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Ausgabe Juli 2013
Trance Tanz. Ein Erfahrungsbericht aus dem Buch „Feuergeist & Wandelwind“ von Vicky Gabriel

mit freundlicher Genehmigung des Arun Verlages.

Ein Dutzend Menschen steht in erwartungsvoller Haltung in einem Kreis. Aufregung und Vorfreude liegen in der Luft. Der Ritualleiter geht in die Mitte und vollzieht jene kleinen Handlungen, mit denen traditionell ein Trancetanzritual eingeleitet wird. Sanft und behutsam führt er die Gruppe in diesen magischen Bewusstseinszustand hinein, in dem die Tänzer sich in alle Richtungen bewegen und den gesamten Kosmos erforschen können – ihren inneren wie auch den im Außen, denn diese Grenze gibt es bald schon für sie nicht mehr.
Mittlerweile haben die Trommeln eingesetzt. Erst langsam, aber doch innig und fordernd nehmen sie die Tänzer auf, bieten ihnen einen ersten, sicheren Boden, auf dem die Menschen Schritt für Schritt ihr Alltagssein zurücklassen und sich auf eine ganz besondere Reise zu sich selbst und zur Natur des Universums begeben können. Je freier sie werden, um so mehr beschleunigt der Trommelrhythmus. Das dauert nicht lange, denn die Kraft der Zeremonie, der Gemeinschaft und der Instrumente selbst hat die Tänzer schon längst erfasst. Viele bewegen sich mit halboffenen oder geschlossenen Augen durch den Raum, der ohnehin nur schwach beleuchtet ist.
Und dann legen die Trommeln richtig los. Nichts wird mehr gebremst, nichts mehr zurückgehalten – so, wie die Trommeln frei durch die Nacht jagen, geben auch die Tänzer sämtliche Begrenzungen auf. Die Klamotten werden binnen fünf Minuten in die Ecken gepfeffert. Zwölf halbnackte Menschen toben durch den Raum und machen Bewegungen, die sie noch nie zuvor gemacht haben. Manchmal sind es Bewegungen, die eigentlich gar nicht möglich sein sollten. Schreien, Grunzen, Jubeln, Jaulen, Lachen, Heulen – immer wieder, wenn die tiefen Trommeln kurz aufhören und nur noch helle Rasseln zu hören sind. Begegnungen, Berührungen, Halten, Umfangen, Getragenwerden, Fliegen, Aufgehen, Auseinandergehen und weit, so unendlich weit werden. Pure Intensität im absoluten Hier und Jetzt. Menschen, die vollkommen erschöpft auf dem Boden liegen, aber einfach nicht aufhören können, rhythmisch mit den Füßen zu zucken und beim nächsten Trommeleinsatz doch irgendwie wieder auf die Füße kommen, um vollkommen selbstvergessen alle Glieder von sich zu werfen, ein seliges, irres und vollkommen abwesendes, aber zutiefst inniges Lachen purer Lebensfreude auf dem Gesicht.
Schließlich verklingen die Trommeln langsam in der Nacht. Wir stehen da und schauen uns vollkommen aufgelöst, glücklich und atemlos in die Augen. Staunend. Ungläubig. Dankbar. Ehrfürchtig wandert mein Blick von einem Menschen zum nächsten. Ich sehe leuchtende Wesen, die viel größer und tiefer sind, als sie es heute Morgen noch waren. Menschen, aus deren Augen der Glanz der Sterne funkelt, mit denen sie gerade noch getanzt haben. Die an Orten waren und Dinge berührt haben, denen man im Alltag selten begegnet. Menschen, die sich vollkommen ihrer ursprünglichen Kraft bewusst sind und deren Freude am Leben und an sich selbst aus jedem ihrer Blicke, aus jeder ihrer Bewegungen spricht. Liebevoll danken sie einander für die gemeinsame Erfahrung und vergessen dabei auch das heilige Universum nicht, mit dem sie getanzt haben. Und während sie lachend in Richtung der Duschen verschwinden, freue ich mich an dem Wissen, dass der Trancetanz zu den wenigen Zeremonien gehört, deren Wirkung auch morgen früh noch anhalten wird – und noch eine ganze Zeit darüber hinaus. Und wenn sie abklingt, dann feiern wir eben ein neues Tanzfest und schließen uns wieder neu an den Saft des Universums an, machen unsere inneren Kanäle wieder weit und frei für das Göttliche, das Fleisch werden will... wie schon seit vielen, vielen Tausend Jahren auf diesem Planeten.

Viatores (Musik) mit Vicky Gabriel (Buch): Feuergeist & Wandelwind – schamanische Heil- und Ritualtänze, Buch und CD, Arun, Uhlstädt-Kirchhasel, 2013, 44 Seiten


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