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Ausgabe November 2013
Wenn die Seele sich versteckt. Oliver Driver

Über schamanische Zugänge zur Trauma-Heilung

logie eine von außen einwirkende Verletzung der seelisch-psychischen Integrität. Der Schamane ist da eher praktisch orientiert, er spricht von Seelenverlust. Wie Sie unschwer erkennen, hat der Schamanismus - neben der Wirksamkeit - den Vorteil, dass er in seinen Erklärungen und Techniken eine sehr bildliche Sprache benutzt, die für jedermann auf Anhieb verständlich ist. Im schamanischen Weltbild spaltet sich bei einem Trauma ein Teil der Seele ab und wandert tief in das Unbewusste, in die hinterste Kammer, wo er sich zum Schutz vor weiteren Verletzungen verbirgt. Und damit wir wirklich nie wieder verletzt werden, werfen wir den Schlüssel zu dieser Kammer gleich mit weg, so dass niemand dort hin gelangen kann - wir selbst eingeschlossen. Die Q’ero-Heiler in den Bergen Perus führen jede Krankheit auf drei Kernprobleme zurück: einen verlorenen Seelenanteil, auf eine Besetzung oder auf schwere Energien. Für jedes dieser Probleme gibt es einen speziellen Weg der Heilung. Traumata spielen folgerichtig bei den Problemen und Themen, mit denen Menschen zum Schamanen gehen, eine erhebliche Rolle. Dinge, die uns zumeist in unserer Kindheit, aber auch noch in älteren Jahren zustoßen, können schwere Traumata zur Folge haben. Der Begriff bezeichnet nicht das bedrohliche Ereignis selbst, welches die psychischen Verarbeitungskapazitäten eines Menschen komplett übersteigt, sondern er beschreibt die von solchen Ereignissen schwer verletzte Seele und die daraus resultierenden Symptome und Verhaltensweisen. Hierzu gehören Situationen, in denen Lebensgefahr bestand oder jemand zu Tode kam, beziehungsweise schwer verletzt wurde, oder in denen eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit für die Person selbst oder jemand anderen bestanden hat. Wie viele Menschen haben Traumata fort getragen aus Erlebnissen wie Flucht, Krieg, Folter, Unfällen, Katastrophen, Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch, Mobbing, Krankheiten, Verschüttungen. Ein Trauma kann genauso durch den Verlust, etwa das plötzliche Verlassenwerden einer wichtigen Bezugsperson, ausgelöst werden. In meiner Arbeit erweitere ich den Begriff auch auf die scheinbar nicht so schlimmen Erlebnisse unserer Kindheit.

Indizien für einen verlorenen Seelenanteil
Haben Sie nach einem Vorfall gewisse Talente oder Persönlichkeitsmerkmale verloren, kann dies zum Beispiel ein Indiz für einen verlorenen Seelenanteil sein. Oft passiert dies schon im frühen Kindesalter - ein Kind ist nicht so fröhlich wie andere Kinder. Vielmals sind es schon unsere Kinder, die ihre fröhliche Kindlichkeit aufgeben mussten und damit auch ein Stück Optimismus in ihrem Leben verlieren. Ein missbrauchtes Kind würde einen Teil seiner Seele nach dieser traumatisierenden Erfahrung abspalten und im Unterbewusstsein gut versteckt aufbewahren. Seelenabspaltungen müssen jedoch nicht immer derart schreckliche Ursachen haben; die individuelle Bewertung eines Kindes für einen scheinbar viel weniger schlimmen Vorfall kann sehr unterschiedlich sein.
Wenn ein Kind seinen kreativen Anteil verbirgt und nicht mehr zu leben wagt, weil ihm ein Erwachsener gesagt hat, dass sein gerade gemaltes Bild doch nur Krakelei sei, so zieht sich das oft beim Erwachsenen durch das ganze Leben. Vielleicht geschieht dies nicht immer beim ersten Mal, doch möglich ist es. Das Prinzip der Seelenrückführung ist es nun, dass ich diese verlorenen Anteile wieder zurückhole, indem der Schamane eine Reise ins Unterbewusstsein beziehungsweise in die Unterwelt antritt.
Traumata sind also prägende, in der Regel schlimme Ereignisse, die sich als Energie in uns festsetzen können. Diese schwere Energie, die auch schon einmal als „schwarze Flecken“ bezeichnet wird, setzt sich fest in der äußeren Schicht der Aura und behindert von nun an den Energiefluss im Körper. Schwere und leichte Energien sind die beiden Energieformen im schamanischen Weltbild. Sie sind weder gut noch schlecht, sie sind nur anders - und immer relativ. Was für den einen schwer ist, ist für den anderen möglicherweise leicht.
Fühlt die Seele sich nicht verstanden oder ist der Schmerz zu groß, um verarbeitet zu werden, wandert der schwarze Fleck durch die verschiedenen Schichten der Aura nach innen bis zur körperlichen Ebene. Daraus resultieren dann meist seelische und körperliche Schmerzen, die teilweise erst nach ein paar Jahren zum Ausdruck kommen können.
Ein anderes Wort dafür ist Seelenverlust. Ein Teil unserer Seele hat uns verlassen, da er die Welt so nicht ertragen konnte und ist quasi abgetaucht. Ein physisches oder emotionales Trauma kann also bewirken, dass ein Teil unserer Seele, unserer Essenz, aus dem Körper flüchtet, um diese schlimme Erfahrung zu überleben. Dieser Seelenverlust ist eine Art Selbstverteidigung, die verhindert, dass wir die volle Kraft des Schmerzes fühlen müssen. Aus energetischer Sicht könnte man sagen, dass wir eine Energie, die wir einmal hatten, einsperren. Das Gefängnis dieser Energie wird gebildet aus dem Widerstand gegen das, was geschehen ist; gegen die Emotionen, die damit verbunden sind. Die Energie ist zwar noch da, aber sicher verpackt steht sie nicht mehr zur Verfügung. Wenn Sie einen Teil Ihrer Seele verloren haben, sind Sie nicht mehr vollständig, Sie können gar nicht mehr Sie selbst sein.
Wenn wir dazu in Betracht ziehen, dass es durchaus möglich ist, auch mehrmals Teile der Seele zu verlieren, können Sie sich vorstellen, wie unvollständig Sie möglicherweise in Ihrem Inneren sind. Sie fühlen sich irgendwie abgetrennt vom Leben, wissen aber selbst nichts über die Ursache dahinter. Jeder von uns hat den einen oder anderen Seelenverlust im Laufe seines Lebens erlitten. In unserer modernen Gesellschaft lässt sich dies kaum noch vermeiden. Aus dem Seelenverlust resultieren dann die gerade erwähnten Ängste, Panik in gewissen Situationen, aber auch rein körperliche Krankheiten. Das Problem ist, dass diese verloren gegangenen Seelenanteile nicht unbedingt von selbst wieder zurück finden. Von nun an verspüren wir eine Disharmonie in uns oder es sind gar Fähigkeiten verloren gegangen, die wir für unser Leben brauchen könnten.

Durch Seelenrückführungen verlorene Lebensenergie zurückholen
Man könnte sagen, dass diese Seelenanteile in einer Parallelwelt weiter leben, in die der Schamane während einer Sitzung reist und diesen Seelenanteil davon überzeugt, wieder zurückzukommen. Ja, er überzeugt ihn durch Reden davon, dass sein Mensch, seine Restseele, nun bereit ist, ihn wieder aufzunehmen und auch in der Lage ist, sich um ihn zu kümmern. In der Regel geschieht dies durch eine Reise in die Unterwelt, die Welt der Seelenverletzungen, der Glaubenssätze, der Vergangenheit. Bei der Seelenrückführung geht es darum, dieses Stück Lebensenergie zurückzuholen, diesen Seelenanteil, der sich aufgrund eines früheren traumatischen Ereignisses abgespalten hat, zu finden. Nachdem der Schamane den Seelenanteil gefunden hat, setzt er ihn in einer rituellen Handlung wieder dort ein, wohin er gehört. Nun ist die Seele hinsichtlich dieses Aspektes, wegen dem der Klient gekommen ist, wieder ganz. Meist spürt der Klient die Veränderung eher subtil; er hat ein Gefühl der Leichtigkeit, der Klarheit. Erst im Laufe der nächsten Wochen und Monate entscheidet sich, ob die Seelenrückholung erfolgreich war, denn ein „falsches“ Verhalten des Klienten kann durchaus dazu führen, dass der Seelenanteil wieder verschwindet.
Aus energetischer Sicht können diese Seelenverletzungen über Generationen vererbt werden, genauso, wie bestimmte Krankheiten vererbt werden. Wenn Sie sich nun durch eine Seelenrückholung heilen (lassen), wirkt sich dies nicht nur auf Ihre Kinder aus, die dieses Problem dann nicht mehr erben, sondern die Heilung geht auch rückwärts in der Zeit auf Ihre Vorfahren, zum Beispiel Ihre Eltern, über, so als ob der Seelenverlust nie stattgefunden hätte. Wer einen Seelenanteil wieder integrieren will, sollte ihn pflegen und hegen wie ein zartes Pflänzchen, er sollte ihn vor Stürmen und Kälte schützen, ihn behüten. Letztendlich geht es darum, so mit sich selbst umzugehen und nicht wieder in alte Muster zurückzufallen. Der junge Seelenanteil wird sich nach und nach wieder zuhause fühlen, er wird sich einbringen und ganz langsam geschieht die Veränderung – und manchmal auch sehr schnell.


Der Autor Oliver Driver ist Gründer des coaching salon und arbeitet als Coach, Prozessbegleiter und Teamentwickler in Köln. www.coaching-salon.net


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