aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November 2013
„Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“ ein Buch von Bruce D. Perry / Maia Szalavitz:

Traumatisierte Kinder. Was sie uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können.

Es ist heute schwer vorstellbar, aber als ich in den frühen 1980ern meine medizinische Ausbildung machte, schenkten Forscher der dauerhaften Beeinträchtigung, die ein psychologisches Trauma hervorrufen kann, wenig Beachtung. Noch weniger Aufmerksamkeit wurde darauf gerichtet, auf welche Weise Traumata Kinder schädigen könnten. Es wurde nicht als wichtig angesehen. Man glaubte, dass Kinder eine natürliche »Widerstandskraft« besitzen, die mit der angeborenen Fähigkeit einhergeht, rasch wieder »auf die Beine zu kommen«.
Als ich Kinderpsychiater und Neurobiologe wurde, hatte ich nicht das Ziel, diese fehlgeleitete Theorie zu widerlegen. Ich machte jedoch als junger Forscher im Labor die Beobachtung, dass Stress auslösende Erfahrungen – vor allem, wenn sie in frühen Jahren auftreten – das Gehirn von Jungtieren verändern können. Zahlreiche Tierstudien erbrachten Nachweise dafür, dass selbst scheinbar geringfügiger Stress während der Kindheit einen dauerhaften Einfluss auf die Architektur und Chemie des Gehirns, und damit auf das Verhalten, ausübt. Ich dachte mir: »Warum sollte das nicht auch für Menschen gelten?«
Diese Frage bekam für mich eine noch größere Bedeutung, als ich meine klinische Tätigkeit mit problembelasteten Kindern begann. Ich fand bald heraus, dass die überwiegende Mehrheit meiner Patienten aus einem Leben voller Chaos, Vernachlässigung und/oder Gewalt kam. Es war offensichtlich, dass diese Kinder nicht wieder »auf die Beine kamen« – sonst wären sie nicht in eine kinderpsychiatrische Klinik aufgenommen worden! Sie hatten Traumata wie Vergewaltigung oder das Miterleben eines Mordes erlitten. Wären sie nicht Kinder, sondern Erwachsene mit psychiatrischen Problemen gewesen, so hätten die meisten Psychiater wohl die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung in Betracht gezogen. Diese Kinder wurden jedoch behandelt, als ob ihre traumatischen Erfahrungen irrelevant wären und als ob sie bloß »zufällig« Symptome wie Depression oder Aufmerksamkeitsprobleme entwickelt hätten, die häufig sogar eine medikamentöse Behandlung erforderlich machten.
Ich habe es zu meiner Aufgabe gemacht, zum einen zu verstehen, auf welche Weise Traumata auf Kinder einwirken, und zum anderen innovative Wege zu entwickeln, um ihnen beim Umgang damit zu helfen. Ich habe Kinder behandelt, die Erfahrungen gemacht haben, die so schrecklich waren, dass man es sich kaum vorstellen kann – von den Überlebenden der Feuersbrunst des Davidianer-Kults in Waco, Texas, über vernachlässigte osteuropäische Waisenkinder bis zu Überlebenden von Völkermord.
Während einerseits die meisten Kinder nie etwas so Schreckliches erleiden werden wie das, was viele meiner Patienten durchgemacht haben, kommt es andererseits selten vor, dass ein Kind von einem Trauma gänzlich verschont bleibt. Zurückhaltenden Schätzungen zufolge erleben rund 40 Prozent der amerikanischen Kinder bis zum Alter von 18 Jahren mindestens ein potenziell traumatisches Ereignis: Dazu gehört der Tod eines Elternteils oder Geschwisters, anhaltende körperliche Misshandlung und/oder Vernachlässigung, sexueller Missbrauch oder die Erfahrung eines schweren Unfalls, einer Naturkatastrophe, häuslicher Gewalt oder eines anderen Gewaltverbrechens.
Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Forschungsarbeiten ein viel reichhaltigeres Verständnis dafür geschaffen, was ein Trauma bei Kindern bewirkt und wie man ihnen helfen kann, sich davon zu erholen. 1996 gründete ich die ChildTrauma Academy, eine interdisziplinäre Gruppe von Fachleuten, die sich der Verbesserung des Lebens von stark gefährdeten Kindern und deren Familien widmet. Unser vorrangigstes Ziel ist es jedoch, Behandlungsmethoden auf der Grundlage unseres derzeitigen Wissens an andere weiterzugeben. Dieses Buch ist ein Teil unserer Bemühungen.
Sie werden darin einigen der Kinder begegnen, von denen ich am meisten darüber gelernt habe, wie sich ein Trauma auf junge Menschen auswirkt. Und Sie werden erfahren, was diese Kinder von uns – ihren Eltern und Erziehungsberechtigten, ihren Ärzten, ihren Politikern – brauchen, wenn sie ein gesundes Leben aufbauen sollen. Sie werden sehen, wie traumatische Erfahrungen Kinder zeichnen, wie sie ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeit zu körperlichem und emotionalem Wachstum beeinflussen. Sie werden meiner ersten Patientin Tina begegnen, deren Missbrauchserfahrung mir den Einfluss eines Traumas auf das kindliche Gehirn verständlich machte. Sie werden ein mutiges kleines Mädchen namens Sandy treffen, die im Alter von drei Jahren in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden musste und die mich gelehrt hat, wie wichtig es ist, einem Kind zu erlauben, Aspekte seiner eigenen Therapie zu bestimmen. Sie werden einen erstaunlichen Jungen namens Justin kennenlernen, der mir gezeigt hat, wie Kinder von unsäglicher Entbehrung genesen können. Jedes Kind, mit dem ich gearbeitet habe – die Davidianer-Kinder, die Trost darin fanden, füreinander zu sorgen; Laura, deren Körper nicht wuchs, bis sie sich sicher und geliebt fühlte; Peter, ein russisches Waisenkind, dessen Mitschüler in der ersten Klasse seine »Therapeuten« wurden –, half meinen Kollegen und mir, ein neues Teil in das Puzzle einzusetzen, und erlaubte uns auf diese Weise, unsere Behandlung für traumatisierte Kinder und ihre Familien zu verbessern. Unsere Arbeit bringt uns mit Menschen in Kontakt, wenn sie tief verzweifelt, einsam, traurig, ängstlich und verwundet sind, aber die Geschichten, die Sie hier lesen werden, sind überwiegend Erfolgsgeschichten – Geschichten von Hoffnung, Überleben, Triumph. Überraschenderweise begegnet uns gerade beim Umherirren in einem emotionalen Massaker, das vom Schlimmsten im Menschen angerichtet wurde, auch das Beste des Menschseins.
Auf welche Weise Kinder ein Trauma körperlich, emotional oder psychologisch letztendlich überleben, hängt maßgeblich davon ab, ob die Menschen in ihrer Umgebung – vor allem die Erwachsenen, auf die sie vertrauen und sich verlassen können sollten – ihnen mit Liebe, Unterstützung und Ermutigung beistehen. Feuer kann wärmen oder verzehren, Wasser kann Durst löschen oder ertränken, Wind kann streicheln oder schneiden. Und so ist es auch mit menschlichen Beziehungen: Wir können einander sowohl erschaffen als auch zerstören, sowohl fördern als auch terrorisieren, sowohl traumatisieren als auch heilen.
In diesem Buch werden Sie von bemerkenswerten Kindern erfahren, deren Geschichten uns helfen können, die Natur und die Kraft menschlicher Beziehungen besser zu verstehen. Obwohl viele dieser Jungen und Mädchen Erfahrungen gemacht haben, die weitaus extremer sind als diejenigen, mit denen die meisten Familien in Berührung kommen (Gott sei Dank!), können alle Eltern aus ihren Geschichten lernen, was Kinder brauchen, um mit den unvermeidlichen Stresssituationen und Belastungen des Lebens zurechtzukommen.
Mit traumatisierten und misshandelten Kindern zu arbeiten hat mich auch dazu gebracht, sorgfältig über die Natur des Menschseins und über den Unterschied zwischen Menschsein und Menschlichkeit nachzudenken. Nicht alle Menschen sind menschlich. Ein Mensch muss erst lernen, menschlich zu werden. Dieser Prozess – und wie er mitunter entsetzlich schiefgehen kann – ist ein weiterer Aspekt, von dem dieses Buch handelt. Die enthaltenen Geschichten erforschen die Bedingungen, die für die Entwicklung von Einfühlungsvermögen erforderlich sind – und diejenigen, die dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Grausamkeit und Gleichgültigkeit führen. Sie verdeutlichen, wie sich das Gehirn von Kindern entwickelt und wie es durch die Menschen in ihrer Umgebung geformt wird. Sie stellen auch heraus, wie dabei durch Unkenntnis, Armut, Gewalt, sexuellen Missbrauch, Chaos und Vernachlässigung verheerender Schaden angerichtet werden kann.
Ich interessiere mich schon lange für die menschliche Entwicklung; vor allem möchte ich herausfinden, warum manche Menschen zu produktiven, verantwortungsbewussten und freundlichen Menschen heranwachsen, während andere auf ihren eigenen Missbrauch reagieren, indem sie selbst zu Tätern werden. Meine Arbeit hat mich sehr viel über moralische Entwicklung erkennen lassen, über die Wurzeln des Bösen und darüber, wie genetische und durch das Umfeld bedingte Einflüsse wichtige Entscheidungen beeinflussen können, die sich wiederum auf spätere Entscheidungen auswirken und letztlich darauf, wie wir werden. Ich halte nichts davon, gewalttätiges oder verletzendes Verhalten mit der eigenen Missbrauchserfahrung zu entschuldigen (die sogenannte »abuse excuse«), aber ich habe herausgefunden, dass es komplexe Interaktionen gibt, die in der frühen Kindheit beginnen und die unsere Fähigkeit beeinträchtigen, uns Wahlmöglichkeiten vorzustellen. Das kann später unsere Fähigkeit einschränken, gute Entscheidungen zu treffen.
Meine Arbeit hat mich zur Schnittstelle von Geist und Gehirn geführt, an der wir eine Wahl treffen und Einflüsse erfahren, die darüber bestimmen, ob wir human und wahrhaft menschlich werden oder nicht.
Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde teilt einiges von dem mit, was ich dort gelernt habe. Trotz ihres Schmerzes und ihrer Angst haben die Kinder in diesem Buch – und viele andere, die ihnen ähnlich sind – großen Mut und Menschlichkeit gezeigt und sie geben mir Hoffnung. Von ihnen habe ich viel über Leid, Liebe und Heilung gelernt.
Die Kernlektionen, die diese Kinder mir erteilt haben, sind für uns alle wichtig: weil wir, um das Trauma zu verstehen, das Gedächtnis verstehen müssen. Wenn wir verstehen wollen, wie Kinder gesunden, müssen wir verstehen, wie sie zu lieben lernen, wie sie mit Herausforderung umgehen, wie sie durch Stress beeinflusst werden. Und indem wir den zerstörerischen Einfluss erkennen, den Gewalt und Bedrohung auf die Fähigkeit zu lieben und zu arbeiten haben, können wir zu einem besseren Verständnis von uns selbst gelangen und uns besser um die Menschen in unserem Leben kümmern, insbesondere um die Kinder.

Aus: Bruce D. Perry, Maia Szalavitz: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde - mit freundlicher Erlaubnis des Verlags


Buchtipp:
Bruce D. Perry; Maia Szalavitz: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde. Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können - Aus der Praxis eines Kinderpsychiaters, 336 Seiten. Kösel-Verlag, München, 5. Aufl. 2013, 21,99 Euro


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.