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Ausgabe November 2013
Verwundet im Zeitlichen - Trauma, Resilienz und Heilung. Wolf Schneider


In den vergangenen Jahren haben sich viele Psychotherapeuten mit der Therapie von Traumen beschäftigt. Trauma-Heilung gilt als ein schwieriges Spezialgebiet der Psychotherapie, für manche gar als die hohe Schule der Therapie. Wer Traumen heilen kann, darunter die so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), der kann wirklich was. Durch die Medien wissen wir schon vieles darüber, zum Beispiel, dass mehr US-amerikanische Soldaten an den psychischen Folgen des Irak- oder Afghanistan-Krieges starben als an der Front – meist durch Selbstmord. Es ist ein gewaltiges gesellschaftliches Problem, das sich da zeigt, und nicht nur als Folge von Kriegen, in die die Soldaten gesellschaftskonform gehirngewaschen geschickt werden, im Glauben an ihre gute Mission, um dann beinhart mit der Wirklichkeit konfrontiert zu werden. Auch Vergewaltigung, Vertreibung, Naturkatastrophen oder der gewaltsame Tod naher Angehöriger können ein Trauma auslösen.

Resilienz
Welche psychischen Verheerungen zieht solch ein Schock nach sich? Das Selbst- und Weltverständnis ist danach jedenfalls nicht mehr so wie vorher. Der Schock – trauma (griech.) heißt Wunde – hinterlässt Spuren, aber nicht solche wie die einer Schürfwunde auf der Haut, die meist narbenfrei verheilt, sondern der Schock bleibt. Auch wenn die Wirkungen oft nicht auf Anhieb erkennbar sind, in Alpträumen zeigen sie sich, oder bei Kriegstraumatisierten zum Beispiel beim Geräusch eines herannahenden Sportflugzeugs.
Die Fähigkeit, auch nach solchen Schocks seelisch wieder auferstehen zu können und so zu funktionieren wie vorher, nennt man Resilienz. Manche Therapeuten wenden sich vor allem dieser Fähigkeit zu, um wegzukommen vom Negativbild des Traumas und des Traumatisierten, weg von der Faszination durch diesen Schock und seiner Sogwirkung. Sie wollen sich stattdessen dem Gesunden widmen und den gesunden Anteilen im Verwundeten sowie auch der Fähigkeit, das Gesunde zu fördern, in dem man die Aufmerksamkeit dort hinlenkt und es auf diese Weise stärkt.

Der gewisse Knick
Auch der Begriff des Traumas als eines irreversiblen Ereignisses im Leben, eines Knicks in der Biografie, kann zum Mythos gemacht werden und dadurch ein unnötiges Eigenleben bekommen. Das passsiert besonders dann leicht, wenn uns die Wunde einzigartig zu machen scheint und uns insofern Sinn gibt, Profil, Individualität. Der Krankheitsgewinn wäre in diesem Falle das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Ebenso wie es Menschen gibt, die irreversibel – positiv – erwachen, gibt es Menschen, die irreversibel – negativ – traumatisiert werden. In beiden Fällen geschieht dies durch einen Schock, ein überraschendes Ereignis, für das kein Verständnisrahmen vorliegt. Im einen Falle hat der Schock jedoch negative Auswirkungen, im anderen eher positive. Wobei diese Bewertung von mir bereits zeigt: Es kommt darauf an, was man daraus macht! Ich möchte damit nicht sagen, dass die Auslöser von Traumen leicht hinzunehmende Ereignisse sind, würde man doch nur das Gute in ihnen sehen, wie man das ja beim positiven Denken so gerne empfiehlt. Sondern dass der Interpretationsrahmen und das Selbstverständnis entscheidend sind für den Umgang mit einem solchen Schock, oder, im Falle des Erwachens: für den Umgang mit der Erkenntnis des illusionären, fiktiven Charakters des Ich und des Lebenssins, was ja eine ebenso große Erschütterung sein kann wie ein Trauma.

Melancholie
Bei meinen Bühnenauftritten als Esoterik-Kabarettist sage ich gerne »Das Hier-und-Jetzt wird überschätzt« und empfehle mir selbst dann einen längeren Aufenthalt im Dann-und-Dort. Dass auch das nicht das große Glück bringt, wird keinen wundern. Es berührt jedoch beides das Zeitliche, an das wir uns im Herbst, mehr noch im spätherbstlichen November, so gern oder ungern erinnern. Die Bäume sind dann schon kahl, und es erwarten uns graue Tage in der Kälte unter verhangenen Himmeln, dunkle Winternächte und die langen Monate des Wartens auf den Frühling.
Das Dann-und-Dort hätte ich auch Einst-und-Dort nennen können, denn der Sog der Vergangenheit ist oft noch größer ist als der der Zukunft. Alles vergeht, auch die Freude und das Glück vergehen, jedenfalls geht die Jugend dahin, früher oder später auch die Gesundheit, und es bleibt nur die Gewissheit vom Altern und Verfallen. Das Hauptthema der japanischen Zengedichte, der Haikus ist: Sei jetzt hier, denn alles vergeht! Im Wissen um das Vergehen liegt der Trost, dass auch das Schlimme vergeht. Und dabei schleicht sich eine Melancholie des sich Bescheidens ein: Woran ich nicht hafte, dessen Verlust kann mich auch nicht vernichten.

Zauber des Vergehens
Auch solchem Loslassen wohnt ein Zauber inne, nicht nur in allem Anfang, wie in Hermann Hesses schönem Gedicht so zeitlos in Worte gefasst: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft, zu leben«. Ende und Anfang bedingen einander. Wo das eine zu Ende ist, beginnt das andere, die Frage ist nur, wie wir den Wechsel bewerten. Ist das Neue schlechter als das Alte? Beim Altern, Verfallen, Erkranken erscheint es uns so. Oder ist es besser? Bei der Jugend, dem Aufbau, der Gesundung erscheint es uns so. Oder ist es einfach ein Wandel: Etwas wird anders, und diesem Wandel wohnt der Zauber inne, der Zauber des Anfangs und Endes, des Werdens und Vergehens, des ewigen Stirb-und-werde.
Shunryu Suzuki beschreibt diese Berührung mit dem Zeitlosen in seinem Buch »Zen-Geist, Anfänger-Geist«. Lebendig sein bedeutet ein Anfänger zu sein, ein Anfänger schließlich auch in der Kunst des Sterbens und Hinübergehens in einen anderen Abschnitt des Daseins. Einen Winter, dem ein Frühling folgen wird.

Wer war ich vor meiner Geburt?
Gautama Buddha sagte, dass nichts anderes Menschen so sehr auf den spirituellen Weg brächte wie die Erkenntnis der Vergänglichkeit (anicca). Das ist die Zubringer-Autobahn. Alter, Krankheit und Tod sind die drei göttlichen Boten (devaduta), die einst in Buddha die Sehnsucht erweckten, über das Zeitliche hinausgehen zu können. Wer war ich vor meiner Geburt?, fragt ein Koan des Zen. Gab es mich schon, bevor es die Zeit gab, und wird es mich nach meinem Tod noch geben? Wie kann ich das jetzt schon berühren, was nach meinem Tod sein wird und was vor meiner Geburt da war?
Verwurzelt in einem solchen Bewusstein sind die Traumen des Diesseits nur eine Fata Morgana. Auch wenn die Qualen dem Betroffenen als real erscheinen – in der Welt des Relativen sind sie es –; im Ozean des Zeitlosen versinken sie und hinterlassen keine Spuren. Wer dort von Anfang an verankert ist, hat die nötige Resilizenz, den Zumutungen des Alltags gelassen zu begegnen, Verwundungen als vorübergehende zu verstehen und inmitten von alledem zu ruhen. Um dann wiederaufzuerstehen, wenn die Zeit dafür reif ist, in einem neuen Frühling. Oder in meinen Kindern, meinen Werken oder den Gedanken von mir, die spätere Generationen vielleicht noch lesen werden.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de.


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