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Ausgabe Juli 2013
Pilgern mit Wundern. Von Lisa Trümner


Wir sind immer auf der Suche nach unseren Wurzeln, angetrieben von einer Sehnsucht, unsere Berufung zu erfüllen, uns zu leben. Tief in uns spüren wir den Wunsch nach Wandlung und Entwicklung. Unsere Suche gilt nicht der Entdeckung von etwas Neuem, sondern der Erinnerung unseres ursprünglichen Selbst: unschuldig, vollkommen und vollständig. Danach sehnen wir uns. Das wollen wir erfahren. Daran wollen wir glauben. Während wir uns auf die Spuren dorthin begeben, verlassen wir die eingetretenen Pfade...
Es ist erst ein paar Wochen her, als mein Freund Uli auf dem Sofa sitzend in unserer gerade fertig eingerichteten Wohnung in Berlin Neukölln vorschlug: „Wir können ja hier in Deutschland reisen und wandern.“ „Genial!“, dachte ich und machte aus dem Vorschlag ein Vorhaben. Uli verschiebt seine geplante Ausbildung, ich bringe mein letztes Theaterprojekt zum Abschluss. Irgendwann Mitte Mai wollen wir los und nach drei Monaten zurück kommen. Was dann? Keine Ahnung. Ein Neuanfang.
Am 17. Mai fällt die Tür hinter uns ins Schloss. Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: Ich frage mich, ob ich alles dabei habe, der Gasherd wirklich aus ist, die Balkontür zu, laufe wegen etwas zurück und dann bin ich raus. Raus. Ich bin raus und aufgeregt. Dann draußen, auf der Straße. Noch schnell ein Foto von uns machen, wie wir aussehen, ganz am Anfang der Reise, vielleicht haben wir später lange Bärte. Auf Wiedersehen Berlin, ich weiß nicht, wann ich wieder komme. Ich habe jetzt Boden unter den Füßen. Erst Asphalt, aber später wird er weicher werden.
Wir machen uns auf den Weg: Vier Monate werden wir in Deutschland unterwegs sein. Unser Rucksack birgt nur das, was die Schultern tragen können. Wir übernachten im Freien, in Höhlen, an Wasserfällen, im Wald und in Klöstern. Wir entdecken Deutschland von einer völlig neuen Seite und sind doch nur eine Spur vom Alltag der Menschen entfernt. Viele haben für einen Augenblick daran teil, in dem sie uns den Weg weisen, eine Unterkunft schenken, ihr Abendessen mit uns teilen und sich selbst daran erinnern, wann sie das letzte Mal den Mut hatten, alles los zu lassen und ihr Herz zu öffnen.

Wir sind Pilger auf dem Weg nach Hause und der Himmel führt uns so weit, wie wir gehen wollen.

Wir haben keinen festen Plan, keinen Wanderführer, keine gesteckte Route und treffen immer wieder die Entscheidung neu, wo wir als nächstes hingehen. Oft verlassen wir uns auf das, was andere Menschen uns sagen. Ein älterer Mann begegnet uns im Wald, der sich nicht damit zufrieden gibt, den Weg nur zu erklären, sondern der sein Elektrobike 1 ½ Stunden neben uns schiebt. Ein Anderer läuft kurz vor Trier im Vollmondlicht an unserem Zelt vorbei, weist uns die Richtung für den nächsten Tag, ein Friedensgedicht fällt ihm ein, bevor er wieder im Nebel Richtung Mond verschwindet. Noch einem Anderen purzeln wir fast vor die Füße, orientierungslos aus dem Dickicht auf einen Privatparkplatz, auf der Suche nach der Stadt Bielefeld. Er weiß nicht nur den Weg zum nächsten Edeka und zum Freibad, gibt uns Wasser und Ritter Sport Schokolade mit auf den Weg, sondern er will auch alles über uns wissen. Wir erzählen, von unseren Ideen, Plänen und Visionen. In Weilburg steigen wir kaum aus dem Zug, bevor der erste uns den Weg erklären möchte. Wir gehen gerade aus dem Bahnhof, als der Nächste stehen bleibt. Wir erreichen nicht die Stadtmitte, bevor jemand neben uns springt und mit ausgebreiteten Arme ruft: „Kann ich euch vielleicht helfen?“, um dann etwas enttäuscht festzustellen, dass uns bereits gerade jemand den Weg erklärt. Viele weitere werden wir treffen, die mehr wissen als wir.
Viel später erst werde ich verstehen, was der Satz aus Ein Kurs in Wundern „Mein Bruder ist mein Erlöser“ wortwörtlich meint. Ich kann keinen Schritt in die richtige Richtung machen, wenn ich nicht höre, wo ich bin und wo mein Weg hinführt. Jeder, den ich danach frage, wird es mir sagen, so gut er kann...
Unsere Reise ist kein Spaziergang, sondern ein echtes Verlangen nach der Erfahrung von dem, was sich in unserem Geist bewegt. Wir finden einen gemeinsamen Rhythmus von lesen und lernen, uns darüber auszutauschen und laufen. Wir kommen viel weiter, als wir gedacht hätten. Es ist ein Geschenk, mit meinem Freund auf reisen zu sein, im Innen wie im Außen. Manchmal gehen wir hintereinander, manchmal Hand in Hand, manchmal mit Stock...

Wir leben eine Auszeit aus der Alltäglichkeit mit einer Bereitschaft für Erfahrungen, die über unseren Horizont hinaus gehen.

Innere Führung fängt dort an, wo ich beginne loszulassen. Es spielt keine Rolle, ob ich meine Quelle als Gott, Einheit, großen Geist oder einfach nur als Liebe bezeichne. Hauptsache ich weiß, wo ich sie finde. Sich auf seinen eigenen Füßen fortzubewegen gleicht einer Verlangsamung unseres „in der Welt Seins“. Das gibt uns Zeit. Wir haben nur das dabei, was wir tragen können. Was sich zunächst gewöhnungsbedürftig anfühlt, wird zu einer einzigartigen Entlastung. Was bleibt, ist mehr Raum für das Wesentliche: mehr Innenschau und Raum für Gott, und viel mehr Berührung mit der Gegenwart.
Pilgern heißt vertrauen. An den Schutz des Himmels zu glauben ist gut. Ihn zu erleben bedeutet, Gewissheit zu finden. Pilgern heißt Freude. An all den Überraschungen und Geschenken, die auf dem Weg liegen. Pilgern heißt aufgeben. Die eigenen Pläne schmieden und sie gegen Gottes Angebote tauschen. Pilgern heißt antworten. Auf einen Ruf, der dich losschickt.


Die Autorin Lisa Trümner, geboren 1982, studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis und lebt zur Zeit in Freiburg. Nach vielen Jahren leidenschaftlicher Kulturarbeit wurde ihr innerer Ruf nach „mehr“ unüberhörbar. So begann für sie neben der kreativen Arbeit die spirituelle Reise mit „Ein Kurs in Wundern“. Als Kursgruppen- und Seminarleiterin liegt ihr Fokus auf dem vergessenen Potenzial, welches entdeckt und gelebt werden möchte. Kontakt: lisa.truemner@googlemail.com

Buchtipp: Lisa Trümner, Pilgern mit Wundern, gebunden, s/w Abb.,Verlag: Wunderschule, 8,90 Euro - erhältlich im Online Shop der Wunderschule über www.wunderschule.com


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