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Ausgabe November 2013
Zurück zur Ganzheit. Gisela Bast

Traumaheilung durch Somatic-Experiencing

Wir alle haben im Laufe des Lebens überfordernde Situationen erlebt wie etwa einen Unfall, den plötzlichen Tod einer geliebten Person, emotionale Vernachlässigung in der Kindheit oder Gewalt und andere Grenzverletzungen. Für unser Nervensystem sind diese Ereignisse nicht zu verarbeiten, besonders in früher Kindheit. So kommt es zu einem Verlust der Verbindung zu uns selbst, zu unserem Körper, zu anderen Menschen und zur Welt. Doch es gibt heute wirksame Möglichkeiten, traumatische Erfahrungen therapeutisch zu bearbeiten.
Durch traumatische Ereignisse werden unser Selbstwertgefühl und unsere Freiheit eingeschränkt. Wir tun so, als ob nichts geschehen wäre, aber Symptome wie übermäßige Wachsamkeit oder plötzliche Stimmungswechsel belasten unseren Alltag. Während des Traumas kommt es zu einer Aktivierung, und diese immense Energie kann nicht integriert werden. Nervosität, Zustände von Abwesenheit oder Mangel an Selbstvertrauen sind mögliche Folgen.
Tiere verfügen über angeborene Mechanismen, die es ihnen ermöglichen, die hohe, im Überlebenskampf mobilisierte Stress-Energie wieder abzubauen. In freier Wildbahn sind Tiere häufig lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt, werden jedoch nicht nachhaltig traumatisiert. Sie kämpfen, flüchten oder erstarren. Nachdem die Gefahr vorbei ist, löst sich der Totstell-Reflex auf, es kommt zum Zittern und Vibrieren im ganzen Körper und das Ereignis ist gelöst. Im Somatic-Experiencing werden diese komplexen psycho-physiologischen Abläufe berücksichtigt. Die von Peter Levine entwickelte Form der Traumatherapie führt zur schrittweisen Entladung der im Körper aktivierten Überlebensenergien. Die traumatischen Inhalte werden langsam und präzise verbal und nonverbal bearbeitet. Die Möglichkeiten von Orientierungsreflex, Kampf, Flucht, Verteidigung werden erlebbar und damit die gebundene Lebensenergie zurückgewonnen. In körperlichen Verspannungen eingefrorene Energie oder andere Symptome wie Schmerzen können sich langsam auflösen. Wir schaffen somit die Voraussetzungen für eine Neuregulierung des autonomen Nervensystems und unterstützen die Entladung von Trauma.

Arbeiten mit dem „felt sense“
Somatic-Experiencing ist deshalb so wirkungsvoll, weil es direkt mit dem Reptilienhirn arbeitet. Dort liegen unsere Flucht-, Kampf- und Starre-Reflexe und unsere inneren Ressourcen. Über unsere Empfindungen erreichen wir diesen Teil unseres Gehirns und kommen direkt in eine feinere Wahrnehmung. Und über die Wahrnehmung unserer ganzheitlichen inneren Empfindungen, „felt sense“ genannt, sinken wir tiefer in unsere unmittelbare Erfahrung im Hier und Jetzt; eine organische Intelligenz übernimmt und es kommen neue überraschende Antworten aus dem Körper als Antwort auf das erlebte Trauma. Die eingebundene Energie löst sich langsam auf.
Die Besonderheit im Somatic-Experiencing liegt in der systematischen Arbeit mit dem „felt sense“. So werden Gedanken, Bilder, Gefühle und Emotionen verdaut und in kleinen Schritten verarbeitet. Das gleichzeitige Wahrnehmen verschiedenster Empfindungsqualitäten führt in einen heilsamen Raum. In unserem Nervensystem findet eine Erneuerung statt, die eingefrorene Energie schmilzt. Die nicht vollzogenen Impulse von Kampf oder Flucht können vollendet werden. Kampf-impulse geben uns Stärke und Lebendigkeit, kreative Impulse von Flucht werden von mir eingeladen. So wird es möglich, das Trauma neu zu verhandeln. Dies setzt innere Kräfte frei und führt zu mehr Freiheit und Lebensfreude.
Die Potentziale im Inneren zu nutzen und eine gute Abwehrstrategie zu entwickeln, hilft Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit neu zu begegnen. Dabei ist eine tragfähige therapeutische Beziehung sehr wichtig. Eine empathische Atmosphäre mit einer freundlichen Stimme und Augenkontakt helfen, Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Bei frühen Bindungsstörungen ist besonders „der Glanz im Auge“ wesentlich und trägt zum inneren Heilungsgeschehen bei. Es können auch Helferwesen aus Film, Tier- und Märchenwelt und die Imagination von wichtigen Personen als Beistand hilfreich sein. Die Rückbesinnung auf freudvolle und gelungene Aktivitäten jenseits des Traumas stärkt das Selbstsystem. In unserer Phantasie können wir zaubern; damit geben wir uns Erlaubnis und Selbstvertrauen. In der Begleitung achte ich auf Erdung, Zentrierung und Reorientierung in der Gegenwart; der Körpermittelpunkt, das Hara, ist eine wichtige Ressource der Verankerung.

Vom Trauma zur inneren Befreiung
Die Arbeit an Grenzen und eine gesunde Selbstbehauptung stärkt das Gefühl der Wehrhaftigkeit. Atem und achtsames Körpererleben dienen der Selbstberuhigung und der Entwicklung einer verkörperten Anwesenheit. Die Selbstberührung und das eigene Halten aktivieren eine gesunde Selbsterhaltung. Präsenz und Empathie der Therapeutin und das wiederholte Benennen der Körperempfindungen wie Wärme, Kraft, Aufrichtigkeit stärken das Vertrauen in den Körper. Hypnotherapeutische Verfahren wie die Aktivierung von einem „sicheren Ort“, „inneren Beschützern“, „Lichtdusche“ tragen zur Stabilisierung bei. Kritische innere Stimmen, Schuldgefühle, Scham und Selbstvorwürfe werden in einem Prozess von Verstehen und Wertschätzung als Selbstschutz- und Verteidigungsmechanismus normalisiert, was entlastet und integrierend wirkt.
Spirituelle Erfahrungen von Raum und Tiefe, wo vorher Dunkelheit, Angst, Hass und Vernichtung war, sind transformatorische Erlebnisse. Denn ein Trauma kann auch eine Tür zum Erwachen sein. Dieselben Gehirnstrukturen, die zentral für die Auflösung eines Traumas sind, sind auch für spirituelle Erfahrungen zuständig. Menschen mit traumatischen Erfahrungen haben oft einen leichteren Zugang zu erweiterten Bewusstseinszuständen. Sie brauchen aber die Möglichkeit, Verkörperung und Ganzheit zu erleben. Meditation und Spiritualität können ansonsten auch zur Flucht vor dem Schlimmen genutzt werden, um nicht da zu sein und sich selbst nicht zu spüren. Doch mit Achtsamkeit und Präsenz wird es möglich, in die Dissoziation, die Verzweiflung oder die Leere hineinzuspüren und Qualitäten von Frieden, Unterstützung, Licht und Liebe in sich zu finden.
Die Aktivierung der natürlichen Selbstheilungskräfte geschieht im Laufe der inneren Arbeit mit Trauma in vielen kleinen Sequenzen. In den Tiefen unserer Seele ist im Schmerz immer auch eine tiefe Quelle der Selbstheilung enthalten. Das ursprüngliche Trauma führt uns zu einer essentiellen Erfahrung von Weite und Existenz, zur Dankbarkeit dem Leben gegenüber. So ist es möglich, über körperliche Präsenz die innere Befreiung auch von langjährigen Traumata zu erreichen.


Somatic Experiencing Deutschland e.V.
Der Verein Somatic Experiencing Deutschland e.V. bietet Betroffenen wie auch Helfern - -ÄrztInnen, PsychologInnen, HeilpraktikerInnen und anderen Berufsgruppen, die in der Behandlung und Beratung traumatisierter Menschen tätig sind, - Informationen zur Behandlung traumatischer Störungenmittels der SE-Methode und zu Weiterbildungsmöglichkeiten. Somatic Experiencing Deutschland e.V. ist ein gemeinnütziger, eingetragener Verein und wurde 2003 auf Initiative von ca. 50 SE Practitioners bzw. SE Studenten gegründet.
Auf der Internetseite des Vereins finden Interessierte weiterführende Informationen zur Arbeit von Peter A. Levine, zu Somatic Experiencing und den vielen SE-Hilfsangeboten. Therapie-Suchende finden im deutschlandweiten Verzeichnis zertifizierte SE-TherapeutInnen vor Ort.
Kontakt zur Geschäftstelle: Somatic Experiencing Deutschland e.V., www.somatic-experiencing.de

Die Autorin Gisela Bast führt eine Praxis für Körperpsychotherapie, Traumatherapie und Spirituelles Wachstum in Berlin. www.diamond-healing.de


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