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Ausgabe Oktober 2013
Das Drama beenden. Von Jochen Meyer

Wie Dankbarkeit hilft, erwachsene Beziehungen zu verwirklichen.

Es gehört zu den unerfreulichsten Momenten von Liebesbeziehungen, wenn Konflikte ins Destruktive umschlagen und zu emotionalen Zerwürfnissen führen. Und es ist interessant, dass es hierbei für Frauen und Männer verschiedene Auslöser und „Belastungsgrenzen“ gibt: Männer können es nur schwer ertragen, wenn sie von ihrer Partnerin auf abwertende Weise kritisiert und schlecht gemacht werden. Beschämt zu werden, ist für die meisten Männer nahezu unerträglich. Leider „gelingt“ es vielen Frauen immer wieder, ihre Partner ungewollt zu beschämen. Sie setzen ihren Partner durch den Vergleich mit anderen Männern herab, machen ihm Vorhaltungen, tadeln ihn und geben ihm „schlechte Noten“. Sie projizieren kindliche Ansprüche auf ihn und tun so, als ob er ausschließlich dazu da wäre, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Sie schieben ihrem Partner ein Versagergefühl unter: „Du wolltest doch an diesem Wochenende fertig sein mit dem Aufräumen in deinem Arbeitszimmer. Mir war klar, dass du das nicht schaffen würdest. Immer musst du dir zuviel vornehmen. Und nie hast du Zeit für mich.“ Empfangen Männer Botschaften wie diese, löst dies bei den meisten ein tiefes Gefühl von Beschämung aus. Viele Männer verstummen dann und mauern. Andere halten dagegen, rasten aus und verlassen türenknallend den Raum.
Im Unterschied zu Männern können Frauen es am wenigsten ertragen, wenn sie sich von ihrem Partner emotional allein gelassen fühlen. Spricht ihr Partner nicht oder nur wenig von sich, dann fühlt sich eine Frau allein. Wenn sie nicht erfährt, wie es ihm geht und was ihn gerade bewegt, kann sie sich emotional nicht mit ihm verbunden fühlen. Schlimm wird es, wenn der Partner über ihren Kopf hinweg entscheidet und sie vor vollendete Tatsachen setzt. Wenn er unzugänglich für ihre Gefühle ist oder Partei für die falsche Seite ergreift. Im Stich gelassen fühlt sich eine Frau auch, wenn ihr Partner sie klein hält und in ihrer persönlichen Entwicklung einschränkt. Ganz verheerend ist es, wenn der Partner ihr das Gefühl gibt, dass an ihren emotionalen Reaktionen etwas falsch ist: „Du tickst ja nicht ganz richtig, so wie du dich jetzt schon wieder aufregst! Was hast du denn nur? Vorhin war noch alles gut, und jetzt bist du schon wieder auf hundertachtzig!“ Erleben Frauen das Gefühl des Alleingelassenwerdens immer wieder, dann reagieren sie wütend und protestieren heftig; sie rütteln und schütteln an ihren Partnern, um sie aufzuwecken. Oder aber sie resignieren, ziehen sich in sich selbst zurück und steigen emotional aus der Beziehung aus.

Mein Partner – mein bester Feind?
In der Regel wollen Männer gute Partner sein und ihre Frauen glücklich machen – gelingt es ihnen nicht, löst dies Scham und Verzweiflung aus. Ihr distanzierendes Verhalten rührt aber oft auch daher, dass es Männern immer noch schwerfällt, sich emotional zu öffnen, wirklich da zu sein, einfühlsam und mitfühlend in Kontakt zu sein. Viele Männer halten dem emotionalen Schmerz einer Frau nicht aus und lassen sie damit allein, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Dabei käme es darauf an, einfach nur dazusein, bei ihr zu bleiben und sie spüren zu lassen, dass sie nicht allein ist. Viele Männer kultivieren unbewusst ein „Feindbild Frau“, gegen das sie immer wieder ankämpfen und sich behaupten müssen. Natürlich wollen auch Frauen ihre Partner glücklich machen und sich ihnen verbunden fühlen. Doch hinter ihrem beschämenden Verhalten steht oft ein tiefes Misstrauen Männern gegenüber. Unsichere Frauen kontrollieren, bewerten und manipulieren Männer, um nicht von ihren eigenen Ängsten überflutet zu werden. Sie werten Männer ab, um vor sich selbst bestehen zu können. Sie kultivieren unbewusst ein „Feindbild Mann“ und verhalten sich so, als müssten sie sich gegenüber ihrem Partner ständig zur Wehr setzen, um in der Beziehung überleben zu können.

„Danke, dass du mich herausforderst!“ Wege zu einem wirklichen Miteinander
Wollen Sie aus dem unheilvollen Kreislauf des Gegeneinanders herausfinden und zu einem wirklichen Miteinander gelangen, dann geben Sie Ihrem Partner niemals das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein. Machen Sie sich diese Regel wirklich zu eigen: Geben Sie ihm grundsätzlich das Gefühl, okay zu sein! Egal, was er tut und auch, wenn Sie mit seinem Verhalten nicht einverstanden sind. Das verlangt, dass Sie achtgeben und mit Ihrem distanzierenden Verhalten aufhören. Wenn Sie wirklich etwas für Ihre Beziehung tun wollen, übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Worte und Ihr Handeln: Verzichten Sie ab sofort auf abfällige Bemerkungen, kritische Vorhaltungen oder verächtliches Schnauben. Wenn Sie eine Frau sind, hören Sie auf, Ihren Partner zu beschämen. Und wenn Sie ein Mann sind, tun Sie alles dafür, dass sich Ihre Partnerin von Ihnen gesehen fühlt. Probieren Sie es und beobachten Sie, was sich zwischen Ihnen ändert!
Wollen Sie beide über das Beziehungsverständnis vom Partner als Feind hinauswachsen, so versuchen Sie einmal, Ihren Partner als Ihren besten Lehrer zu sehen. Hierbei hilft es, wenn Sie sich in Dankbarkeit üben und dankbar sind für das, was Sie verbindet und was es Positives in Ihrer Beziehung gibt. Seien Sie aber auch dankbar für die Lektionen, die Ihnen Ihr Partner „anbietet“. Es gibt keine Beziehung ohne Probleme; wir brauchen sie sogar, um uns weiterzuentwickeln. Nehmen Sie die Herausforderung an und finden Sie heraus, wie Sie daran wachsen können. Es ist nicht immer einfach, aber wir können lernen, für unerwünschte Situationen dankbar zu sein. Wir können lernen, offener mit ihnen umzugehen.
Sich in einer Partnerschaft dankbar zu begegnen, bedeutet auch, dass Sie einander wirklich annehmen: Ihr Partner ist in Ihr Leben gekommen, Sie haben sich für ihn entschieden, und es macht keinen Sinn, ihn schlechtzumachen oder zu bekämpfen – nicht einmal, wenn er Ihnen schadet und es angebracht ist, sich von ihm zu trennen. Sie haben sich ineinander verliebt, um einander gut zu tun und um über Ihre mitgebrachten Begrenzungen hinauszuwachsen. Wenn Sie sich fragen, wofür Sie Ihrem Partner dankbar sein können, was er alles Schönes, Bereicherndes und Herausforderndes in Ihr Leben bringt, können Sie Ihren Groll dann ein wenig loslassen? Wie wäre es, wenn Sie von nun an davon ausgehen, dass Ihr Partner in jeder Situation sein Bestes gibt, anstatt ihm zu unterstellen, er sei unfähig, inkompetent oder bösartig? Vielleicht ermöglicht es Ihnen, Ihren Partner auch in seiner Not zu sehen. Vielleicht können Sie hinter sein abweisendes Verhalten schauen und erkennen, aus welcher Verletztheit es resultiert. Welche Angst treibt Ihren Partner an, dass er sich bislang so verhält? Können Sie etwas tun, das ihm aus seiner emotionalen Not heraushilft? Und: Geht es Ihnen wirklich anders? Was ist mit Ihrer eigenen Befangenheit, welche bislang dazu beigetragen hat, dass Sie beide sich nicht offener und wohlwollender über Ihre Schwierigkeiten austauschen?
Wer seinem Partner dankbar ist, erlebt ihn als Geschenk und nicht als Feind. Einander dankbar sein eröffnet einen völlig neuen Horizont für eine Liebesbeziehung. Nehmen Sie dankbar an, was Ihnen an Gutem wie Schwierigem begegnet, so werden Sie unabhängiger und freier. Wer dankbar ist, sagt Ja statt Nein. Ja zu sich, zum Partner, zum Leben. So werden Sie reif für eine erwachsene Beziehung, in der Sie sich selbständig und gleichberechtigt begegnen, die Zumutungen des Lebens gemeinsam tragen, sich an- und miteinander freuen und dankbar sind für das, was Sie an Möglichkeiten haben und entfalten können.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. www.jochen-meyer-coaching.de


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