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Ausgabe Juni 2013
MitGefühl! Der sichere Weg ins Beziehungsglück. Von Jochen Meyer


Ein Beziehungsversuch ist schief gegangen. Eine Klientin erzählt mir im Single-Coaching, wie sie von einem Mann, den sie gerade kennenlernt und eigentlich sympathisch findet, eine Absage bekam. Viel versprechende erste Begegnungen - doch dann kommt es zu Missverständnissen bei den Verabredungen, unfreundliche Worte werden gewechselt und danach meldet er sich nicht mehr. Ihr Versuch eines klärenden Anrufs misslingt: “Wir fanden einfach nicht mehr zusammen, der ganze Zauber des Anfangs war weg.” Und sie fährt fort: “Warum passiert so etwas immer mir? Warum finde ich immer nur Männer, die nicht auf mich eingehen? Meine Freundinnen leben in glücklichen Beziehungen, nur ich bin noch Single. Bei mir stimmt etwas nicht.“
Ob es sich um Rückschläge bei der Partnersuche handelt oder um missglückte Gespräche in einer festen Beziehung: Zu Problemen machen wir solche Vorkommnisse, wenn es uns an Mitgefühl für uns oder unser Gegenüber fehlt, wenn wir auf ein unerfreuliches Ereignis (Absage bei der Partnersuche) eine unempathische Interpretation folgen lassen (“Mit mir stimmt etwas nicht”). Hier fehlt es an mitfühlendem Verstehen: Wir fühlen und verstehen zu wenig von dem, was wir erleben. Wenn etwas Unangenehmes passiert, wollen wir es hinter uns bringen. Wenn wir unerwünschte Gefühle fühlen und emotional betroffen sind, machen wir innerlich zu. Wir werden hartherzig, gleichgültig oder aggressiv. Wir kritisieren, moralisieren und verurteilen. So schicken wir uns oder unsere Partner in die emotionale Verbannung. Auf diese Weise schaffen wir aber keine erfüllenden Beziehungen, wir erzeugen lediglich eine feindselige, emotional kalte Atmosphäre. Wir sind “mit zu wenig Gefühl” unterwegs anstatt mit Mitgefühl.

Ein mitfühlendes Selbst aufbauen – zu innerer Stärke finden
Wer einen Rückschlag bei der Partnersuche erlebt, braucht keine Selbstverurteilung, sondern Mitgefühl für sich selbst. Gerade wenn wir verunsichert, betroffen oder enttäuscht sind, brauchen wir zuallererst ein liebevolles Verhältnis zu uns selbst. Wenn unser Gehirn im Stress ist wie in nahezu jeder emotional belastenden Situation, sind Verständnis und Selbstmitgefühl angebracht. Mitfühlen heißt an dieser Stelle: Ich bin mit Gefühl bei meinem Erleben. Ich fühle, was ich erlebe und ich erkenne, was ich brauche. Ich bin mit meinem Inneren verbunden. Ich lasse mich in dieser Situation nicht allein, sondern bin mir selbst ein guter Partner. Mit mir selbst mitfühlen heißt: Ich spüre hin und bin mit offenem Herzen dabei, feinfühlig, unterstützend, anteilnehmend, emotional zugewandt; präsent für das, was gerade geschieht.
Mitgefühl ist die Basis für das uns innewohnende Potential zum Guten. Dass wir Mitgefühl trainieren können und auf diese Weise zu unserem eigentlichen Wesen finden, ist inzwischen längst nicht mehr nur Menschen auf dem spirituellen Pfad bewusst. Mitfühlen besteht aus verschiedenen Fähigkeiten, die wir einüben und ausbilden können. Wie immer beginnt der Weg zur Veränderung bei uns selbst. Mit dem Bemühen um Selbsterkenntnis beginnt der Prozess der erforschenden Auseinandersetzung mit den eigenen Themen: Wie habe ich gelernt, so wenig achtsam mit mir umzugehen? Wie mitfühlend sind meine Gedanken über mich, wie einfühlsam begegne ich mir? Darf beziehungsweise kann ich alles in mir fühlen oder vermeide ich bestimmte Emotionen? Wann werde ich hartherzig, und wofür verurteile ich mich?
Ein mitfühlendes Selbst können wir aufbauen, indem wir uns den inneren Feinden des Mitgefühls zuwenden und erforschen, wer da alles in uns urteilt, anklagt, jammert, zweifelt, vergleicht, bewertet, moralisiert, unbarmherzig antreibt, neidisch wird, Zwietracht sät, verachtet, sich empört und uns oder andere niedermacht. Gleichzeitig können wir die in jedem von uns existierenden Archetypen des Mitgefühls entdecken, zum Beispiel den guten Freund, der uns wohlwollend unterstützt, die gute Mutter, die bedingungslos zu uns hält oder den alten Weisen, aus dessen Augen Einsicht und Güte strahlen und der uns mit all dem Chaos annimmt, das wir angerichtet haben. Wir können uns auch mit dem Erleuchtungsgeist eines Erwachten verbinden. Dann verfügen wir über das uralte Wissen, dass alles liebevoll angeschaut werden kann. Wir können Buddhas Weisheitsformel zum Hass aus dem Dhammapada abwandeln und auf unsere Verhältnisse übertragen: “Stress hat in dieser Welt noch niemals Stress vertrieben – nur Mitgefühl besiegt den Stress.”
Besonders spannend wird es, wenn wir genau den Seiten in uns mitfühlend begegnen, mit denen wir uns Stress bereiten: Wenn ich mich als Single nach einem Rückschlag wieder einmal zum “hoffnungslosen Fall” erkläre, wende ich mich der resignierenden Seite in mir freundlich zu und sage in Gedanken zu ihr: “Möge es dir besser gehen! Mögest du in deiner ausweglos scheinenden Lage Kraft und Zuversicht finden!” Versuchen Sie einmal, Ihren “inneren Dämonen” Mitgefühl zu schicken. Wenn wir uns für unsere inneren Kritiker, Antreiber und all die unerwünschten Seiten in uns nicht verurteilen, sondern uns für sie interessieren, sie annehmen und freundlich begrüßen, verlieren sie ihre Macht. Dann entwickeln wir ein mitfühlendes Selbst, das stärker ist als die emotionalen Turbulenzen in uns. Wir machen etwas mit unseren Emotionen und nicht mehr sie mit uns. Dann kann ich meiner resignierenden Seite sagen: “Komm’ her! Ich habe so viel Raum für dich in meinem Herzen, dass ich dich dort liebevoll aufnehmen und zum Schmelzen bringen kann.” Um so etwas zu erleben, bedarf es regelmäßigen Übens. Mitgefühls-Übungen oder spirituelle Praxis ermöglichen, solche Erfahrungen im Alltag zu machen. Genauso wichtig sind erfahrene Bezugspersonen, die uns unterstützen können, wenn Hindernisse auftauchen.
Wenn wir mitfühlender werden, entsteht mehr Raum für das, was in uns passiert. Wir werden großzügiger und verständnisvoller. Ein Rückschlag bei der Partnersuche oder ein missglücktes Gespräch mit unserem Partner wirft uns nicht mehr so schnell aus der Bahn. Wir finden schneller aus dem Stress; und wir finden zu einem neuen Miteinander, denn wir können das alte Feindbilddenken hinter uns lassen.

Zum mitfühlenden Partner werden – einander wirklich verstehen
Was mir im Umgang mit mir selbst gelingt, schaffe ich dann auch in meiner Beziehung: Wenn ich mit meiner Partnerin in einen Konflikt gerate und sie mich verbal angreift, übe ich mich in mitfühlendem Verstehen. Ich möchte dann wirklich mit ihr fühlen. Ich möchte verstehen, was sie bewegt, was ihr Sorgen bereitet oder was sie stresst. Ich möchte schauen, ob ich ihr vielleicht aus ihrem Stress heraushelfen kann, weil wir nur dann einen Schritt weiterkommen. Ich sehe meine Partnerin dann nicht mehr als Gegnerin, sondern als Gestresste, deren Erleben mich interessiert. Mein Wunsch ist, dass meine Partnerin mit allem, was sie erlebt, zu mir kommen kann, dass sie mit ihren Gefühlen bei mir aufgehoben ist. Wenn sie einen geschützten Raum dafür findet, wenn ich sie nicht unter Druck setze oder ihr das Gefühl gebe, verkehrt zu sein, kann meine Partnerin ihr Erleben in der Regel selbst verarbeiten. Für mich gilt übrigens umgekehrt das gleiche.
Wirkliches Mitfühlen ermöglicht uns, einander in der Tiefe anzunehmen und uns über das Gute in uns zu definieren, über unser unbegrenztes Potential zu lieben und zu wachsen. Wenn ich mich über meine Partnerin ärgere und die Neigung verspüre, sie runterzumachen, versuche ich, sie aus meinem mitfühlenden Selbst heraus zu sehen: “Auch wenn mich gerade über dich aufrege, stehe ich zu dir. Auch wenn mir nicht gefällt, was du gerade sagst, sehe ich das Gute in dir und achte dich.” Sobald wir das Be- und Verurteilen sein lassen, öffnet sich ein Raum der Akzeptanz, in dem wir uns angenommen und verstanden fühlen. Um so mehr wir uns mit unserer ganzen Unvollkommenheit annehmen und okay fühlen, desto sicherer führt uns unser Weg ins Beziehungsglück.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.
www.jochen-meyer-coaching.de


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