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Ausgabe September 2013
Heilung durch den bewussten Placebo-Effekt. Oliver Driver


Wohl nahezu jeder Coach, Therapeut, Arzt, aber auch Geistheiler hat im Laufe seiner Arbeit zwei, wenn nicht drei wesentliche Phasen durchlaufen. Frisch aus der Ausbildung raus ist der Drang, Menschen zu helfen, sie zu heilen, groß. Man vertraut voll und ganz auf die Ausbildung, auf Methoden und insbesondere auf die schließlich durch Zeugnis, Approbation oder anderes bescheinigte eigene Kompetenz. Man hat die Lizenz zum Heilen, entsprechend könnte man von der aktiven Heilungsphase sprechen.
Auf diese Phase folgt die selbstkritische Zeit des Zweifels. Warum wirkt meine Behandlung manchmal gut und manchmal gar nicht? Habe ich wirklich geheilt oder wäre der Patient oder Klient auch ohne mich gesund geworden? Handelt es sich möglicherweise um einen Placebo-Effekt? Bin ich gar nicht so außergewöhnlich und mächtig?
Wer Phase III erreicht, erkennt endlich, dass es gerade dieser Placebo-Effekt ist, der tatkräftig (mit-)heilt und dass man diesen Effekt bewusst einsetzen kann, um die Selbstheilungskräfte des Patienten anzuregen. Lassen Sie mich auf diesen Placebo-Effekt ein wenig näher eingehen.
In der Medizin unterscheidet man konkrete Wirkstoffe und/oder Behandlungen und Placebo. Unter Placebo versteht man ein Scheinarzneimittel ohne Wirkstoff oder auch eine Scheinintervention. Gerade letzteres ist sehr interessant. So wurden in den USA 120 Patienten wegen Knie-Arthrose behandelt. 60 wurden operiert, 60 wurde nur ein Schnitt in der Haut zugefügt. 90 % beider Gruppen waren nach zwei Jahren zufrieden, egal ob operiert oder auch nicht. Die Nicht-Operierten hatten jedoch weniger Schmerzen als die anderen! Es gibt eine Reihe mehr dieser Fälle, die zeigen, dass Scheinoperationen eine deutlich höhere Heilungsquote erreichen als Scheinmedikamente.
Bei einer Studie mit Asthma-Patienten wurde festgestellt, dass ein eigentlich die Symptome verschlechterndes Mittel dennoch half, wenn der Patient glaubte, es wäre das richtige Medikament. Umgekehrt führte das bewährte „richtige“ Medikament zu negativen Ergebnissen, wenn man behauptete, es sei eine Verschlimmerung zu erwarten.
Kaum jemand weiß, dass die Wirksamkeit neuer Arzneimitteln gegenüber der Placebo-Variante nicht etwa hundert- oder tausendfach höher ist. Nein, der Unterschied ist relativ gering. Oft reden sie über eine Verlängerung der zu erwartenden Restlebenszeit von Schwerkranken von einigen Wochen und nicht etwa von Jahren. Eine Studie hat gezeigt, dass Zuckerpillen bei 56% der Menschen ebenso wirksam wie Morphium sind.
Der Placebo-Effekt beschreibt also eine positive Veränderung des subjektiven Empfindens unter objektiv messbaren Faktoren. Der Mensch fühlt sich besser und z.B. seine Blutwerte sind besser. Mittlerweile erreichen die Forschungsergebnisse zum Placebo-Effekt auch die Öffentlichkeit und Ärzteschaft. Langsam vollzieht sich hier ein Bewusstseinswandel. Ärzte geben zu, dass sie bewusst mit Placebos, also der Gabe von wirkstofffreien Medikamenten arbeiten. In der Schweiz ergab eine Studie, dass nur 28% der befragten Ärzte nie mit Placebos arbeiteten.
Das erste Mal erwähnt wird der Placebo-Effekt bei Platon (427-347 vor Christus), der eine Heilung durch Worte für möglich hielt. Er verteidigte auch die ärztliche Lüge, also dem Patienten auch bei einer wahrscheinlich hoffnungslosen Krankheit dennoch Hoffnung zu machen. Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), arbeitete ebenfalls mit diesem Prinzip. Er verordnete Himbeersaft oder Milchzucker zur Beruhigung des Verlangens der Patienten nach Medizin.
Ich möchte in Ihnen das Bewusstsein wecken, dass der Placebo-Effekt keine Täuschung, kein Betrug, keine Manipulation ist, sondern ganz einfach die völlig normale Anregung der Selbstheilung des Einzelnen. Ob ich Kopfschmerzen mit Akupunktur, Tabletten, Handauflegen, Affirmationen, Mentaltraining oder Klopfen angehe, jedes Mal passiert im Behandelten das Gleiche. Die Intervention regt seine Selbstheilungskräfte an, der Körper startet das Programm zur Selbstheilung und repariert eventuelle Fehler.
Wenn Sie mit anderen Menschen arbeiten, sollten Sie also dafür sorgen, dass Ihr Klient Ihnen und Ihrer Methode die entsprechende Macht gibt und Ihnen den Erfolg zutraut.
Das Gegenteil des Placebo-Effekts ist der Nocebo-Effekt. Er ist das genaue Gegenteil zum Placebo, die schwarze Magie, das negative Ergebnis von bewusster oder unbewusster Suggestion. So, wie die Erwartung von Heilung bereits heilt, kann auch die Erwartung von Krankheit und Tod wie etwa verursacht durch den Fluch eines Voodoo-Priesters wirklich bis zum Tod führen. In Afrika und Südamerika kann ein Fluch auch heute noch töten. Wer von einem Magier verhext wird, stirbt. Er stirbt an Angst, an einem Versagen des Immunsystems oder des Herz-Kreislauf-Systems. Hierbei spielt auch der Ausschluss des Betroffenen aus dem Beziehungsnetzwerks der Gemeinschaft eine Rolle. Und wenn dann noch der um Hilfe gebetene Schamane sich keinen Rat weiß, gibt er sich innerlich auf und kann innerhalb kürzester Zeit sterben.
Blicken Sie zurück auf die Auswirkungen von Stress, so ist es leicht vorstellbar, dass große Angst das Gehirn dazu bringt, den Körper so in Alarmzustand zu versetzen, dass wichtige andere Funktionen aussetzen. Interessanterweise funktioniert solch ein Fluch bei Europäern weniger, denn ihre Welt ist zu anders. Stattdessen kann in unserer Kultur die Aussage eines Arztes im weißen Kittel, dass wir etwas Unheilbares haben, unser Todesurteil sein. Der Mensch stirbt, weil er glaubt, sterben zu müssen. Wer immer brav die Beipackzettel seiner Medikamente liest, kann davon ausgehen, dass er irgendetwas von den Nebenwirkungen zu spüren bekommt – ich spreche aus Erfahrung.
Ähnlich, wie es den 120 Knie-Patienten erging, kann auch umgekehrt eine Diagnose eine Krankheit manifestieren. Patienten, die eine Röntgenaufnahme oder ein CT-Bild einer Schädigung an Siebeln oder Bandscheibe gesehen haben, werden zumeist nie wieder beschwerdefrei. Sie haben ihren Schaden gesehen, sie glauben an ihn, oft ist er irreparabel. Dabei haben viele Menschen mit ähnlichen Bildern keine Schmerzen – aber sie kennen eben diese Bilder einfach nicht. Täusche ich hingegen einen gesunden Menschen mit einer falschen Röntgenaufnahme, so glaubt dieser schnell, dass er krank sei und entwickelt die entsprechenden Symptome. Ist das nicht faszinierend? Die an und für sich sinnvollen, bei uns üblichen Vorsorgeuntersuchungen erscheinen unter diesem Gesichtspunkt ebenfalls unter einem anderen Licht.
Für jeden Heiler ist es eine Gratwanderung, wie er mit der modernen Medizin umgehen soll. Rät er seinem Klienten, zum Arzt zu gehen, manifestiert sich ein Problem leicht. Tut er dies nicht, läuft er Gefahr, eine schwere Krankheit zu übersehen und seine eigenen bzw. die Selbstheilungskräfte des Klienten zu überschätzen. Der hawaiianische Schamane Serge Kahili King hat mir einmal von einem Fall erzählt, wo das Röntgenbild des Krebs bereits vom Patienten gesehen war, er aber dennoch einen Heilversuch startete. Das Ergebnis war, dass der Patient beim nächsten Arztbesuch hörte, dass es sich offensichtlich um eine Verwechslung des Röntgenbildes gehandelt haben musste, da kein Krebs mehr zu sehen sei. Ist dies nicht ein wunderbares Beispiel, wie Glaube Berge versetzen kann? Dies funktionierte vielleicht allerdings nur, weil der Patient wirklich einen festen, unerschütterlichen Glauben an die Kräfte von Serge Kahili King hatte.


Der Autor Oliver Driver ist spiritueller Lehrer, Coach, Schamane und Autor. Bevor ihn 2002 eine gesundheitliche Krise traf, arbeitete er als Manager und Bauingenieur.
Den Werdegang vom Manager zum Schamanen beschreibt er in seinem Buch „Die Reise meines Lebens“. Heute gibt er sein Wissen als Lehrer in schamanischen Ausbildungen und Workshops weiter. Weitere Infos zur Arbeit des Autors www.oliver-driver.de
Buchtipp: Oliver Driver, Synchronicity Healing – Ihre heilende Reise vom Ich zum Selbst, 336 S., Broschur, Schirner Verlag


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