheit oder noch mehr Freiheit, sondern nur durch den Aufbau einer Beziehung zu anderen Menschen, in der man sich gleichermaßen verbunden wie auch frei fühlt. Aber dazu ist eine Transformation der bisher herrschenden Beziehungskultur nötig.

Transformation ist leicht
Die einzige Beziehungsform, in der beides, also Verbundenheit und Freiheit, gleichzeitig erlebbar wird, ist die Liebe. Und so ist die Liebe die Lösung für dieses uralte Dilemma, das uns Menschen von Anbeginn begleitet.
Um ein Liebender oder eine Liebende werden zu können, bedarf es einer eigenen Transformation. So schwer ist diese Transformation nicht, denn wir alle sind ja bereits mit der Erfahrung auf die Welt gekommen, dass es möglich ist, gleichzeitig aufs Engste mit einem anderen Menschen verbunden und doch jeden Tag ein Stück über sich hinausgewachsen zu sein. Wir müssten also eigentlich nur etwas wiederfinden, was wir im Taumel der ständigen Bewältigung von Problemen und Krisen verloren haben.
Als Liebende könnten wir dann auch endlich die in uns angelegten Potenziale entfalten. Bis wir dort angekommen sind, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Aber es zeichnet sich jetzt schon ab, dass immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen, nach einem Weg in eine Gesellschaft suchen, in der sie sich gleichzeitig verbunden und frei fühlen können. Natürlich geraten beim Unterwegssein einige in eine Sackgasse, andere verlaufen sich auf Umwegen und Irrwegen. Aber es ist spannend, die gegenwärtigen Entwicklungen unter diesem Gesichtspunkt etwas näher zu betrachten.

Liebesbeziehungen
Ein kürzlich veröffentlichter „Trend-Update“ des Zukunftsinstituts Kelkheim gibt unter dem Titel „Polylove“ einen Überblick über Veränderungen, die gegenwärtig stattfinden. Dort heißt es: „Der gesellschaftliche Wertewandel hat die individuelle Selbstentfaltung an erste Stelle gesetzt. Die sexuelle Liberalisierung ist die dazu passende Grundströmung. Aber weil zu Sex, Liebe und Partnerschaft immer zwei (oder mehrere) gehören, muss das Sittenbild differenzierter ausfallen. Heute sehen wir eine neue Gegen- und Suchbewegung, katalysiert durch das Internet und diesmal getragen von intellektuellen Frauen, die mit der Gleichberechtigung auch das Recht auf erotische Selbstbestimmung einfordern.“
Der Trend-Update zeigt außerdem: Die vertraute Zweierbeziehung zwischen Frau und Mann bleibt nach wie vor das zentrale Modell. Doch es zeigt sich vielfältiger und wird ergänzt. Sowohl asexuelle Partnerschaften als auch polyamore Beziehungen zwischen mehr als zwei Partnern werden zunehmend normal und anerkannt. Statt hemmungslosem Partnerwechsel, wie er manche Gegenmodelle der 60er-Jahre kennzeichnete, geht es dabei jedoch um Dauerhaftigkeit, um Freiwilligkeit und Transparenz. Dabei entstehen neue Beziehungsformen wie freundschaftliche Vertrautheit mit gelegentlicher Intimität; aber auch Varianten des „casual sex“, also von Erotik ohne weitere gegenseitige Verpflichtung.
Auch traditionelle Familienstrukturen lösen sich auf. Viele Frauen und Männer leiden darunter, dass die Individualisierung und Globalisierung von Arbeit und Leben das Entstehen und Gelingen von Familien erschweren. Aber die Wandlung und Erweiterung traditioneller Beziehungsformen hat nicht nur Erschwernisse zur Folge, sie bietet auch neue Möglichkeiten für ein Leben mit Kindern. Diese neuen, erweiterten Familienformen erscheinen wie eine moderne Neubelebung von Großfamilien, die jahrtausendelang üblich waren. Der moderne Name dafür ist „Patch-workfamilie“ oder „Netzwerkfamilie“. Sie entstehen meist dort, wo Frau oder Mann bereits Kinder haben und begreifen, dass ihr persönliches Liebesglück nicht auf deren Kosten gelebt werden kann. Im Zuge der Individualisierung und Befreiung von traditionellen Rollenbildern gehen Frauen wie Männer mehr solche Beziehungen ein, die ihnen tatsächlich ein gegenseitiges seelisches und erotisches Glück ermöglichen. Während Ehen noch bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts meistens lebenslang hielten, entstehen heute immer öfter sogenannte „Lebensabschnittspartnerschaften“. Und wenn sowohl erotische als auch seelische Freude aneinander verloren gehen, trennt man sich und sucht einen anderen Partner. Dann kann jeder neue Partner neue Seiten in sich selbst erwecken und zum Klingen bringen. Immer mehr Frauen und Männer versuchen bei der Auflösung ihrer Partnerschaft auch dann noch als Mutter und Vater zusammenzuwirken, wenn sie keine Liebespartner mehr sind. Und wenn sie eine neue Liebesbeziehung eingehen, prüfen sie meist sehr genau, ob der neue Partner auch mit ihren Kindern aus der früheren Beziehung gut klarkommt. Auf diese Weise bekommen die Kinder noch einen weiteren „Vater“ beziehungsweise eine weitere „Mutter“. So entstehen neue, moderne Großfamilien, in denen es nicht leichter oder schöner zugehen muss als in der Kleinfamilie, aber auch nicht weniger sicher und geborgen, und wahrscheinlich spannender und abwechslungsreicher.
Viele Eltern sind sich der Begrenztheit bewusst, den ein allzu enger familiärer Erfahrungsraum für ihre Kinder bietet.
„Um Kinder gut großzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf“, heißt eine alte Weisheit aus Afrika, die nun auch immer stärker von den für Kindergärten und Schulen verantwortlichen Pädagogen verstanden wird. „Community education“ ist ein vielversprechender Ansatz, der in immer mehr Dörfern und Städten eingeführt wird. Zum Beispiel im Rahmen des innovativen Bildungsmodells „Neue Lernkultur in Kommunen“ in Thüringen (www.nelecom.de):
„Macht die Kindergärten und Schulen auf für all das, was es in den jeweiligen Kommunen für Kinder und Jugendliche zu entdecken und zu gestalten gibt.“ So lautet das Motto dieser Initiative, bei der es darum geht, Kinder und Jugendliche einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, sich in eigener Verantwortung um etwas zu kümmern, was für die ganze Kommune von Bedeutung ist.

Neue Gemeinschaftsformen
Sie entstehen vor allem zwischen all den vielen jungen Menschen, die inzwischen selbstverständlich „wir“ zu allen anderen Menschen sagen, mit denen sie sich verbunden fühlen, die sich gegenseitig unterstützen und keine Lust mehr darauf haben, Besitztümer zu verteidigen. Sie finden sich in den Foren des Worid Wide Web und in den Kneipen und Cafes um die Ecke. Sie engagieren sich für den Erhalt der Vielfalt kultureller Lebensformen, für den Artenschutz und gegen die Absurditäten unserer gegenwärtigen Verschwendungsgesellschaft. Sie sind auf vielfache Weise miteinander vernetzt und können, wenn sie wollen, in kürzester Zeit jede neue Information über den ganzen Erdball verbreiten. Sie lassen sich nicht vereinnahmen und sie lassen sich auch nicht kaufen. Manchmal bezeichnet man diese Gemeinschaften als die Bewegung der „Kulturell-Kreativen“. Der gemeiname Geist, der sie zusammenhält ist nicht besonders stark, aber dafür schließt er auch niemanden aus, jeder kann sich mit ihnen vernetzen, überall auf unserem Planeten. Sie sind gleichzeitig verbunden und frei. Und sie sind weiter auf der Suche. Ihnen gehört die Zukunft.

Eine Einladung
Ob diese Zukunft gelingen wird, hängt davon ab, ob ausreichend viele Menschen sich ihrer Sehnsüchte und Potenziale bewusst werden und Entwicklungsräume dafür öffnen und gestalten. Und ob es ihnen gelingt, sich mit ihren jeweiligen Talenten und Begabungen, mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen in einer Weise so zusammenzuschließen, dass etwas entsteht, was mehr ist als das, was ein einzelner Mensch allein zu leisten imstande wäre. Der Philosoph Max Scheler hat es vor hundert Jahren so gesagt: „Geist“ und damit auch „Begeisterung“ entsteht immer dann, wenn Liebe - also Verbundenheit und Freiheit - sich mit Wissen verbindet.
Deshalb möchten wir Sie, liebe Leserin, lieber Leser, herzlich einladen, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit uns und allen anderen zu teilen. Schreiben Sie eigene Erlebnisse und Erfahrungen auf, die ihnen gezeigt haben, dass es gelingen kann, unsere menschlichsten Sehnsüchte zu erfüllen. Schildern Sie Beispiele, die deutlich machen, dass es überall möglich ist, Erfahrungsräume zu schaffen, in denen Menschen erleben, wie bereichernd es ist, wenn sie gemeinsam mit anderen über sich hinauswachsen. Schicken Sie diese Beispiele an www.sinn-stiftung.eu/forum.

Aus: Gerald Hüther/ Maik Hosang: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe - Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 104 – 118, Kreuz Verlag, Freiburg 2012, mit freundlicher Erlaubnis


Der Autor Dr. Gerald Hüther leitet die Abteilung für Neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg.
Der Autor Dr. Maik Hosang ist Sozialökologe, Mitgründer des Modellprojekts LebensGut Pommritz, wo er auch lebt. Autor zahlreicher Bücher.



Buchtipp
Gerald Hüther/ Maik Hosang, Die Freiheit ist ein Kind der Liebe - Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, € 16,99, Kreuz Verlag


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