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Ausgabe Oktober 2013
Mitgefühl Freiheit und Verantwortung. Aus dem Buch von S.H. der Dalai Lama

S.H. der Dalai Lama spricht in seinem neuen Buch „Von Hier zur Erleuchtung“ zum gleichnamigen Text des tibetischen Gelehrten Tsong-kha-pa (1357-1419) auch über seine beiden wichtigsten, persönlichen Anliegen: Globale Verantwortung und Frieden zwischen den

Globale Verantwortung
Die meisten von Ihnen werden wissen, wofür ich mich engagiere, Sie kennen meine Anschauungen und Gedanken. Einige werden aber auch neu sein, und deshalb möchte ich kurz auf die wesentlichen Dinge eingehen, die mir besonders am Herzen liegen. Zunächst einmal bin ich einfach ein Mensch unter sechs bis sieben Milliarden anderen, die sich alle diesen einen Planeten teilen. Wir alle leben unter der einen Sonne. Heute mehr denn je stehen wir als ein einziges Gemeinwesen vor Phänomenen wie dem Bevölkerungswachstum, der weltweiten Kommunikation ohne Zeitverzögerung, der globalen Wirtschaft und den uns alle betreffenden Umweltproblemen.
Tatsächlich sind wir ein Ganzes, und in Wirklichkeit gibt es keine gesonderten, für sich bestehenden Einzelinteressen. Für jeden von uns gilt, dass unsere Zukunft gänzlich von den übrigen Menschen, vom Rest der Welt, abhängig ist. Unsere Anschauungen sind jedoch nach wie vor von einer Art, die aus früheren Zeiten auf uns überkommen ist, in der die Menschen in weitgehend voneinander unabhängigen Gemeinschaften lebten. Zwischen unserer Wahrnehmung und der Realität besteht eine Kluft, und diese Kluft wird größer. Überholte Denkgewohnheiten lassen uns irrtümlich annehmen, wir und unsere engere Lebensgemeinschaft seien von der übrigen Welt unabhängig. Unser Handeln, von diesem Denken geleitet, erweist sich ebenfalls als realitätsfern.
Niemand wünscht sich wachsende Probleme. Aber es gibt nun einmal viele Probleme, und oft schaffen wir sie uns selbst, weil uns der Blick fürs Ganze fehlt, der Blick für die Realität. Wenn wir ein Gefühl für globale Verantwortung bekommen sollen, müssen wir die ganze Erde in den Blick fassen. Sie ist einfach ein kleiner Planet, und unsere individuelle Zukunft ist sehr eng mit der ihren verknüpft.
Kümmern wir uns also um unsere Erde. Unsere eigene individuelle Zukunft ist nur dadurch zu sichern, dass wir uns für das Wohl aller Menschen und überhaupt aller Lebewesen dieser Welt engagieren.

„Der Bau äußerer Dinge braucht seine Zeit, und etwas im Geist aufzubauen dauert auch seine Zeit und ist nicht leicht. Aber ich bin völlig gewiss, dass sich unser Geist ändern kann, und zwar zum Besseren.“

Das also ist mein Hauptanliegen: klarzumachen, dass wir ein globales Verantwortungsgefühl brauchen. In diesem Zusammenhang betrachte ich die buddhistische Lehre nicht als Religion, sondern als einen Fundus von Ideen, die uns weiterhelfen könnten. So ist es doch sicher sinnvoll, alle Lebewesen zu berücksichtigen. Es mag unrealistisch wirken, an andere Wesen in anderen Welten zu denken. Ob Sie das so sehen oder nicht, in emotionaler Hinsicht ist es jedenfalls sehr hilfreich. Wenn wir darin geübt sind, uns innerlich unzähligen Lebewesen in unzähligen Welten zuzuwenden, steht doch sicher außer Frage, dass wir uns auch für die weit über sechs Milliarden Menschen auf unserem eigenen Planeten engagieren werden. Und die Abermilliarden Tiere – sie leiden immens unter uns Menschen, ist es nicht so? Da ist die buddhistische Lehre des grenzenlosen Altruismus, der Selbstlosigkeit, sicher höchst relevant.
Auch bei den Schwierigkeiten des Alltags können buddhistische Ideen eine große Hilfe sein. Sie rüsten uns mental und vor allem seelisch so aus, dass wir auch in Schwierigkeiten unseren inneren Frieden wahren können. Das dient unserer Gesundheit. Zu viele Sorgen und zu viel Ehrgeiz schüren Argwohn und Neid, und die ziehen psychische Störungen nach sich. Da können sich manche buddhistische Ideen als hilfreich für das geistige und seelische Wohlergehen des Einzelnen erweisen, und in der Folge können sich auch Nutzeffekte für den Körper zeigen. Wenn Sie also nicht gläubig und nicht an Religion interessiert sind, muss das kein Mangel sein. Hören Sie sich einfach diese Ideen an, und wenn Sie etwas finden, das Ihnen brauchbar erscheint, greifen Sie zu. Und was Ihnen unsinnig erscheint, das vergessen Sie einfach.

Einklang der Religionen
Mein zweites Anliegen ist die Einmütigkeit unter den Religionen. Ich bin ein Buddhist, manche sehen mich sogar als strammen Buddhisten. Die buddhistischen Meister des alten Indien, namentlich die Gelehrten der Nalanda-Universität, waren sehr, sehr kritische Geister. Sie zergliederten alles, sowohl die Worte des Buddha selbst als auch die Anschauungen der nicht buddhistischen Überlieferungen. Buddhistische Meister wie Nagarjuna, Aryadeva, Dignaga, Dharmakirti und Shantarakshita waren Logiker von höchsten Gnaden, die jeden noch so kleinen Bruch, jede noch so kleine Schwäche in nicht buddhistischen philosophischen Positionen aufspürten.
Ich bin auch so, bis zu einem gewissen Grade zumindest. Ich möchte ausloten und analysieren, und in diesem Sinne darf man mich als sehr entschiedenen Buddhisten sehen. Aber ich habe eben auch Sinn für den Wert und das Potenzial aller anderen großen Traditionen. Ist es nicht furchtbar, ist es nicht traurig, dass es Konflikte im Namen der Religion gibt? In der Folge haben unschuldige, aufrichtige Gläubige zu leiden. Es ist also wichtig, sich für Harmonie zwischen den Religionen einzusetzen, und das in einem Geist der Achtung und des gegenseitigen Verstehens.
Für Nichtbuddhisten ist es gut, etwas über die Grundzüge des Buddhismus zu wissen, und Buddhisten sollten etwas von den anderen Religionen verstehen. Deshalb bin ich gestern zum Ajmer-Sharif-Schrein, einem berühmten muslimischen Heiligtum im indischen Rajasthan, gepilgert. Es ist vielleicht die heiligste Stätte des Sufismus, der mystischen Tradition des Islam. Jedes Jahr finden hier sechs Tage lang Gebete zum Gedenken an einen großen Heiligen statt. Ich war dazu eingeladen. Es wurde die Nacht hindurch gebetet, aber ich nahm daran nur in den frühen Morgenstunden teil. Da habe ich also gestern früh von halb drei bis halb fünf in der Kleidung eines buddhistischen Mönchs und mit einer muslimischen Kopfbedeckung gebetet. Es müssen Hunderttausende Menschen da gewesen sein, und es war unglaublich heiß und schwül. Bei so vielen Menschen auf so engem Raum wurde natürlich geschwitzt, und es roch entsprechend. Nennen wir es den Duft der ethischen Disziplin – gewürzt mit Schweiß. Mein Gewand ist jetzt noch feucht, aber es hat richtig Spaß gemacht, es war wunderbar.
Vor ein paar Wochen gab es in Delhi eine internationale muslimische Konferenz, zu der ich ebenfalls eingeladen war. Ich muss wohl der einzige nicht muslimische Teilnehmer gewesen sein. Am Nachmittag habe ich die Jama-Masjid-Moschee in Delhi besucht und zusammen mit Tausenden Muslimen gebetet. Es war das erste Mal, dass ich die weiße Kappe trug. Ich persönlich freute mich riesig darüber, aber es gab auch Bedenken, dass gewisse konservative Elemente die Sache ganz anders sehen könnten. Aber es gab alles in allem sehr positive Reaktionen. Es scheint, die Leute schätzen meine Bemühungen um Einklang und echten Respekt zwischen allen Religionen.
Wenn Sie auch finden, dass Verständnis und Einklang unter den Religionen der Welt eine wichtige Sache sind, dann bitte, werden Sie aktiv. Suchen Sie Kontakt zu den Gläubigen anderer Religionen. Seit dem 11. September ist es ganz besonders wichtig, den Kontakt zu den Brüdern und Schwestern muslimischen Glaubens zu suchen. Viele Menschen haben ein negatives Bild vom Islam und seinen Anhängern, und dieses Bild ist vollkommen falsch. Sicher, es trifft zu, dass indische Buddhisten in der Vergangenheit vielfach unter den Muslimen zu leiden hatten, doch das ist wie gesagt Vergangenheit. Es ist müßig, dabei zu verweilen und alten Hass zu pflegen. Es ist ausgesprochen töricht. Heute leben Muslime zum Beispiel auch in der Gegend von Bodhgaya. Möglicherweise kamen ihre Vorfahren nach Bodhgaya, um den dortigen buddhistischen Tempel zu zerstören. Aber heute sind sie den buddhistischen Pilgern wirklich gute Freunde. Immer wenn ich Bodhgaya besuche, heißen sie mich mit Tee und diesen köstlichen Nüssen willkommen. Wie ich das genieße! So sieht die heutige Realität aus. Tausende Muslime leben dort, und sie praktizieren nicht nur ernsthaft ihre Religion, sondern sind wunderbare Menschen.

Aus: „Von hier zur Erleuchtung“ mit freundlicher Erlaubnis des Verlages

Buchtipp:
Dalai Lama, Von hier zur Erleuchtung - Die zeitlose Weisheit des großen tibetischen Weisen Tsong-kha-pa, erklärt für das Leben in der modernen Welt, geb. mit Schutzumschlag, 272 Seiten, Scorpio Verlag


Tsong-kha-pa (1357 - 1419)...
war ein großer Reformator, aus dessen Lehrdarlegung später die Gelug-Schulrichtung des tibetischen Buddhismus hervorging.
Tsongkhapa wurde als vierter von sechs Söhnen einer Familie in der Nähe des Kokonor-Sees in Tibet geboren. Schon mit drei Jahren erhielt er vom 4. Karmapa die Laienordination und mit sieben Jahren wurde er zum Novizen-Mönch ordiniert und erhielt den Namen „Lobsang Dragpa“. Die volle Ordination (Gelong/Bhikkhu) erhielt er mit 21 Jahren. Er lernte bei mehr als 100 Meistern aller tibetisch-buddhistischen Traditionen und meisterte die Lehren verschiedener Schulen, wie der Drigung-Kagyü-Schule. Sein Hauptlehrer in der Madhyamaka-Philosophie war der Sakya Meister Rendawa (1349–1412).
1409 gründete Tsongkhapa das Kloster Ganden bei Lhasa. Er hinterließ der Welt achtzehn Bände gesammelter Lehren, die Hunderte Texte zu allen Aspekten des Buddhismus enthalten und einige der schwierigsten Punkte von Sutra und Tantra klären.
Der Tod Tsongkhapas im Jahre 1419 war nach der Überlieferung von verschiedenen wundervollen Zeichen begleitet. Es heißt, es ist kaum zu fassen, was er vollbrachte, wenn man seinen Lebensweg vom Standpunkt, was er studierte, auswendig konnte und lehrte, betrachtet. Es sei aber noch schwerer zu fassen, was er vollbrachte, vom Standpunkt aus, was er schrieb (Die 18 großen Werke) und praktizierte, Meditationsretreats mit Millionen von Verbeugungen, Manadaladarbringungen, Reinigungspraktiken und Vajrayana-Übungen zu den unterschiedlichsten Gottheiten und Techniken.
Sein Buch „Von hier zur Erleuchtung“ gehört seit langem zu den Lieblingsbüchern des Dalai Lama.

Informationen aus www.wikipedia.de



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