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Ausgabe Oktober 2013
Film: Von der Kostbarkeit des Lebens. Von Christa Spannbauer und Thomas Gonschior

Für den Film „Mut zum Leben“ begleitete die Filmemacherin Christa Spannbauer vier Auschwitz-Überlebende mit der Kamera. Sie traf auf weise Menschen von ungebrochener Lebensfreude, unzerstörter Hoffnung und tiefer Mitmenschlichkeit.

„Das Leben ist schön“, sagt sie und lacht in die Kamera. Es ist dieses Strahlen in ihren großen Augen, das einen umgehend in den Bann zieht. Wir stehen mit Greta Klingsberg in ihrem Garten in Jerusalem. Flink bewegt sich die 83-Jährige zwischen Bäumen und Blumenbeeten hin und her. Die Leichtigkeit und Lebensfreude, die sie ausstrahlt, lassen nichts von ihrer schweren Kindheit erahnen. Vier Jahre wurde sie in einem tschechischen Kinderheim versteckt, bevor sie 1942 entdeckt und mit ihrer jüngeren Schwester ins KZ Theresienstadt verschleppt wurde. Von dort aus wird sie zwei Jahre später nach Auschwitz deportiert, wo ihre Schwester ermordet wird. „Überlebt zu haben ist ja noch kein Verdienst“, sagt sie entschieden. „Es kommt doch darauf an, was man damit macht. Was ich aus dieser Zeit gelernt habe, ist, den Wert zu erkennen, den die kleinen und einfachen Dinge des Lebens haben.“ Bis heute sind die Natur und die Musik ihr Lebenselixier. Und die vielfältigen Begegnungen mit Menschen weltweit. „Ich lebe gerne und ich habe die Menschen gerne. Ich habe sehr viele gute Freunde, die mir meine Familie ersetzen. Und ich gehe zwischen den Sprachen spazieren, was ein Brückenbau ist zwischen den Menschen und die Toleranz fördert.“
Woher nur nimmt diese Frau ihre ungebrochene Freude am Leben? Weshalb klagt sie nicht über das, was ihr der Tod genommen hat, sondern erzählt dankbar von dem, was ihr das Leben gegeben hat? Mit diesen Fragen im Gepäck komme ich in Budapest an. Dort sitzen wir Éva Pusztai-Fahidi mit der Kamera in ihrer stilvollen Altstadtwohnung gegenüber. Im Gespräch erinnert sich die 88-Jährige an ihre glückliche Kindheit: „Was man als Kind gelernt hat, wird man nie vergessen. Aus diesem Erfahrungsschatz habe ich mein ganzes Leben gelebt. Ich wusste einfach, wie ein richtiger Mensch zu sein hat. Das hat sich in mein Gehirn bis zum heutigen Tag eingeprägt.“ Dass sie als Kind diese Liebe und Verbundenheit erfahren durfte, half ihr nach eigenem Bekunden dabei, das zu überstehen, was bald darauf geschah: die Ermordung ihrer gesamten Familie in Auschwitz. Dorthin war die Familie Fahidi auf einer tagelangen Fahrt im Viehwaggon deportiert worden. Auf die Frage, was sie darin unterstützt habe, diese Schreckenszeit im Vernichtungslager zu überstehen, sagt sie: „Ich durfte auch hier erfahren, dass es immer Menschen gibt, die einem in der größten Not beistehen“. Und dann beginnt sie zu erzählen: Von den vielen Gesten der Solidarität zwischen den Frauen in ihrer Baracke, von dem Trost, den sie sich gegenseitig spendeten, der Hoffnung, die sie nie aufgaben und der Bereitschaft, selbst den letzten Bissen Brot miteinander zu teilen.
Gebannt lausche ich den Erzählungen von Frauen, die sich mit aller Entschlossenheit gegen die Entmenschlichung und Entwürdigung zur Wehr setzten. Frauen, die gemeinsam durch die Hölle gingen. Frauen, die einander ihr Leben verdanken.
„Zu unseren Überlebensstrategien gehörte, dass wir einander ermutigten und Hoffnung machten. Und wir vertrauten und achteten einander und glaubten an unsere Zukunft. Deshalb haben wir das Lager überlebt, deshalb sind wir zurückgekommen.“
Wir können viel lernen von Menschen, die sich von traumatischen Erlebnissen zwar erschüttern, nicht aber zerbrechen lassen. Der israelische Maler Yehuda Bacon verlor als 15-Jähriger seine Familie und überlebte das Vernichtungslager unter unvorstellbaren Bedingungen. Auf die Frage, ob denn ein Sinn in solch einem Leiden zu finden sei, antwortete er mit der ihm eigenen Sanftmut: „Es kann Sinn haben, wenn es einen Menschen so tief erschüttert, bis zu den Wurzeln seines Seins, und er dann erkennt, dass der Nächste ist wie er selbst.“ Erfahrenes Leid nicht zu verdrängen, sondern auszuhalten und es schließlich für das Positive zu transformieren, darin liegt die menschliche Größe der Überlebenden.
Das künstlerische Lebenswerk des 84-Jährigen bringt eine auf Versöhnung ausgerichtete Haltung nach außen, die auf einer Verwandlung des Leides im Innen gründet. In seinen Bildern finden wir neben dem christlichen Motiv der Nächstenliebe ebenso die Überzeugung der jüdischen Mystik am Wirken, dass allem – und selbst den grausamsten und leidvollsten Momenten des Mensch-Seins - ein göttlicher Funken innewohnt. Aufgabe des Menschen ist es, diesen Funken zum Leuchten zu bringen.
Was also ist der Mensch? Welche Größe wohnt ihm inne? Diese Fragen stellen sich unweigerlich jedem, der diesen Menschen begegnet. „Wenn man alles und alle verloren hat, bleibt einem nur eines: das Leben“, sagt Éva Pusztai-Fahidi. „Und wenn man schon ein Leben hat, dann soll man es auch leben! In uns, die wir aus Auschwitz zurückgekommen sind, ist die Lebenskraft sehr tief. Wir wissen, wie teuer das Leben ist.“ Nein, die Zeit heilt keine Wunden. Sie kann nur lehren, mit diesen Wunden zu leben. Der Schmerz bleibt. Die Toten auch. Sie altern nicht. Noch heute träumt die 88-Jährige davon, dass ihre kleine Schwester plötzlich vor der Tür steht und sagt: „Wir haben uns aber lange nicht gesehen. Wollen wir ein Rad schlagen?“
Bis zum heutigen Tage treten die Überlebenden mit hohem Engagement dafür ein, dass nie wieder ein Mensch das erleben muss, was ihnen widerfahren ist. Ihre Botschaft ist klar: Liebe statt Hass, Versöhnung statt Verbitterung. Denn, so Yehuda Bacon: „Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt.“ Wer könnte uns mehr lehren über die Widerstandskraft des Menschen, seine Fähigkeit zu Mut und Mitgefühl unter schwierigsten Voraussetzungen, seine Entschlossenheit, die Würde des Menschen selbst unter unmenschlichen Bedingungen zu bewahren? Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz birgt einen einzigartigen Schatz an Weisheit und Mitmenschlichkeit in sich, der für uns alle von großer Bedeutung ist. Ihre Erfahrungen stellen jeden von uns vor die existenziellen Fragen des eigenen Lebens: Wer bin ich, wenn mir alles genommen wird? Was trägt mich?
Die Begegnungen mit diesen weisen alten Menschen waren wegweisend für mein eigenes Leben. Sie haben mir die Einzigartigkeit und Kostbarkeit des Lebens vor Augen geführt. Und vor allem haben sie mich gelehrt, was Dankbarkeit ist.

Mehr zum Film, der auch als DVD erhältlich ist: www.mut-zum-leben-filmprojekt.org


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