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Ausgabe Dezember 2013
Paare, die leuchte, Vom Doppel-Ich zum Wir. Jochen Meyer


Immer wieder kommen Paare zu mir in die Beratung, deren Beziehung oberflächlich gesehen funktioniert und denen doch etwas Wesentliches fehlt. „Wir haben beide ein angespanntes und angefülltes Berufsleben, aber wir unternehmen nicht mehr viel miteinander.“ - „Ich bin abends so erschöpft, dass ich meinem Mann kaum noch zuhören kann – umgekehrt ist es aber genauso: Wir reden nur noch über das Allernötigste.“ Viele Paare verbringen nur noch ein Minimum an Zeit miteinander; praktisch immer gibt es etwas, das wichtiger zu sein scheint: Der Job geht auch am Wochenende weiter, wichtige E-Mails müssen beantwortet und neue Kontakte in den sozialen Netzwerken gepflegt werden. Dann muss der Haushalt erledigt, das Kind versorgt, die beste Freundin getroffen, schnell noch etwas für die Fitness getan und der nächste Familiengeburtstag geplant werden. Irgendetwas ist immer. Kein Wunder, wenn sich die Liebe nur noch schal anfühlt und im Bett auch nicht mehr viel läuft. Schauen wir genauer hin, so zeigt sich schnell, dass hier zwei Einzelwesen miteinander in Beziehung sind, ohne dass ein „Wir“ spürbar ist. „Das stimmt“, höre ich dann oft, „ich kann uns als Paar nicht mehr spüren – wir machen beide unser Ding, aber wann sind wir schon einmal wirklich so etwas wie ein Team, das an einem Strang zieht?“
Auch wenn grundsätzlich anerkannt werden muss, was Paare heutzutage bei der Bewältigung der alltäglichen Anforderungen des Lebens alles leisten, so ist auf der anderen Seite klar, dass hier wesentliche Sehnsüchte und Bedürfnisse einer Liebesbeziehung nicht erfüllt werden: Etwa das Bedürfnis nach Bestätigung und Bestärkung durch den Partner, das nach Zugehörigkeit und Verbundensein oder das Bedürfnis nach echtem partnerschaftlichem Miteinander.

Die Beziehung - ein lebendiges Wesen
Paaren, denen es an diesen Qualitäten fehlt, schlage ich vor, sich ihre Liebe einmal wie ein lebendiges Wesen vorzustellen, das sie gemeinsam nähren und pflegen. Eine Liebesbeziehung ist ein gemeinsames Drittes zwischen zwei Partnern; und dieses „Wir“ hat Bedürfnisse, die erfüllt werden möchten. Einer Beziehung geht es gut, wenn sich beide Partner gleichermaßen für sie interessieren, sich für sie engagieren und in sie investieren. Umgekehrt verkümmert eine Beziehung, wenn sie unaufmerksam behandelt, nicht richtig ernst genommen oder gar vernachlässigt wird. Eine Liebesbeziehung bedarf permanenter Aufmerksamkeit, Pflege und des ständigen Dranbleibens beider Partner, dann gedeiht sie und blüht auf. Paare, die dies verstehen, nehmen sich Zeit füreinander, auch wenn die Umstände noch so widrig sind. Sie setzen ihre Prioritäten anders – sie reden miteinander und tauschen sich regelmäßig über ihre Erlebnisse aus, so dass der eine Partner immer weiß, wo der andere gerade innerlich ist. Sie unternehmen etwas zu zweit und schaffen immer wieder neue, verbindende Erfahrungen. Sie kultivieren bestimmte Vorlieben und entwickeln gemeinsame Interessen und Alltagsrituale, durch die sie ihr Zusammengehörigkeitsgefühl weiter stärken. Sie leben paar-zentriert und nicht partner-zentriert; und auch nicht ich-zentriert, job-zentriert oder kind-zentriert. Ihre Gedanken kreisen nicht nur um Fragen wie: „Was kriege ich an Liebe von meiner Partnerin oder von meiner Beziehung?“ oder „Bekommt mein Partner genügend Liebe von mir?“ Ihr Bewusstsein behält das „Wir“ im Blick und fragt immer wieder: „Was braucht unsere Beziehung, damit es ihr gut geht? Was kann ich, was könnten wir für sie tun?“ Sie unterscheiden ein „mir zuliebe“, „dir zuliebe“ und „uns zuliebe“, das für verschiedene Bewusstseinsgrade in der Liebe steht.
Oft denken wir die Liebe zu sehr als etwas, das wir kriegen müssen und das uns von anderen oder vom Leben gegeben werden muss. Etwas Neues entsteht, wenn wir Liebe als etwas begreifen, das immer schon vorhanden ist – als Schwingung des Universums oder als kosmische Energie – die wir zu uns einladen, die zu uns kommt und die uns als liebende Partner erfüllt. Neue Dimensionen erschließen sich, wenn wir uns als Erfüllungsgehilfen im Dienste der Liebe sehen und uns zur Aufgabe machen, uns selbst, unseren Partner und unsere Beziehung zum Leuchten zu bringen.

Die spirituelle Liebe auf den Boden bringen
Miteinander verbunden sein können wir, wenn wir mit uns selbst verbunden sind. Wenn wir uns und unsere Grenzen spüren, unsere Bedürfnisse mitteilen, unsere Emotionen regulieren und lernen, mehr Nähe zuzulassen. Wenn wir lernen, wie wir die Quelle der Liebe in uns finden, uns selber nähren und Verantwortung für unser Ego und unser Verhalten übernehmen. All dies geht nicht ohne Verbindung nach Innen. Eine regelmäßige spirituelle Praxis ist für viele bewusste Liebende der beste Weg der Selbsttransformation, und natürlich kann es besonders erfüllend sein, wenn man zu zweit auf dem spirituellen Pfad ist. Der spirituelle Pfad hilft zu verstehen, dass es in Ihrer Partnerschaft nicht um das geht, was Sie bekommen, sondern um das, was Sie hineingeben.
Wenn wieder einmal das altbekannte Gefühl hochkommt, zu kurz zu kommen, hilft den bewusst Liebenden die Vorstellung, dass sie im Dienste von etwas sind, das sie gewählt hat und dass sie sich darin üben, ein Paar zu werden, das leuchtet. Und sie entdecken dann, dass Erfüllung in ganz anderem gefunden werden kann, als sie sich bislang vorgestellt haben. Zum Beispiel wenn sie ihm zuliebe auf einen Teil des geplanten Urlaubs verzichtet, damit er eine wichtige Fortbildung wahrnehmen kann. Oder indem er ihr die Zeit gibt, die sie sich für die Pflege eines erkrankten Angehörigen nehmen möchte, auch wenn das den Verzicht auf gemeinsame Wochenenden bedeutet. Hier erleben beide, wie sich das „dir zuliebe“ unmittelbar in ein „uns zuliebe“ erweitert. Sich zu solchen Entscheidungen durchzuringen und die Belastungen des Lebens gemeinsam zu tragen, kann stärkender und verbindender für das „Wir-Gefühl“ sein als ein perfekter Urlaub. Es ist berührend zu sehen, wie Paare leuchten können, wenn sie gestärkt aus einer Entfremdungs-Krise hervorgehen und auf eine neue Weise zueinander finden.

Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. www.jochen-meyer-coaching.de


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