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Ausgabe September 2013
Kraft aus inneren Krisen. Interview mit Dr. med. Daniel Dufour

Das neue Buch von Dr. med. Daniel Dufour zeigt, wie schwierige Lebenssituationen gemeistert werden und Wohlbefinden erreicht wird. Er vertritt in seinem zweiten Buch „Die Heilkraft innerer Krisen“ einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff, der das Annehmen

Wie bereits in „Das verlassene Kind“ plädieren Sie in „Die Heilkraft innerer Krisen“ dafür, Emotionen anzunehmen und auszuleben. Worin unterscheiden sich beide Bücher?
Dr. Dufour: Es ist extrem wichtig, seine Emotionen zu erkennen, anzunehmen und auszuleben, damit es uns sowohl körperlich als auch psychisch gut geht. Deshalb findet sich auch in beiden Büchern dieser Ansatz, der genauso entscheidend ist für den Umgang mit kindlichen Erfahrungen des Verlassenwerdens wie auch für den Umgang mit existentiellen Krisen. Das Buch „Die Heilkraft innerer Krisen“ geht zum einen genauer darauf ein, wie wir diese Emotionen ausleben sollen, zum anderen auf die wichtige Rolle, welche die „Denke“ für unsere Gesundheit spielt.

Was bedeutet Gesundheit, was bedeutet Krankheit gemäß Ihrem Ansatz – und worin besteht das heilende Potenzial einer Lebenskrise?
Krankheiten sind ein Signal unseres Körpers, der unser bester Freund ist. Der Körper will unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass wir uns nicht respektieren, weil wir entweder gerade nicht im Hier und Jetzt weilen, abgeschnitten sind von unseren Emotionen – Freude, Trauer, Wut – oder keine Verbindung mehr zu uns haben, zu unserem angeborenen Wissen, unserem innersten Kern. Der Hauptschuldige für diese Art der Nicht-Liebe ist die „Denke“. Man kann erst dann seine Gesundheit wiedererlangen, wenn man versucht, besagte Denke zum Schweigen zu bringen, um den Menschen wiederzufinden, der man eigentlich ist. Schwere Momente im Leben wie Krankheiten oder Leiden sind da, um uns Gelegenheit zu geben, uns selbst als einen Menschen wiederzuentdecken, der im Hier und Jetzt lebt, der seine Emotionen auslebt und in Kontakt mit seinem ganzen Potenzial steht.

Unterdrückte Emotionen wie Wut und Trauer sollen die Ursache vieler, wenn nicht aller Erkrankungen sein. Was genau hat man sich darunter vorzustellen?
Unterdrückte Emotionen sind in der Tat die Ursache unserer Leiden. Deshalb ist es für uns sehr wichtig, uns das Recht zuzugestehen, unsere Emotionen zu erkennen und anzunehmen, um sie im Anschluss auch ausleben zu können. So tun wir uns etwas Gutes. Das macht man allein und ohne andere, um dabei ganz frei zu sein und sich respekt- und liebevoll zu behandeln. Die Liebe ist der Schlüssel, und wenn wir uns selbst Liebe zugestehen, können wir uns in einem zweiten Schritt auch anderen öffnen. Unser größter Feind ist die Denke, die uns vom Hier und Jetzt und von uns selbst trennt. Sie ist eine Folge unserer Erziehung im allgemeinen Sinn, die uns eintrichtert, unsere Emotionen zu unterdrücken und bloß nicht auszuleben. Folglich fällt es uns als Erwachsene sehr schwer, eben dies zu machen. So aber schaffen wir Störungen und alle Krankheiten, an denen wir leiden. Das ist manchmal schwer zu ertragen, denn es ist immer leichter, anderen oder den Bakterien und Viren die Schuld zu geben, statt selbst die Verantwortung für unsere Leiden zu übernehmen. Aber wenn wir diesen Zusammenhang einmal erkannt und akzeptiert haben, erkennen wir auch, dass wir die Möglichkeit haben zu genesen!

Emotionen annehmen und ausleben, ausgewogene Er-nährung und Liebe als Essenz des Lebens sind ent-scheidende Eckpfeiler Ihres ganzheitlichen Gesundheitskonzepts. Wie lassen sich diese großen Begriffe im Alltag umsetzen?
Als Erstes sollte man versuchen, im Hier und Jetzt zu leben. Das schreibt oder sagt sich viel leichter, als es getan ist, denn unsere Denke ist sehr aktiv und macht es uns schwer, unsere Emotionen und den Menschen wahrzunehmen, der wir sind. Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet, unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper und unsere Sinne zu richten. Das kann man jederzeit: Wir können unsere Aufmerksamkeit auf das Wasser der Dusche richten, die wir gerade nehmen, auf die Seife, die wir benutzen, um uns die Hände zu waschen, auf die Wärme zwischen unserer Kleidung und unserer Haut oder auf den Geschmack des Speichels in unserem Mund. Unsere Emotionen auszuleben, also sie auszudrücken, kann sich schwieriger gestalten, denn wir können das nicht vor und gegenüber anderen tun. Dafür müssen wir einen geeigneten Ort finden: das Innere unseres Autos, die Natur oder unter unserem Kopfkissen. Ich habe festgestellt, dass der Mensch sehr erfinderisch ist, wenn es um Orte und Möglichkeiten für dieses Ausleben geht. Wie immer aber wird die Denke sich sträuben, und man muss sie regelmäßig ausschalten, um sich Gutes tun zu können.

Jedes Mal, wenn wir uns das Recht zugestehen, unsere Denke auszuschalten, schenken wir uns Gehör und Respekt; jedes Mal, wenn wir uns erlauben, eine Emotion anzuerkennen, zu empfinden und auszudrücken, schenken wir uns Liebe.

Und jedes Mal, wenn wir das tun, antwortet unser Körper, indem er Anspannung durch Entspannung ersetzt – ein sicheres Zeichen dafür, dass wir uns liebevoll behandeln.

Die Erkenntnis bzw. das Wiederfinden des inneren Kerns erscheint als der Schlüssel zur Gesundheit im Sinne des harmonischen Einklangs mit dem Kosmos. Wie kann dies erreicht werden, und welche Rolle kann ein Arzt oder Therapeut dabei spielen?
Wir stehen über unseren innersten Kern mit dem Kosmos in Verbindung, denn wir sind Teil des Universums und das Universum ist in uns. All das ist übrigens auch durch die Quantenphysik bewiesen. Da jeder Mensch einzigartig ist, ist es einem Arzt oder Therapeuten unmöglich, so zu tun, als könne er einen solch einzigartigen Menschen ersetzen und an dessen Stelle genesen! Das ist eine gefährliche Illusion und zeugt von großer Ignoranz. Die Rolle des Therapeuten kann aber eine sehr nützliche sein, wenn er einen Betroffenen so begleitet, dass er sich selbst wiederfinden und unabhängig werden kann. Das ist eine außergewöhnliche und sehr bereichernde Aufgabe für einen Therapeuten, für die es auch viel Demut braucht – und viel Liebe.


Dr. med. Daniel Dufour (geb. 1951) wirkte nach seinem Medizinstudium u.a. als Chirurg in Entwicklungsländern und als Abgesandter und Koordinator für das Internationale Rote Kreuz in Kriegsgebieten. Seit 1988 leitet er die Vitamed-Klinik in Genf und vertritt einen ganzheitlichen Ansatz, demzufolge nicht die Symptome, sondern die tieferen Ursachen einer Krankheit behandelt werden. Dr. Dufour entwickelte 1997 die „OGE“-Methode und tritt als Ausbilder und Referent bei OGE-Seminaren in Europa und Kanada auf. Von ihm in deutscher Sprache bereits erschienen ist das Buch „Das verlassene Kind“.

Buchtipp
Dr. med. Daniel Dufour: Die Heilkraft innerer Krisen. Emotionen annehmen, ausleben – und heilen, Mankau Verlag, 1. Aufl. April 2013, Broschur, 158 Seiten, 14,95 €


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