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Ausgabe Dezember 2013
Die kleine und die große Liebe. Wolf Schneider


Nichts lockt uns so sehr wie die Liebe, nichts bewegt und entzückt uns so sehr und versetzt uns in den siebten Himmel. Es stürzt uns jedoch auch nichts so sehr in Verzweiflung wie die Liebe, wenn sie zu fehlen scheint, wenn wir verschmäht oder verraten oder als Kind vernachlässigt werden. Kaum ein Satz ist so verführerisch wie „Ich liebe dich“ und kaum ein Wort so vielfältig schillernd und missverständlich wie „Liebe“. Wohl nur noch die Begriffe Geist, Spirit und Herz können uns so sehr faszinieren und doch zugleich verständnislos hinterlassen wie das Wort „Liebe“.

Spiritualität und Liebe
Wenn es dann auch noch in spirituelle Gefilde geht, kommen wir aus dem Zwielicht des Romantischen ins Nebulöse des Alles-irgendwie-Richtigen; da versteht mensch dann gar nichts mehr. Oder doch? Gibt es denn eine Liebe, die man spirituell nennen könnte? So was wie das, was die alten Griechen Agape nannten und der klassische Buddhismus Metta? Da geht es um eine sehr weite Art der Liebe, die nicht nur einzelne Personen ins Auge fasst, die Eros mit seinem Pfeil sich auserwählt hat als Objekt seiner Zuwendung, sondern um das Große, Ganze. Und diese weite Art der Liebe hält nicht nur einzelne Akte für gut, die in alten Schriften oder von verehrten Autoritäten idealisiert werden. Ein solches weites Verständnis von Liebe ist dann fast identisch mit dem, was wir heute unter dem Begriff Spiritualität verstehen.
Was sollte Spiritualität denn auch sonst sein, wenn nicht das, was sich zeigt, wenn wir lieben und in dem, wie wir lieben? Und was sollte Liebe denn anderes sein als Spiritualität, wenn sie nicht nur Begehrlichkeit, Ekstase und Leidenschaft ist, sondern Empathie, Hingabe, Präsenz und Akzeptanz? Wer in den Raum eintaucht, auf den die spirituellen Wege und Praktiken verweisen, taucht in eine Liebe ein, die tief und weit ist – oder hat seinen Weg verfehlt.

Ab in die Niederungen
Dennoch möchte ich aus diesen himmlischen Sphären erstmal wieder herabsteigen ins Reich des Begehrens und Ablehnens, in die Welt der Leidenschaften und Unpässlichkeiten unter uns zwar zeitlos Liebenden aber doch zeitig Streitenden, Parteiischen, Kleines und kleinlich Erstrebenden. Dorthin, wo die Liebe wurzelt: in die Mutter-Kind-Beziehung und den körperlichen Sex (es gibt ja auch geistigen Sex).
Aus der Biologie wissen wir, dass das Küssen aus der Mund-zu-Mund-Fütterung in der Brutpflege stammt und Jahrmillionen alt ist, ebenso die Akte der Zärtlichkeit, das Kuscheln, Streicheln, Sich-aneinander-Schmiegen und Umarmen. Während Symbolforscher entdecken, dass das Herz, das universelle Symbol der Liebe, nicht etwa eine Abbildung des physischen Herzens ist, sondern das paarungsbereite weibliche Gesäß von hinten zeigt, also von seiner Form her aus einer Zeit stammt, in der unsere Vorfahren sich beim Sex noch nicht einmal ansahen und nicht in erster Linie die verführerisch leuchtenden Augen der Frau oder ihre Brüste den prähominiden Mann lockten, sondern ihr Hinterteil.

Das kleine und das große Glück
Bert Hellinger hat immer wieder vom kleinen und vom großen Glück gesprochen und vertreten, dass man sich zwischen beiden entscheiden müsse. Zwischen dem Weg der großen Künstler und Gottsucher, die die göttliche Liebe suchten, die Erleuchtung, das große Glück – und dem der einfacheren Leute, die einer einfachen Arbeit nachgehen, eine verlässliche Paarbeziehung pflegen und sich damit abfinden, dass das Leben Höhen und Tiefen hat und ihnen das große Glück nicht beschieden ist. Und seine Empfehlung war: Entscheide dich für das kleinere!
Sieht man sich die großen Künstler und deren Privatleben an, oft auch das der großen Heiligen, Erleuchteten und Erleuchtungssucher, fällt es leicht, sich dieser Sicht anzuschließen. Auch die weltweit verehrte Mutter Teresa mag hier als Beispiel gelten. Sie galt viele Jahrzehnte lang als Inkarnation des Mitgefühls und der selbstlosen Liebe und erhielt für ihr Werk 1979 den Friedensnobelpreis. 2007, zehn Jahre nach ihrem Tod, erschienen jedoch ihre zu Lebzeiten geheimen Tagebücher und zeigten sie als Verzweifelte, die nach ihrer Berufung im Jahr 1946 bis zu ihrem Tod 1997 den Kontakt zum Göttlichen nicht mehr fand und sich selbst für eine Heuchlerin hielt.
Denen, die den zweiten Weg gehen, den des kleinen Glücks, traute Hellinger eher zu, ein passabel glückliches Leben zu führen als denen, die auf das Kleine verzichteten, um das Große zu finden. Dem gegenüber stehen jedoch die der spirituellen Liebe Hingegebenen, wie etwa Thomas Merton, Eckart Tolle oder Joanna Macy, die Ekstasen erlebten und erleben, die ein normales Haushälterdasein nur in den seltensten Fällen bietet. Solch großes Glück erlebten auch die Künstler, die das Große suchten ohne Verzicht, wie etwa Picasso und viele andere Schöpfungstrunkene, dem Flow Hingegebene. Diese das Große, weit über sie Hinausgehende Suchenden, kann man nicht alle unglücklich nennen, so wie Mutter Teresa, oder nur als dionysisch Berauschte, Süchtige bezeichnen, obwohl ihr Verhalten die Grenzen des Konventionellen überschreitet und manchmal schlicht asozial ist.

Spiritualität und Leidenschaft
Die große Liebe zeigt sich auch in der Literatur und Kunst der Romantik; heute vielleicht noch häufiger in Spielfilmen. Der 1943/44 im besetzten Frankreich gedrehte Film „Die Kinder des Olymp“ gilt vielen als der größte Liebesfilm aller Zeiten. In der Liebe (und Sehnsucht danach) zeigt er die große Liebe, hier die des Pantomimen Baptiste zu Garance, und kontrastiert sie mit den vielen Fällen kleiner Liebe, auch in Baptistes Leben selbst, der trotz seiner großen Liebe zu Garance die ihn (klein, realistisch) liebende Nathalie heiratet und mit ihr Alltagsglück erfährt. Die große Liebe der Künste ähnelt der spirituellen Liebe und ist dabei doch leidenschaftlich. Allerdings ist auch der spirituelle Liebesbegriff des Sufismus und der islamischen Mystik, wie er sich etwa in der Geschichte von Leila und Majnun zeigt, ein leidenschaftlicher, und auch der Liebesbegriff des Tantra ist ein sowohl weiter, spiritueller (wie Agape und Metta) als auch einer, der die kleine, persönliche, leidenschaftliche Liebe mit einschließt, die Liebe nicht nur der transpersonalen Ekstasen, sondern auch die des Alltags mit seinen Höhen und Tiefen.
Wahrscheinlich kann man auch vom historischen Jesus von Nazareth sagen, dass er ein sowohl klein wie groß Liebender war. Hatte er nicht auch Sex mit Maria Magdalena und teilte mit ihr Alltägliches? Vielleicht hatte er sogar Kinder mit ihr. War er sauer, wenn sie mal nicht wollte, und sie war frustriert, wenn er zu früh kam? Jedenfalls war Jesu Liebe zu Maria Magdalena nicht nur eine sehr persönliche, sondern auch eine erotische und steht damit in Gegensatz zu dem, was die Hirten des Christentums bis ins 20. Jahrhundert Millionen ihrer Schafe als Ideal der Liebe angepriesen haben. Und das tun sie bis heute, auch unter Papst Franziskus noch immer, der den Namen eines anderen, unkonventionell groß Liebenden trägt, der jedoch, anders als sein Vorbild Jesus, nicht imstande war, die große mit der kleinen Liebe zu vereinbaren.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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