aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2013
Liebe erfordert Mut. Annemarie Postma


Wenn es um die Liebe geht, stellen wir unser Schicksal häufig fast wie von selbst außerhalb von uns und geben damit die Verfügungsgewalt über unsere Zukunft eigentlich aus der Hand. Haben Sie nicht auch schon einmal heimlich davon geträumt – auch wenn Sie es tief in Ihrem Herzen besser wissen –, dass Ihre Seele plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, erfüllt wird von etwas, was Ihnen das ewige Glück bringt, ohne dass Sie selbst etwas dafür tun müssen? Wahrscheinlich kennen Sie die Neigung gut, Macht und Kraft überall zu sehen – außer in Ihnen selbst. Und Sie glauben hin und wieder ziemlich stur, dass das, was das Leben Ihnen bringt, nichts mit dem zu tun hat, was Sie selbst wollen; dass das Wunder des Lebens und der Liebe einen nun einmal „überkommt“ oder auch nicht, und dass das Leben aus Hoffen und Warten besteht, ob man zu den Glücklichen gehört oder nicht. Merkwürdigerweise sind wir es gewohnt, nach der Liebe zuerst im Außen zu suchen und Liebe als etwas Äußerliches zu sehen, anstatt als etwas, das an und für sich immer etwas Inneres ist. Liebe ist vor allem die Folge des Mutes, den eigenen Ängsten zu trotzen, und das geistige Ergebnis von Willens- und Tatkraft.
Ein großes Missverständnis von der Liebe ist, dass sie einen einfach so überkommt. Das mag uns vielleicht so vorkommen, es ist aber nicht so. Liebe fällt nicht vom Himmel, so stark Sie sie sich auch wünschen oder wie kräftig Sie sie sich visualisieren mögen. Verliebtheit, die überkommt Sie. Verliebtheit ist der Köder, um Sie dazu zu bringen, das zu tun, was Sie im Vollbesitz Ihres Verstandes nie getan hätten: den Sprung in die Liebe zu tun. Liebe ist vor allem die Folge des Mutes, den eigenen Ängsten zu trotzen, und das geistige Ergebnis von Willens- und Tatkraft. Verliebtheit erfordert keine weitere Anstrengung, während Liebe die Bereitschaft erfordert, sich selbst anzusehen und den Suchscheinwerfer nach innen zu richten anstatt nach außen. Liebe erfordert den Mut, die eigenen Schattenseiten zu sehen, sich für das Unbekannte zu öffnen und zu akzeptieren, dass es etwas zu lernen gibt. Da ist nichts Alltägliches oder Selbstverständliches an der Liebe.
Oft wird Ihnen Ihre Beziehung genau dann unsicher oder kompliziert erscheinen, wenn Sie denken: Das kann nicht die wahre Liebe sein! Meistens ist dies der Punkt, an dem die Schmetterlinge der Verliebtheit sich langsam verflüchtigen und sich die Traumbilder langsam in das wahre Bild des anderen wandeln. Doch es ist genau anders herum: Wenn die Romantik der ersten Phase Ihres Zusammenseins der alltäglichen Wirklichkeit Platz macht, werden jene Eigenschaften bei Ihnen wieder zum Vorschein kommen, von denen Sie gehofft hatten, dass sie durch das Zusammensein mit dem Geliebten verschwinden würden. An diesem Punkt brechen viele die Beziehung ab oder beginnen, an ihr zu zweifeln. Ist er (oder sie) es wirklich? Doch in einer Beziehung zeigen Sie einander die Stellen, an denen gearbeitet werden muss. Ihr Partner ist nicht dazu da, Ihre Schwächen auszugleichen und zu überdecken, sondern dafür, sie bloßzulegen. Das ist der Sinn und Zweck Ihrer Beziehung! In einer Beziehung zeigen Sie einander die Stellen, an denen gearbeitet werden muss. Liebe ist, was Liebe tut.
Oft ist es die Angst unseres Egos, das alles regeln und beherrschen will, die uns dazu bringt, aus einer Beziehung zu flüchten, wenn wir uns mit unserem Schmerz und unseren Wunden konfrontiert sehen, die Liebe aber eigentlich Kraft und Begeisterung erfordert. Wenn in Ihrer Beziehung alles schön und nett ist, dann ist es nicht schwer zusammenzubleiben; gemeinsam eine gute Zeit haben, kann jeder. Doch es erfordert Mut – sehr viel Mut – und man muss seine Ängste kennen und beherrschen, um wirkliche Liebe zu haben. „Wir führten eigentlich eine gute Ehe“, sagte eine gute Freundin von mir bald nach ihrer Scheidung. „Wirklich?“ fragte ich sie. „Als es ernst wurde und Rob deine Erwartungen nicht mehr erfüllen konnte und du nicht seine und ihr beide durch die Probleme in eurer Beziehung aufgefordert wurdet zu wachsen, als ihr aufgerufen wurdet, euch bedingungslos zu lieben, da saßt ihr beide ganz schnell beim Scheidungsanwalt!“ Sie können wahre Liebe nur an den Taten der Person erkennen, die behauptet zu lieben.
„Liebe ist, was Liebe tut“, schrieb der Psychiater Scott Peck in „Der wunderbare Weg“. „Liebe ist der Wille, die Grenzen des eigenen ›Ich‹ zu überschreiten, um so die eigene spirituelle Entwicklung oder die des anderen voranzubringen.“ Ein vielsagender Satz. Liebe ist in der Tat viel mehr als Worte. Ich hatte einmal einen Geliebten, der mich mit den prächtigsten Liebeserklärungen und den romantischsten E-Mails zuschüttete. Nachdem er mich getroffen hatte, war seine unstete Suche nach Sinnhaftigkeit im Leben endgültig vorbei. Er liebte mich sehr und wollte, dass ich erfuhr, wie es ist, wenn jemand da ist, der sich mir völlig hingibt. Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er wieder zwanzig Jahre in die Zukunft und wollte nichts mehr, als dass ich seine „letzte Frau“ sei. Doch schon nach zwei Monaten hatte er sich von mir entfernt. Nicht, dass es Probleme gab; ganz im Gegenteil, es war phantastisch. „Wir gehören zusammen, nicht wahr?“ sagte er oft.
Doch als ich dann sehr krank wurde, hörte ich nichts mehr von ihm, und er kam nicht einmal vorbei, um nach mir zu sehen. Nach zwei Monaten rief er mich wieder an. Er liebe mich, sagte er, und er wolle von jetzt an immer und ewig mit mir zusammen sein. Doch ging er gleich darauf allein ins Ausland, und als er zurückkam, sagte er: „Diese Beziehung ist mir zu intensiv.“
Natürlich warf ich ihm all seine Liebesschwüre und Versprechen entrüstet vor die Füße. „Ich verstehe dich ja,“ sagte er, „aber ich habe es wirklich alles so gemeint!“ Daran zweifelte ich auch nicht, aber Worte sind leicht gesagt und – im dem Moment, in welchem sie gesprochen oder aufgeschrieben werden – auch leicht so gemeint. Woran ich jedoch bald zweifelte, war sein Mut, sich mit sich selbst zu konfrontieren und seiner Liebe zu mir wirklich Gestalt zu geben – bloß Versprechen zu machen, ist eine ganz andere Geschichte.
Wirkliche Liebe ist viel mehr eine Frage von Willen als von Gefühlen. Es ist einfach und auch schön, den anderen mit Worten wissen zu lassen, wie viel Ihnen an ihm liegt, und es ist angenehm, die Heftigkeit und Echtheit Ihrer Liebe an Ihren Gefühlen zu bemessen. Aber mit Ihrem Verhalten zu zeigen, dass Sie die Liebe gefunden haben, das ist oft mühsam und nicht selten ernüchternd. Und umgekehrt können Sie echte Liebe nur an den Taten desjenigen erkennen, der behauptet, Sie zu lieben. Scott Peck sagt dazu: „Ebenso wie Gut und Böse sind echte und unechte Liebe objektive – und nicht bloß subjektive – Dinge.“


Die Autorin Annemarie Postma, geboren 1969, studierte Jura und wurde das erste professionelle Fotomodell Europas mit einer Behinderung. 1995 kam sie in den Playboy, woraufhin sie in vielen in- und ausländischen Talkshows ein gern gesehener Gast wurde. Inzwischen hat sie sich zu einer erfolgreichen Publizistin und Schriftstellerin entwickelt; sie widmet sich vor allem den Themen Selbstwert und Selbstachtung. www.deeper-secret.de

Buchtipp
Annemarie Postma: Das tiefere Geheimnis der Liebe, The Deeper Secret of Love, 144 S., Hardcover, 17,95 € (D), ISBN: 978-3-89060-596-8, Neue Erde Verlag


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.