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Ausgabe September 2013
Beitragsreihe 2013 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Causticum - Unter Wunden wirst du Wunder sehen

Andreas Krüger mit dem achten Teil seiner Beitragsreihe über wichtige homöopathische Arzneimittel – erläutert anhand eigener biografischer Erfahrungen.

H. Schäfer: Über welches Mittel wollen wir heute sprechen?
Andreas Krüger: Über Causticum. Causticum ist eine von Samuel Hahnemann entwickelte Zubereitung, dem ein Distillat aus gebranntem Marmorkalk und doppelt schwefelsaurem Kali zu gleichen Teilen zugrunde liegt. Es ist das Mittel in der Homöopathie, das den kompliziertesten, alchemistischsten Herstellungsprozess durchläuft – wo also am meisten Magie und alchemistisches Wissen darauf angewandt wird, um den in ihm verborgenen Heil-Geist zu entfalten. Ich habe auch von meinem Lehrer Jürgen Becker gelernt, dass der Ausgangsstoff für Causticum der Marmor ist. Marmor wird in vielen Bereichen verwendet. Zum einen wird er dafür benutzt, um Kunstwerke zu erschaffen. Michelangelo hat viel damit gearbeitet und er war es, der sagte, dass nicht er die Schätze erschuf, sondern sie fand. So ähnlich sehe ich auch meine homöopathische Arbeit:

Ich erschaffe keine Gesundheit und ich erschaffe auch keine Fülle – das alles ist schon im Klienten vorhanden. Mit meinen Methoden klopfe ich lediglich den Stein ab, der sich um das ganze Heile und Schöne herum befindet, denn alles ist in höchster Perfektion bereits vorhanden.

Außerdem ist Marmor ein Stein, der oft in Sakralbauten verwendet wird – also da, wo es um die Übergänge zwischen den Welten geht. Und Marmor ist ein klassischer Stein für Grabschmuck. In den alten, noch die Gräber ehrenden Kulturen war meistens Marmor der Stoff, aus dem die Grabsteine und Grabskulpturen hergestellt wurden.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass es bei dem Wesen von Causticum zum einen um sehr viel Schönheit geht, dann um das Sakrale, also den Übergang zwischen den Welten und dann um die Toten. Kommen wir zu den Leitsymptomen für Causticum.

Ein wichtiges Leitsymtom von Causitcum ist ein wahnsinnig hoher Anspruch an das Leben. Causticum-Menschen sind Revolutionäre, die aber keine Bomben legen, sondern sich eher selbst verbrennen würden. Causticum ist auch ein Mittel für ganz schwere Verbrennungen, wenn die Haut nur noch seifig von den Knochen hängt. Causticum ist eines der wichtigen Mittel für Menschen, die krank werden, weil sie schweres und oft auch fremdes Leid tragen, wie z.B. Mütter von behinderten Kindern, die irgendwann zusammenbrechen, weil sie es einfach nicht schaffen. Von behinderten Kindern kann man sich einfach viel schlechter abgrenzen als von 17-jährigen Zombies, die gesund sind. Zu denen kann man schon mal sagen: „Zimmer abschließen, Seuchenmatte vor und meld’ dich, wenn du Nahrung brauchst.“ Aber das macht man natürlich nicht mit einem behinderten Kind. Causticum-Themen sind die, bei denen der Patient sagt: „Ich bin ausgelaugt“ – entweder durch den Kampf für Gerechtigkeit oder durch das Tragen von schwerem Leid oder durch die Sorge um das behinderte Kind.
Deshalb ist Causticum das wichtigste Mittel für Sozialarbeiter und Waldorflehrer. Causticum neigt wie kein anderes Mittel zur Selbstausbeutung. Die Christusgestalt ist ein großes Vorbild. Causticum hat auch das Gefühl, es trägt das Leid der Welt und hat Träume, stigmatisiert zu sein, also die Christusmale zu haben. Ich habe Menschen erlebt, die diese Male entwickeln, weil sie in diesem totalen Mitleid und Aufopfern aufgehen. Es können auch Traumen sein, die Causticum-krank machen, die nicht mit Gut-Menschen-Tun zu tun haben, sondern einfach mit ganz schrecklichem Karma. So ist Causticum ein ganz wichtiges Mittel für den Verlust eines Kindes, besonders wenn sich Mutter oder Vater eine lebenslange Schuld geben. Wie z.B. bei Kindern, die mit einer Körperbehinderung auf die Welt kamen und daran starben und die Eltern zermartern sich den Kopf, ob sie sich vielleicht zu viel gestritten oder nicht genug gefreut haben und dann an dieser Schuld krank werden. „Krank werden an Schuld“ ist oft ein Causticum-Symptom.

Gibt es ein Beispiel aus Ihrem persönlichen Umfeld?
Der Mann einer Tante war ein bekennender Nationalsozialist in einem relativ hohen Amt. Ich habe diesen Mann als Menschen sehr geschätzt, aber es gab halt – aus meiner Sicht – diesen Knoten im Kopf. Er war der Meinung, die Welt mit dem nationalsozialistischen Gedankengut retten zu wollen. Als der Krieg zu Ende war, blieb er seiner Überzeugung treu und ließ sich nicht entnazifizieren, sondern sagte immer wieder, dass er nichts zu bereuen hätte. Aus der Aufstellungsarbeit wissen wir, dass Angehörige die Schuld übernehmen, wenn Täter es nicht tun, denn Schuld muss getragen werden. Bei meinem Onkel war es so, dass seine Frau relativ kurz nach dem Krieg – nachdem klar war, dass er sich nicht „entschuldet“ – eine schwere MS-Erkrankung bekam.
Man könnte sagen, dass er sich auf seine Art und Weise entschuldete, indem er diese Frau 30 Jahre lang aufopfernd pflegte, bevor er sie in ein Heim gab. Als ich Heilpraktiker wurde, war meine Tante schon seit 30 Jahren krank, aber immer, wenn ich sie besuchte, empfing sie mich freudig und fragte, wie es mir ginge. Jedes Mal versuchte ich, den Fokus auf sie zu wenden und sie sagte immer: „Ich danke meinem Herrgott, dass er mich in diese Lage versetzt hat. Denn durch diese Krankheit habe ich erkannt, was meine eigentliche Aufgabe ist.“
Meine Tante betete vormittags immer für alle Toten und nachmittags für die Lebenden. Alle Lebenden hatten eine feste Gebetszeit und von 12.45 bis 13 Uhr waren ich und meine Familie dran. Eines Tages sagte sie: „Junge, ich will dir ja nicht zur Last fallen, aber ich habe zwei Bitten. Könntest du mir mit deiner Homöopathie helfen?“ Natürlich wollte ich ihr helfen. Die eine Bitte bestand darin, ihr bei ihrer Inkontinenz zu helfen, denn sie wollte den Schwestern nicht zur Last fallen. Die zweite Bitte bestand darin, ihr zu helfen, die Hände, die Lähmungserscheinungen hatten, zum Beten zusammenführen zu können. „Aber Tante, es ist doch dem Herrgott so egal...“ „Nein, es muss seine Ordnung haben.“ Also habe ich ihr Causticum gegeben. Nach 14 Tagen war sie wieder kontinent und die 15 Jahre, die ich sie bis zu ihrem Tod mit Causticum betreute, ist sie kontinent geblieben und die Krankheit hat zumindest aufgehört, sich weiter zu entwickeln. Und ich konnte ihr ihren größten Wunsch erfüllen: Dass sie die Hände zum Beten wieder zusammen führen konnte.

Haben Sie auch eine eigene Causticum-Erfahrung?
Ich selber habe Causticum ein oder zwei Jahre nach dem Tod meiner Tochter bekommen. Direkt nach ihrem Tod funktionierte ich einfach nur und versuchte, diesen ganzen Kummer und den Schmerz wegzuschieben – einfach als Überlebensstrategie. Natürlich kann man das nicht wegschieben, das weiß ich heute. Dass so etwas nie weggeht, das weiß ich auch heute. Aber man kann es dissoziieren – so wie Frauen Missbrauchs-erfahrungen dissoziieren und eine Generation von deutschen Männern ihre Kriegserlebnisse dissoziiert hat. Im Grunde haben wir ein Volk von 70 Millionen Traumatisierten, die das Trauma nur durch Dissoziation bewältigen konnten.
Ich habe zwei Mal von meiner Tochter geträumt. Beim ersten Mal sagte sie: „Schönen Gruß vom Bruder Franz.“ Damit war Franz von Assisi gemeint – übrigens ein sehr caustischer Mensch. Er sagte: „Wenn die Nägel nicht mehr wehtun, dann bleibt nur noch Liebe.“ Und das zweite Mal sagte sie, dass sie mir wieder einen schönen Gruß von Bruder Franz bestellen soll: „Solange die Tiere so schreien, gibt es keinen Frieden auf der Welt.“ Schon Tucholsky sagte: „Solange es Schlachthäuser gibt, gibt es Schlachtfelder.“ Damals hatte ich meiner zweiten Tochter ein Stoffschwein mitgebracht und es nach meiner Lieblingsmahlzeit benannt: Das Schwein hieß Schnitzel. Ich gestehe, ich esse gerne Fleisch. Ich weiß, es ist in jeder Hinsicht zweifelhaft, aber ich mag es einfach. Nach dem Traum von Franz von Assisi wurde ich drei Monate lang zum Vegetarier und das Schwein hieß ab diesem Zeitpunkt Tofu. Causticum hat mir damals geholfen, die Trauer zu tragen und heute kann ich sagen: „Nur die Hand, die vor Leiden zuckt, kann Leiden heilen“, denn ich habe eine Idee, wie es Menschen geht, die so etwas erlebt haben.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Leiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst.


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