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Ausgabe Juli 2013
Schamanismus heute. Zurück zu den Wurzeln und den Wundern der Natur. Von Wolf Schneider


Back to the roots! Zurück zu den Wurzeln, das ist auch im Bereich der Religionen und der Spiritualität manchmal eine gute Devise, denn nicht jeder Fortschritt ist ein guter. In manchen Bereichen war es früher besser als heute. Die Urzeit wird jedoch auch gerne idealisiert. Dafür eignet sie sich, weil sie zum einen so weit zurück liegt, dass sich das meiste, was wir über sie aussagen, kaum nachprüfen lässt. Zum anderen weil wir Geschichtsabläufe gefühlsmäßig gerne unserer individuellen Biografie angleichen, und die begann mit jenem kuscheligen Zustand im Mutterbauch, wo wir vollständig versorgt waren und sich die Fragen, die uns heute quälen und überfordern, noch nicht stellten – eine Einladung zur Regression.

Idyllische Steinzeit
Dennoch hat das Motto „Back to the roots“, das heute wieder verstärkt auch die spirituellen und religiösen Bewegungen erfasst, auch sein Gutes. In der Steinzeit waren die Hierarchien noch flach und es gab keine Priester. Die Vermittler zur Anderswelt waren durch Berufung Erwählte; oft übten sie ihre religiösen oder heilerischen Aufgaben nur zu besonderen Anlässen aus und waren den Rest der Zeit normale Stammesmitglieder. Das macht die schamanischen Kulturen uns Heutigen sympathisch. Damals wachte kein Ärzteverband darüber, wer Heiler sein durfte, man musste nicht einer Kaste angehören (Brahmanen) um Priester zu sein, und die heilerischen und religiösen Ämter waren nicht den Männern vorbehalten.

Ärzte und Priester des Patriarchats
Seit ein paar Jahren gebe ich im Connection Verlag Sonderhefte zum Thema »Schamanismus« heraus. Diese richten sich an Menschen, denen der Religionsbegriff der sogenannten »Hochreligionen« oder Weltreligionen zu eng ist, zu patriarchalisch, zu hierarchisch und meist auch zu dualistisch, was das Verhältnis von Körper und Seele anbelangt. In der europäischen christlichen Neuzeit war das Priesteramt bis ins 20. Jhd. fast ausnahmslos Männern vorbehalten, fast ebenso lang auch der Beruf des Arztes. Die Experten für Körper und Seele waren zwei voneinander getrennte Berufe, deren Ausbildungswege kaum Gemeinsamkeiten aufwiesen: Die einen studierten die Bibel, die anderen Anatomie und Pathologie, und beide Ausbildungen waren Männern vorbehalten. Klar, dass solche männliche Arroganz und thematische Einseitigkeit die Hochreligionen den Frauen unserer Zeit unsympathisch machen. Es sind ja mehrheitlich Frauen, die bei uns, in den westlich akkulturierten Ländern, an ganzheitlicher Heilung und Spiritualität interessiert sind.

Komplementärmedizin
Die große Gefahr bei dieser Rückkehr zu den Wurzeln sowohl der körperlichen wie der seelischen Heilkunst ist jedoch, dass dabei die inzwischen gemachten Fortschritte insgesamt ignoriert, missachtet oder abgelehnt werden. Die Idealisierung der Frühzeit führt dann zu Formen der Heilung und des Kultes, die denen der rationalen, männlichen, hierarchisch organisierten Zeit weit unterlegen sind. So werden mir für unsere Schamanismus-Hefte häufig Texte angeboten, die in religiöser oder heilerischer Hinsicht naiv sind. Sie lehnen die Ratio ab, behaupten erfühlen zu können, was richtig ist und leisten sich gegenüber Pharma und Schulmedizin eine allzu schlichte Feindbildpflege.
Besser wäre es, einen Schritt weiter zu gehen, über die Einseitigkeit von Schulmedizin und patriarchaler Theologie hinaus. Das ist gar nicht so leicht. Es erfordert nämlich, die Grenzen des Rationalen und des linearen Denkens tatsächlich erfasst zu haben. Ambulanz, Chirurgie, Zahnmedizin, Umgang mit Seuchen – in so vielen Bereichen hat die Schulmedizin viel zu bieten, auf das kaum einer von uns verzichten möchte. Gegenüber chronischen Leiden aber versagt sie oft, und auch das Wesen der Psychosomatik ist vielen ihrer Vertreter fremd. Dort setzen dann Heilpraktiker, Physiotherapeuten, ganzheitliche Körpertherapeuten und Schamanen an – oft mit großen Erfolgen, vor allem dann, wenn sie nicht so dumm sind, die Schulmedizin pauschal zu verdammen.

Natur oder Chemie?
Die einseitige Verherrlichung der Kräutermedizin ist kaum weniger naiv. Auch bei der Verabreichung von Kräutern entscheidet ja, ähnlich wie bei Pharma-Produkten, nicht nur das Symptombild, sondern auch die Dosierung, der Zeitpunkt der Einnahme, ihre Umstände, der Glaube an das Mittel und an die es überreichende Person. Aspirin ist künstlich; trotzdem hilft es, auch wenn man dazu keine Weidenrinde kocht, sondern die Tabletten aus der Apotheke nimmt. Und es gibt Situationen, in denen man ein Antibiotikum nehmen sollte, obwohl der Name klingt, als sei das Mittel gegen die Natur. Ist Impfung generell schlecht? Keineswegs. Lieber Natur statt Chemie? Das sind doch nur Schlagworte. Die gesamte Biosphäre der Erde – das, was man gemeinhin mit »Natur« meint –, besteht aus chemischen Elementen und Verbindungen, und auch jedes Kräuterheilmittel ist chemisch analysierbar, oft auch chemisch herstellbar. Chemie ist nicht generell schlecht. Sie ist eine »Natur«wissenschaft, die uns unendlich Wertvolles gelehrt und viele Menschenleben gerettet hat. Schädlich ist nur die übertriebene und ignorante Anwendung künstlich hergestellter chemischer Mittel, welche die Systeme, Zyklen und Gleichgewichte der Natur außer acht lässt und oft folgenreich zerstört, wie die Beispiele von DDT, Contergan oder Agent Orange zeigen. Vor allem dann ist das gefährlich, wenn eine weltumspannende, mächtige Industrie dahinter steht mit ihren raffinierten Werbemethoden.

Wundergläubigkeit
Wir Menschen bleiben auch im nachaufklärerischen Zeitalter Magie- und Wundergläubige. Das kann ein naiver Glaube sein, der an der Wahrheit eines bestimmten Satzes (Dogma) festhält, den Aussagen einer bestimmten Person (Autorität) oder an die Heilkraft eines Kristalles, Amuletts oder Ortes (Kraftplatz) glaubt. Oder es ist eine Lebenseinstellung, so wie die von Einstein geäußerte, dessen ehrfürchtiges Staunen über die Phänomene der Natur und des Menschseins man nicht einfach in die Schublade einer Regression in naive, kindliche Wahrnehmung stecken kann: »Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines. Ich glaube an Letzteres.« Oder der deutsche Dichter und Komiker Christian Morgenstern: »Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wäre, müsste über ihr den Verstand verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes würde genügen, ihn zu vernichten.«
Oder Tiziano Terzani, dieser großartige langjährige Asien-Korrespondent des (aufklärerischen!) Nachrichtenmagazins Spiegel: »Diese Welt ist ein Wunder! Sie ist ein unglaubliches Wunder! Und wenn du es schaffst, dich als Teil dieses Wunders zu fühlen – nicht das Du mit den zwei Augen und den zwei Füßen, sondern das DU, dein innerstes Wesen – was kannst du dann noch wollen? Hm? Was kannst du dann noch wollen? Ein neues Auto?«


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de.


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