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Ausgabe Oktober 2013
Die Praxis der Herzensgüte. Tenzin Palmo

Tenzin Palmo wurde vor 45 Jahren in Nordindien in den tibetischen Buddhismus ordiniert. Sie machte sich einen Namen als Vorkämpferin für das Recht von Frauen auf Bildung und spirituelle Entwicklung. Sie lebt die Ideale und das Leben einer buddhistischen N

Vor vielen Jahren kam Seine Heiligkeit der Dalai Lama einmal in das abgelegene Lahaul-Tal in Indien, wo ich damals lebte. Er hielt sich etwa eine Woche dort auf, hielt Dharma-Vorträge und erteilte Ermächtigungen. Nach einem seiner Vorträge, der mehrere Stunden dauerte, wandte ich mich an eine der Frauen von Lahaul und fragte: »Wissen Sie, worüber er gesprochen hat?«
Sie antwortete: »Ich habe nicht viel mitgekriegt, aber ich habe verstanden, dass es hervorragend ist, ein gutes Herz zu haben.«
Im Westen besitzen wir eine unglaubliche Menge materieller Dinge. Aber viele von uns haben trotzdem das tiefe Empfinden eines Mangels, einer inneren Leere, die wir nicht ausfüllen können. Auch wenn wir uns bemühen, diese Leere mit Fernsehen, Autos oder Häusern anzufüllen, geht es nicht darum, wie viel oder wenig wir besitzen. Die Frage ist vielmehr, ob wir glauben, dass materielle Besitztümer uns wirklich echte Befriedigung verschaffen können. Das ist sogar ein Vorzug, den wir im Westen haben:
Wenn wir aufhören können, materiellen Besitz als etwas Wunderbares zu betrachten, beginnt die Einsicht, dass es jenseits davon noch etwas anderes gibt. Wir haben einen unerhörten Reichtum in unserem Inneren, und um nichts anderes geht es auf dem spirituellen Weg.
Es gibt heute ein Bedürfnis, ein dringendes Verlangen danach, spirituell zu reifen. Dass wir offen werden für unser menschliches Potenzial, dass wir daran glauben — dazu müssen wir zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen. Dies ist nicht die Zeit, paranoid und engstirnig zu sein. Dies ist nicht die Zeit, unsere inneren und äußeren Grenzen dicht zu machen. Denn Ängstlichkeit ist ein Ausdruck von Unreife. Ein wahrhaft erwachsener Mensch ist furchtlos. Wie wir weiter oben gesagt haben, ist ein Bodhisattva ein Wesen, das aus Mitgefühl für die Welt nach Erleuchtung strebt. In der tibetischen Sprache ist er buchstäblich ein spiritueller Held. Wir müssen viel Mut haben, um es mit all dem aufzunehmen, was um uns geschieht. Wir müssen unsere Integrität als Menschen stützen und uns gegenseitig respektieren, und wir müssen unser Leben auf eine Weise nutzen, die sinnvoll ist. Statt als spirituelle Bettler umher zu irren, wie wir es normalerweise tun, müssen wir lernen, zu dem spirituellen Reichtum zurückzukehren, den wir in uns tragen.
Als ich noch in Nepal lebte, erinnere ich mich, dass ich jeden Morgen auf meinem Weg zu einem Lama auf den abgetretenen Stufen des Swayambhunath-Stupa an einer alten Bettlerin vorüberkam. Sie war mittellos und klapperdürr. Ich sah nie, dass sich jemand um sie kümmerte oder auch nur in ihre Nähe kam, und doch schien sie innerlich voll Freude zu sein. Sie grüßte mich immer mit einem Lächeln. Eines Morgens sah sie besonders strahlend aus, und ich dachte: »Nun wird sie bald sterben«, und tatsächlich war sie am nächsten Tag nicht mehr da. Wir können uns fragen, woran es wohl lag, dass sie so glücklich war. Warum strömte sie über vor innerer Freude? ...
Wie immer unsere äußeren Umstände beschaffen sein mögen, am Ende hängt Glück oder Unglück von unserem Geist ab. Bedenken wir, dass der eine Gefährte, den wir ständig, Tag und Nacht, um uns haben, unser Geist ist. Möchten Sie wirklich mit jemandem reisen, der in einem fort jammert und Ihnen sagt, wie nutzlos und hoffnungslos Sie sind, und der Sie an all die fürchterlichen Dinge erinnert, die Sie getan haben? Und doch leben viele von uns auf diese Weise — mit einem Wesen, das nicht müde wird zu kritisieren, dem nichts rechtzumachen ist, das ständig an uns zerrt: unserem Geist. Er übersieht völlig unsere guten Seiten und ist wahrlich ein trostloser Gefährte. Kein Wunder, dass Depressionen im Westen so verbreitet sind!
Wir müssen mit uns selbst Freundschaft schließen und uns Mut zusprechen. Wir müssen auch an das Gute in uns denken ebenso wie an die Dinge, die der Verbesserung bedürfen. Insbesondere müssen wir uns an unser wahres Wesens erinnern. Dieses ist zwar verdeckt, aber Weisheit und Mitgefühl sind immer anwesend. Im Westen graben wir uns so oft selbst das Wasser ab, weil wir nicht an uns glauben. Als ich Seiner Heiligkeit dem Sechzehnten Karmapa 1965 zum ersten Mal in Kalkutta begegnete, sagte er mir innerhalb der ersten zehn Minuten unseres Gesprächs: »Ihr Problem ist, dass Sie kein Selbstvertrauen haben. Sie glauben nicht an sich. Wenn Sie nicht an sich glauben, wer soll es dann tun?« Wie wahr.
Seit unvordenklicher Zeit sind wir vollkommen rein und makellos. Nach buddhistischer Auffassung gleicht unser ursprünglicher Geist dem Himmel. Er hat keinen Mittelpunkt und keine Grenze. Der Geist ist von unendlicher Weite. Er besteht nicht aus »mir« und »mein«. Er ist das, was uns mit allen Wesen verbindet. Der ursprüngliche Geist ist unsere wahre Natur. Leider wurde er durch Wolken verdunkelt, und wir identifizieren uns mit diesen Wolken statt mit dem tierblauen, ewigen Himmel. Weil wir uns mit den Wolken identifizieren, haben wir nur eine sehr enge Vorstellung davon, wer wir wirklich sind. Wenn wir wahrhaft verstünden, dass wir von Anfang an vollkommen waren, dass dann Verwirrung eintrat und unsere wahre Natur verdeckte, würde uns nicht mehr einfallen, uns unwürdig zu fühlen. Das Potenzial der Erleuchtung ist immer da, für jeden von uns, wenn wir dies nur erkennen könnten.
Wenn wir dies einmal eingesehen haben, bekommen unsere Worte über das gute Herz einen wirklichen Sinn. Denn dann drücken wir unsre Wesensnatur durch Güte, Mitgefühl und Verständnis aus. Es ist nicht so, als wollten wir etwas entfalten, das wir nicht schon besitzen. Mit einem anderen Bild ausgedrückt, das Öffnen unserer Wesensnatur ist so, als kehrten wir zu einer lauteren Quelle zurück. In unserem Inneren haben wir eine Quelle immerwährender Weisheit und Liebe. Sie ist immer gegenwärtig, aber sie wurde blockiert, und so fühlen wir eine innere Trockenheit wie ausgedörrte Erde. Wir klammern uns an all diese verfehlten Identifikationen und erkennen nicht die darunterliegende reine, unergründliche Quelle.
Wenn unser Geist voll Großmut und Gedanken der Güte, des Mitgefühls und der Zufriedenheit ist, fühlt er sich wohl. Wenn er dagegen voll Zorn, Gereiztheit, Selbstmitleid, Begehren und Raffgier ist, fühlt er sich krank. Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, erkennen wir, dass wir die Wahl haben: Wir können weitgehend entscheiden, was für Gedanken und Gefühle wir in unserem Bewusstsein hegen wollen. Wenn negative Gedanken hochkommen, können wir sie wahrnehmen, anerkennen und loslassen. Wir können die Wahl treffen, ihnen nicht zu folgen, denn damit würden wir nur Öl ins Feuer gießen. Wenn gute Gedanken ins Bewusstsein treten - Gedanken der Güte, Fürsorge, des Großmuts und der Zufriedenheit und ein Nachlassen unserer Neigung, alles festhalten zu wollen, können wir sie annehmen und immer stärker werden lassen. Das können wir tun. Wir sind die Hüter des kostbaren Schatzes, der unser Geist ist.
Als der Buddha von der Praxis der Herzensgüte sprach, nannte er zwei Wege, sie zu üben. Wir können Gedanken der Liebe in alle Richtungen senden — nach Norden, Süden, Osten und Westen, Land auf, Land ab und überallhin. Wir strahlen ziellos für alle Wesen auf der Welt Herzensgüte aus. Oder, wie der Buddha sagte, wir können mit unserer Praxis auch bei den uns nahe stehenden Menschen beginnen - bei unserer Familie, unseren Partnern, Kindern, Freunden. Mit der Zeit können wir die Reichweite unserer Herzensgüte auf Menschen ausdehnen, die uns gleichgültig sind, und schließlich sogar auf Menschen, die wir nicht mögen. Allmählich greift unsere Praxis noch weiter aus und umfasst sämtliche Wesen überall. Doch bevor wir das tun, sagte der Buddha, müssen wir damit beginnen. Herzensgüte für uns selbst zu haben. Beginnen wir mit dem Gedanken: »Möge ich gesund und glücklich sein. Mögen mir Frieden und Wohlbefinden beschieden sein.«
Wenn wir diese Güte nicht zuerst uns selbst gegenüber empfinden können, wie können wir dann gütig gegen andere sein? Wir öffnen uns für Liebe und Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen — Menschen, Tieren, Insekten, Fischen, Vögeln -, sichtbaren und unsichtbaren Wesen, Wesen der höheren und niederen Sphären.

Aus: Ins Herz des Lebens - mit freundlicher Erlaubnis des Verlags

Die Autorin Tenzin Palmo, geb.1943 in London, wurde weltweit bekannt durch ihren zwölf Jahre dauernden Rückzug in einer Höhle im Himalaja. Im Februar 2008 erhielt sie den Titel Jetsunma, ehrwürdige Meisterin, in Anerkennung ihrer geistigen Errungenschaften als Nonne und für ihre Anstrengungen, die Situation von Frauen im Buddhismus zu verbessern. Bei Theseus ist außerdem ihre Biografie „Das Licht, das keine Schatten wirft“ von Vicky Mackenzie erschienen. www.tenzinpalmo.com

Buchtipp:
Jetsunma Tenzin Palmo, Ins Herz des Lebens, Hilfreiche Unterweisungen für unseren Alltag, 264 S., Broschur, ISBN 978-3-89901-467-9, Theseus Verlag


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