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Ausgabe Juni 2013
Gelebte Spiritualität. Ein Gespräch mit der Sufilehrerin Annette Kaiser und dem Advaita-Lehrer OM C. Parkin


Bei dem Thema „Gelebte Spiritualität“ tauchte bei mir die Frage auf: Gibt es überhaupt eine ungelebte Spiritualität? Gibt es eine potentiell vorhandene, aber nicht gelebte Spiritualität? Was macht das Leben spirituell und was unspirituell?
Annette: Gelebte Spiritualität hat etwas mit Bewusstsein zu tun. Man kann dann von gelebter Spiritualität sprechen, wenn man dessen gewahr ist. Es gibt Momente, wo wir nicht gewahr sind. Dann entsteht ein Mischfeld in der Zeit.

Also eine ungelebte, gewissermaßen im Geheimen bleibende Spiritualität würde es nicht geben, wenn sie mit Bewusstsein verbunden ist?
OM: Ungelebte Spiritualität? Sicherlich, ich würde mich der Definition anschließen, dass eine ungelebte Spiritualität eine unbewusste Spiritualität ist. Die Frage, ob es ein unspirituelles Leben gibt, diese Frage ist aus meiner Sicht nicht eindeutig zu beantworten. Vom höchsten Standpunkt aus gesprochen gibt es das nicht. Wenn wir Spiritualität definieren als die „alles durchdringende Kraft dessen, was IST“, dann kann es kein unspirituelles Leben geben. Es gibt nur ein Leben, welches sich der Spiritualität nicht bewusst ist, aber ein unspirituelles Leben gibt es, nüchtern gesprochen, gar nicht.
Ich sehe gerade, dass wir Leben und Gelebtes nicht gleichzeitig sehen. Leben kann nicht unspirituell sein, aber das Gelebte scheint letztlich auch nicht unspirituell sein zu können. Die Unterscheidung liegt zwischen bewusster Spiritualität und unbewusster. Wird das Potential also bewusst gelebt oder bleibt das Potential im Dunkeln.

Annette: Hier kann vielleicht die Sprache helfen. Das Wort Gewahrsein finde ich ein spannendes Wort: ge- ist das, was sagt: Es ist bewusst. Tun/ge-tan oder essen/ge-gessen. Ge-wahrsein bedeutet: Bewusstsein ist bewusst. Das ist das Entscheidende in dieser gelebten Spiritualität.

OM: Es gibt auch Unschärfen im Verständnis des Begriffes Spiritualität. Viele Menschen denken vielleicht bei Spiritualität an den Glauben an Gott und entsprechend an eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession und setzen eigentlich den Glauben an Gott mit Spiritualität gleich. Selbst ein Atheist könnte eine sehr hohe Form von Bewusstheit erlangen. Er würde es vielleicht nicht Gott nennen. Er würde dem vielleicht einen anderen Begriff geben, weil er selbst nicht scharf trennen kann zwischen dem Glaubensgott der Religionen und Gott selbst. Aber auch ein Atheist könnte ein spirituelles Leben führen.


Der Theist hätte dem Atheisten also nichts voraus?
OM: Ich wollte mit diesem Beispiel darauf hinweisen, dass das Thema der Spiritualität, die Frage der gelebten, oder ungelebten Spiritualität, zunächst einer Begriffsklärung bedarf, was Spiritualität denn eigentlich ist. Wenn ich auf meine Definition zurückkomme, dass Spiritualität die alles durchdringende Kraft dessen, was IST, ist, dann gibt es keine Möglichkeit, dass sie nicht gelebt ist. Aber es gibt aus der Sicht des menschlichen Zustandes viele Möglichkeiten, dass sie nicht realisiert ist. Ich habe in meinem Buch „Intelligenz des Erwachens“ unterschieden in christlicher Terminologie: Der Bewusstseins-Weg des Menschen, er beginnt in der unbewussten Hölle, führt durch die bewusste Hölle und endet im bewussten Paradies. Die unbewusste Hölle ist auch das Paradies. Nur es nützt dem leidenden Menschen nichts, dass sein Zustand immer das Paradies ist, weil er sich dessen nicht bewusst ist.

Annette: Das zu klären, was Spiritualität ist, ist natürlich etwas ganz Zentrales. Von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung haben Kirchen und Religionen auch mystische Traditionen hervorgebracht. Aber Kirche und Religionen waren normalerweise auf der Trennung von göttlichem Prinzip und Mensch angelegt. Und dann kommt die Tradition der Mystiker, die versuchten, das göttliche Prinzip im Innen zu erfahren. Dort spricht man in der allgemeinen Wortwahl erstmals von Spiritualität. Aber selbst die innere Erfahrung ist zu transzendieren. Es gibt aus der absoluten Sicht gar keine ungelebte Spiritualität, aber aus der relativen Sicht gibt es sie. Das ist paradox.


Wie sieht denn eine Praxis spirituellen Lebens aus? Gibt es eine Praxis, die das bewusste spirituelle Leben unterstützt, und welche wäre das?
OM: Aus meiner Sicht hat bewusste Spiritualität ausschließlich etwas mit der Richtung der Aufmerksamkeit des Menschen zu tun, und in diesem Moment kommt der innere Weg ins Spiel. Der gewöhnliche Mensch geht einen äußeren Weg. Und die Evolution wird die Aufmerksamkeit des Menschen veräußerlichen, solange er sich keiner inneren Lehre unterwirft. Sie wird die Aufmerksamkeit des Menschen nach außen treiben und wird ihn versuchen, sein Glück dort zu finden. Das ist nicht erst seit der Moderne so, sondern das ist seit Anbeginn der Entstehung des denkenden Geistes so. Die Zeiten haben daran nichts geändert. Wenn ein Mensch eine vollständige Umkehr der Richtung seiner Aufmerksamkeit nach innen erfährt, dann wird gelebte Spiritualität erst möglich.

Annette: Spiritualität hat traditionell mit Innenschau zu tun. Wir wenden uns nach innen, das ist der erste Schritt, um auszukundschaften: Wer bin ich? Was ist Wirklichkeit? Ich denke, dass es bei ganz wenigen Menschen ohne einen spirituellen, inneren Weg geht, wie dies beispielsweise bei Ramana Maharshi der Fall war. Er kam als besonders reife Seele in diese Welt. Ich bezeichne mich als einen Menschen unter vielen, der einen inneren Weg beschritt.


Aus: Gelebte Spiritualität – Wege der Annäherung, reihe advaita Bd.3, advaitaMedia, 2012, mit freundlicher Erlaubnis. Das gesamte Gespräch bzw. das Buch sind zu beziehen über www.spirituelle-buchandlung.de


Annette Kaiser
ist spirituelle Lehrerin und spirituelle Leiterin der ‚Villa Unspunnen’ (CH) und der ‚Windschnur’ (D). Sie hat den ‚Integralen Übungsweg DO’ entwickelt und hat eine eigene Tai Ji und Qigong Schule. Annette Kaiser wurde 1948 in Zürich geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Nach einem Studium der Volkswirtschaft arbeitete sie längere Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit und engagierte sich in der ‚Frauenfrage’. Gleichzeitig begann sie eine Ausbildung in Tai Ji und Qigong und gründete die Tai Ji DO-Schule. Während 17 Jahren war sie Schülerin von Irina Tweedie, einer englisch-russischen Sufilehrerin. Seit 1998 führt sie, mit Erlaubnis Irina Tweedies, den Sufipfad der Naqshbandiyya Mujaddidiyya-Linie weiter und begleitet Menschen auf diesem Pfad. Sie ist Autorin einer Vielzahl von Büchern. www.villaunspunnen.ch

OM C. Parkin
Mystiker, Philosoph, spiritueller Lehrer, Gründer des advaitaJournals und der reihe advaita, bis heute ‚spiritus rector’ von deren Redaktion. Bei seiner Lehrerin Gangaji erwachte er zur Wahrheit. OM C. Parkin leitet die ‚Enneallionce - School for Inner Work’, eine spirituelle Lebensschule für Erwachsene, die 2010 von Hamburg in ein eigenes Domizil umgezogen ist: Gut Saunstorf - Ort der Stille / www.gut-saunstorf.de. Er ist Autor mehrerer Bücher. Das umfassende Werk ‚Intelligenz des Erwachens – Die spirituelle Neugeburt des Menschen’ erschien 2010 bei advaitaMedia. Wie kaum ein anderer verkörpert er die Verbindung von östlicher Einheitslehre (advaita) mit westlicher Tiefenpsychologie. In öffentlichen Zusammenkünften (Darshans) beantwortet er Fragen zu allen Facetten der menschlichen Existenz.
OM C. Parkin lebt in Hamburg und wirkt in Gut Saunstorf. www.om-c-parkin.de / www.borntobe.de

Buchtipp:
Gelebte Spiritualität: Wege der Annäherung, mit Beiträgen von Premananda, Zeno Eisenhuth, Giora Feidmann, Annette Kaiser, Barry Long, OM C. Parkin, Regina Sara Ryan; broschiert, 251


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