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Ausgabe Juni 2013
Mitgefühl; Die Tiefe des Herzens. Von Thomas Young

Die Verweigerung einer Gabe kann sinnvoller sein als das unfreiwillige Geben. Es gibt eine Passage auf dem Weg, während derer du nicht alle Hände, die nach dir greifen, nehmen darfst.

Mitgefühl ist die erste zu kultivierende Herz-Qualität und führt den einzelnen Menschen zu einer Haltung, die dem Universum gegenüber freundlich gesinnt ist. Häufig wird Mitgefühl etwas zu passiv verstanden, weil wir ja „mit“ etwas Vorgegebenem fühlen. Diese Sicht ist zu eng, denn Mitgefühl setzt eine aktive Entscheidung voraus, mit der eigenen Seele und der eines Gegenübers in steter Verbindung zu sein.
Ich gebe ein Wochenende in einer Stadt in Deutschland. Ich lasse am Samstagmorgen ein Begrüßungsritual durchführen. Eine Teilnehmerin steht vor mir und es geht darum, sie willkommen zu heißen. Tausendmal stehe ich vor verschiedenen Menschen und ich heiße sie jedes Mal von ganzem Herzen willkommen. Diesmal geht es nicht. Meine innere Stimme schreit: Nein. Ich kann es kaum fassen. Jeder ist willkommen. Es geht um die Einübung der vier Herz-Qualitäten von Mitgefühl, innerer, angeborener Harmonie, der Kraft, zu segnen und zu heilen, und bedingungsloser Liebe. Doch innerlich höre ich ein ganz klares Nein. Aber es geht doch um die bedingungslose Liebe. Nein! Ich ziehe mich einen Augenblick aus der Situation heraus und lasse die Momente Revue passieren, in denen ich diesem Nein nicht gefolgt bin. Sie waren selten, aber es gab sie. Jedes Mal kam es schlussendlich doch zu einem späteren Nein, in dem Sinne, dass sich herausstellte, dass das Wochenende für diese speziellen Personen zu diesem Zeitpunkt nicht das Richtige war und das Nein Zeit verzögert ausgesprochen werden musste. Immer war es für alle Beteiligten sehr offensichtlich, warum dieses so geschah. Nur diesmal gibt es überhaupt keinen äußeren Grund. Ich habe schlussendlich keine Wahl, als der Stimme zu vertrauen, und spreche nach einem Gespräch mit der Frau vor der Gruppe das Nein aus und lasse ihr das Teilnehmerhonorar zurückgeben. Jetzt zeigt sich unmittelbar, warum das Nein erforderlich war. Es kommt im Vorraum zur emotionalen Explosion und einer gewaltigen Hasstirade. An welchem Punkt ihrer Entwicklung auch immer diese Frau steckte, es war nicht der richtige Zeitpunkt oder der richtige Ort oder der richtige Lehrer. Inzwischen sehe ich das Nein als Gabe an. Es muss nur sichergestellt sein, dass der Lehrer nicht aus persönlicher Betroffenheit heraus handelt. Dies muss er jederzeit ausschließen können. Viele spirituelle Menschen denken, nur das Ja sei spirituell, kosmisch und allumfassend, ich teile diese Ansicht nicht. Ein Nein kann eine der wirksamsten Gaben überhaupt sein. Letztendlich ist es ein Ja zu einer höheren Form von Wahrheit, in diesem Fall spürbar über die innere Stimme.
Ich beginne zu realisieren, dass wirklichem Mitgefühl eine schwer zu meisternde Tiefe anhaftet und dass es von vielen spirituell Suchenden nur ansatzweise verstanden wird. Theoretisch sind wir mit dem Mitgefühl in Verbindung, doch in der Umsetzung in die Praxis zeigt sich, wer wirklich mitfühlt.
Wahrhaftes Mitgefühl ist in Verbindung mit dem größeren Bogen der Seele des Betreffenden.

Wahrhaftes Mitgefühl ist in steter Verbindung zu einer höheren, umfassenderen Form von Wahrheit.

Es ist immer in Verbindung und gekennzeichnet durch seine Offenheit. Es kann in Offenheit Ja sagen, Nein sagen, zuwenden, zurücktreten – das Entscheidende ist die Verbindung zur Seele des Betroffenen. Es gibt keine innere Wertung, sondern nur Mitgefühl. Für die Armen ... und die Reichen. Für die Kranken ... und die Gesunden. Für die Hungernden ... und die Satten. Für die Älteren ... und die Jungen. Mitgefühl macht keinen Unterschied. Insbesondere in sozialen Bereichen, in denen es um Suchtarbeit geht, oder in Psychiatrien ist es eine schwierige Gratwanderung, mitfühlend mit der Seele eines Menschen zu sein und möglicherweise eine Form von tough love zu praktizieren, die ihm langfristig nutzen kann.
Die schwierigste und tiefste Form des Mitgefühls, die ein Mensch haben kann, ist aus meiner Sicht nicht das Mitgefühl für die Feinde. Denken wir nur an das in spirituellen Kreisen gern bemühte Beispiel des tibetischen Mönches, der seine chinesischen Peiniger, die Verwandte von ihm ermordet und ihn selbst gefoltert haben, immer noch voller Mitgefühl betrachtet, weil er ihnen nicht die Macht gibt, seine Geisteshaltung zu dominieren. Dies ist eine wahrhaft hohe Kunst, doch noch schwerer zu meistern scheint mir das Mitgefühl für sich selbst. Damit ist ausdrücklich nicht Selbstmitleid oder narzisstische Selbstbeweihräucherung gemeint, sondern eine Ebene des tiefen Verständnisses um den Stand der eigenen Entwicklung, der möglicherweise kein vollkommener ist und nicht der eines Meisters, und eine tiefe mitfühlende Wertschätzung desselben.

Die Selbstbewertung und Selbstverurteilung ist unter spirituell Suchenden zum Teil so hoch, dass sie für alle anderen Mitgefühl empfinden wollen, nur nicht für sich selbst.

Wer sich mitfühlend allen Aspekten der eigenen Seele zuwenden kann, tritt aus dem ewigen Kreislauf von Verurteilung und Bewertung aus. Wirkliches Mitgefühl durchbricht diese inneren Blockaden und Zweifel. Es schmilzt sie hinweg. Es ist mit dem Herzschlag hinter allen Kämpfen und Tränen in Verbindung. Es liebt das Leben in jedem Moment.

Auszug aus: Thomas Young, Willkommen im Herzen; Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Random House, München

Der Autor, Seminarleiter und spirituelle Lehrer Thomas Young ist in Deutschland geboren und lebt auf Big Island Hawaii. Er hat die Fähigkeit, Menschen zutiefst in ihren Herzen zu berühren. Er zeichnet sich aus durch Klarheit, Liebe und einen herzerfrischenden Humor. Seit vielen Jahren bringt er die Menschen in Kontakt mit der alchemistischen Kraft des Herzens. Durch ständige Vortragsreisen und Workshops in Europa und den USA ist er einem größeren Publikum bekannt.

Buchtipp: Thomas Young, Willkommen im Herzen, Eine Reise zu dem Schatz im Inneren; gebunden, Pappband, 272 Seiten, € 19,95 [D], Integral Verlag


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