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Ausgabe September 2013
Der Blick nach innen. Wolf Schneider

Was die Innenschau des Mystikers von der des Künstlers unterscheidet

Nach den Jahrhunderten der vorherrschenden Außenweltorientierung ist bei uns endlich wieder die Mystik angesagt. Der Blick des Mystikers geht nach innen, ebenso wie der des Künstlers, aber der des Mystikers geht tiefer. Als Marcel Proust in seinem monumentalen Werk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« seine Innenwelt erforschte, entdeckte er dort ein ihm eigenes, einzigartiges Universum. Solche Universen haben auch wir in uns, jeder von uns. Der Blick des Mystikers aber geht noch tiefer. Er schaut hinter die Phantomwelten, die die Begriffe unserer Sprachen uns vorgaukeln – all das, was gedachte und gehörte Worte in uns an Verstehtrancen auslösen – und setzt sich damit der Leere, Einsamkeit, Verlorenheit und Verzweiflung aus, die hinter der Phantomwelt der Begriffe liegt. Hinter der dunklen Nacht der Seele, die erst zum hellen Tag wird, wenn man sie durchschreitet und nach dieser Höllenwanderung im Himmel der Erfahrung der Einheit und Zusammengehörigkeit ankommt.

Wissenschaftler und Künstler
Der Wissenschaftler sieht die Welt als Außenwelt, als etwas intersubjektiv Vermittelbares. Experimente gelten ihm erst dann als aussagekräftig, wenn andere sie wiederholen können und dabei zu demselben Ergebnis kommen. Eine wissenschaftliche These wird erst dann für gültig angesehen (vorläufig gültig, wie alles in der Wissenschaft), wenn andere Menschen nichts berichten können, das ihr widerspricht. Der Künstler hingegen badet in seinem Innenraum als etwas Einzigartigem, nur bedingt Vermittelbarem. Obwohl er versucht, seine Innenschau zu vermitteln, das ist der künstlerische Drang, lebt er und wächst mit seinem Scheitern, denn die Innenwelten jedes Menschen sind einzigartig und nicht transferierbar, auch durch noch so gute Übersetzungen nicht. Wenn wir uns dennoch manchmal verstehen, ist das ein großes Glück! Wir nennen es Liebe.

Die Sicht des Mystikers
Der Mystiker aber, wenn er die dunkle Nacht seines Innenraums hat aushalten und durchschreiten können, sieht die ganze Welt als Innenwelt – als Weltinnenraum. Nun ist sein Blick nach außen derselbe wie der nach innen! Wenn er rücklings auf einer Wiese liegend in den Himmel schaut und dort Wolken vorüberziehen sieht, weiß er, das dies Wolken am Himmel seiner Innenwelt sind, sie sind in ihm. Aber nicht in einer Glocke, wie die Innenwelt des Autisten oder Psychotikers, der die Außenwelt ignoriert und an ihr scheitert, weil er sie für eine selbst geschaffene Illusion hält. Der Mystiker hingegen weiß, dass alle anderen wahrnehmenden Wesen in derselben Innenwelt leben, auch wenn die je nach individueller Perspektive ein bisschen anders aussieht. Die Welt als Hologramm. Du bist die Mitte dieser Welt, ebenso wie ich und er und sie und alle anderen wahrnehmenden Wesen.

Zurück auf Null
Ihre Lieblinge jedoch prüft die Göttin hart: Dieses Wissen um die Welt als unteilbares Ganzes, in dessen Mitte ich mich befinde, ist eine Versuchung zum Größenwahn. Alles ist in mir! Ich bin das Zentrum der Welt! Wenn ich dabei vergesse, dass alles auch in dir ist, bin ich in die Falle des Größenwahns gegangen, der Blasphemie und habe den Test nicht bestanden. Zurück auf Null, an den Ausgangspunkt der spirituellen Entwicklung und nochmal ganz von vorn anfangen. Lektion eins: Es gibt eine Außen- und eine Innenwelt, und du bist erst dann ganz erwachsen geworden, wenn du das eine vom anderen unterscheiden kannst. Dort draußen ist die ‚reale‘ Realität, an der du dich stoßen kannst. Dort gibt es Autounfälle und Geldsorgen und jetzt bald die Bundestagswahl. Und hier drinnen, da sind unsere Träume, Fantasien, Erinnerungen, Wünsche und Befürchtungen, unsere Innenwelten. Wer das eine mit dem anderen verwechselt, wird vom Leben bestraft.

Heilung
Wenn du diese Prüfung bestanden hast, vielleicht sogar mit summa cum laude, kommt die nächste Versuchung auf dich zu: Du willst andere Menschen damit beglücken! Nun hast du es verstanden und kannst andere belehren und heilen. Der verwirklichte Mystiker ist jedoch nicht unbedingt ein guter spiritueller Lehrer und auch nicht automatisch ein Heiler und Geheilter.
Für die Heilung braucht es erst ein ungebrochenes Verhältnis zur eigenen Heimat. Damit ist zunächst die Herkunftsidentität gemeint. Die Identität, zu der andere uns gemacht haben im Lauf unserer biografischen Konditionierung, die vor allem in der Kindheit stattfindet, beim Aufwachsen. Zweitens gehört dazu auch die Heimat, die wir uns selbst wählen, unsere Identität als Erwachsene, die sich Wahlverwandte suchen – Menschen, Themen, Tätigkeiten, mit denen wir uns identifizieren, meist auch eine neue geografische Heimat.

Lebensdramen
Für den spirituellen Pfadfinder auf seiner Suche nach dem wahren Ich oder Selbst bedeutet das zunächst mal die Erkenntnis: Der, zu dem ich gemacht wurde und für den ich mich selbst lange genug gehalten habe, der bin ich nicht. Sobald die Fiktivität dieses Ichs durchschaut ist, irreversibel durchschaut, in einem Prozess, der für die meisten eine tiefe Umwälzung des ganzen Daseins bedeutet, kommt alsbald der nächste Schritt: Schluss mit dem Ego-Bashing! Dass wir aus Ich-Identitäten heraus handeln, ist nicht grundsätzlich schlimm, sondern normal und sogar gut. Es kommt halt darauf an, was für eine Ich-Identität das ist. Du kannst ein Held oder ein Schurke sein, und obwohl du weißt, dass wir alle im Grunde alles sind, macht es einen riesigen Unterschied, ob du dich im Leben eher als Held oder eher als Schurke aufführst. Shakespeare war selbst jede der Figuren in seinen Dramen, und das gilt auch für uns, die nicht im literarischen Sinne Dramatiker sind – auf der Bühne des Lebens sind wir es allemal.

Du und ich
Bei aller Einsicht, die wir in uns selbst gewinnen können, bleiben uns andere Menschen in ihrer Individualität doch immer ein Rätsel. Du bist wie ich – und doch irgendwie anders. Auch du hast Hoffnung und Zweifel in dir, bist eine Liebende, Wütende, Verzweifelte, aber was genau du fühlst, kann ich allenfalls durch gutes Zuhören herausfinden. Telepathie ist ein schöner Gedanke, eine süße esoterische Träumerei und immerhin so wahr wie ein Märchen. Wer darin aber mehr sieht als eine Fiktion, die sich der Wirklichkeit märchenhaft annähern kann, ohne sie je ganz zu erreichen, entwürdigt den vermeintlich so erkannten Menschen.
Was ich fühle, denke und will, weiß letztlich nur ich selbst. Darin bin ich die höchste Autorität, die ich mir auch von hochbegabten Sensiblen nicht nehmen lasse – und keinem anderen Menschen nehmen will. Marcel Proust muss schon selber sagen, was für eine Kindheit er hatte, kein Hellseher kann das genauer wissen als er.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de.


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