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Ausgabe Dezember 2013
Liebe ist mehr als alles andere. Bruno Martin

Die spirituelle Sicht auf die Liebe ist mit dem Verstand schwer zu begreifen, es handelt sich dabei eher um eine Art von energetischem Geschehen, meint der Autor Bruno Martin, der sich mit diesen Zusammenhängen schon sehr lange beschäftigt.


Die Kraft der Liebe durchzieht alle Schichten des Seins. In dem Entwurf einer „Stufenleiter“ der Energien von John G. Bennett wird diese Kraft „oberhalb“ der kreativen und bewussten Energie angesiedelt (siehe dazu mein Buch „Der Wunderland-Effekt“). Es wäre jedoch irreführend zu denken, dass Liebe oder die „vereinigende Energie“, wie Bennett sie bezeichnet, völlig unerreichbar oder jenseits der erfahrbaren Welt sei. Im Gegenteil: Gerade weil die kosmische Liebe aus der Welt des Geistes kommt, kann sie über die Grenzlinie oder die „Lücke“ zwischen Geist und Materie schreiten und alle Bereiche der Existenz durchdringen. Da kosmische Liebe jedoch aus der geistigen Welt kommt und eine spirituelle Qualität hat, können wir die Liebe immer nur vermittelt erfahren, sie ist nicht materiell oder „greifbar“, wir können sie nicht festhalten, weil sie einfach „da ist“ oder nicht da ist.
Solange der Schwerpunkt unseres Daseins im materiellen, körperlichen Dasein zentriert ist, äußert sich Liebe über die Berührung der Körper, über den direkten sexuellen Kontakt. Jede/r spürt instinktiv, dass rein körperliche Sexualität und Liebe zwei verschiedene Dinge sind - wenn auch Sex von Liebe durchdrungen sein kann. Vermischt sich die Liebe mit den Emotionen, entsteht Anziehung und Abneigung, „besitzen wollen“ und Eifersucht, manchmal sogar Hass, wenn der oder die andere nicht auf die Wünsche des „geliebten“ Menschen eingehen kann oder sie vernachlässigt. Erst mit dem Schwerpunkt im Bewusstsein hat die Liebe die Kraft der Vereinigung.
Das Konzept von Anima und Animus, das C.G. Jung eingeführt hat, verdeutlicht, dass jeder Mensch in seinem Wesen weibliche und männliche Anteile in sich trägt. Animus ist das lateinische Wort für „Geist“ und Anima das Wort für „Seele“ oder auch „Atem“. Ich denke, dass man sich diese beiden Anteile wie die zwei Pole elektrischer Energie vorstellen kann, die bei einer Verbindung den Strom liefern. Die Bezeichnung von Anima und Animus als „Archetypen“ greift jedoch zu kurz. Tatsächlich sind es zwei kosmische Energien, welche die chinesischen Daoisten als Yin und Yang bezeichnen.
„Bewusste Liebe erweckt bewusste Liebe, emotionale Liebe ruft das Gegenteil hervor, körperliche Liebe hängt von Polarität und Typus ab.“ G.I. Gurdjieff
Bei einer Liebesbeziehung entsteht ein Strom zwischen den beiden Polen, der wiederum Rückwirkung auf die Weckung des anderen Pols im jeweiligen Menschen hat. Dasselbe geschieht genauso in homosexuellen bzw. lesbischen Partnerschaften. Das äußere Geschlecht spielt für diese Wesensanteile keine Rolle.
In einem intensiven, erhöhten Bewusstseinszustand und wenn der „Stromkreis“ geschlossen ist, ist es möglich, in Kontakt mit der „überpersönlichen“ Kraft der Liebe zu kommen und zu erleben, wie sich alle Gefühle, alle Gedanken und sogar die Körper verändern.
Wer diese Vereinigung einmal erlebt hat, kann diese überwältigende Erfahrung verstehen. Selten ist es möglich, diese Durchdringung aller Schichten des Seins durch eine kosmische Kraft, die wir in keiner Weise erfassen können, auszuhalten. Wir können sie auch nicht bewusst erleben, wir erfahren einfach etwas Unerfassbares, Unergründliches, das uns vollständig durchdringt und Körper und Seele in eine Art stille Ekstase versetzt. Liebe hat uns dann ganz vereinnahmt, ihre Kraft ist so groß, dass es unmöglich ist, sie einfach „abzuschalten“. Wir könnten in diesem Zustand jeden Menschen lieben – selbst wenn wir ihn nicht kennen, und es spielt dabei sogar keine Rolle ob wir diesen Menschen mögen oder nicht. Diese Kraft geht während einer intensiven sexuellen Vereinigung der Liebenden über die physischen, sexuellen Gefühle weit hinaus. Bei einer solchen Vereinigung werden beide Kräfte – die aktive und rezeptive Kraft - zu einer Ganzheit, in der das vereinigende, versöhnende Element als dritte Kraft in das Leben eintritt. Die Liebenden merken, dass hier etwas Überwältigendes geschieht, doch es lässt sich nicht lange halten und verschwindet in Sekundenbruchteilen wieder. Dennoch bleibt etwas in der Seele bestehen und kann immer wieder lebendig werden.
Es besteht aber auch die Gefahr, dass dieses Erlebnis vom Reaktionsmechanismus der einfachen Emotionen der Persönlichkeit aufgesaugt wird und in Eifersucht oder Besitzgier fließt. Wenn es gelingt, diese zwei Ebenen zu unterscheiden, kann das Gefühl der überpersönlichen Liebe das Leben und die Partnerschaft auf einer ganz tiefen Ebene bereichern und wird schließlich zu einem größeren Teil des gemeinsamen Lebens. Diese Liebe ist dauerhaft, ohne dass das Gefühl entsteht, an einen Partner angekettet zu sein.
Je mehr Menschen in Kontakt mit dieser transzendentalen Kraft kommen, desto mehr durchdringt sie das ganze Leben und schließt andere Lebewesen nicht aus, sondern bezieht sie in die Liebe ein. Wenn einem Menschen bewusst wird, dass diese Kraft einen Platz in seinem Leben eingenommen hat, wird sie nicht mehr als „vergänglich“ erlebt, wir haben die Gewissheit, dass sie immer da ist. Voraussetzung dafür ist ein wacher Bewusstseinszustand, der ausreichend offen dafür ist.
Wenn die Kraft des unvergänglichen „Geistes der Liebe“ dauerhaft im Zentrum des Wesens verankert ist, kann diese Liebe auch dauerhaft strömen oder immer wieder von neuem geweckt werden. Noch häufiger kommt es vor, dass diese Liebe plötzlich da ist, ohne dass wir irgend-etwas dafür tun müssen – doch das kann nur geschehen, wenn wir sie in unser Wesen hereinlassen.


Bruno Martin, geb. 1946, gibt seit vierzig Jahren Seminare zu den Grundlagen von G. I. Gurdjieff und John G. Bennett.
Er ist Autor vieler Bücher, u.a. „Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff“, „Das Lexikon der Spiritualität“, „Intelligente Evolution“ - siehe www.brunomartin.de und www.gurdjieff-work.de.
Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau Nana Nauwald, Künstlerin und Autorin, in der Lüneburger Heide - www.visionary-art.de und www.ekstatische-trance.de


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