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Ausgabe Juni 2013
Mitgefühl, Von Wolf Schneider

Neben dem Verstehen ist das Mitfühlen auf den religiösen und spirituellen Wegen das Wichtigste. Ohne Verständnis gibt es keine Weiterentwicklung, keine Vertiefung, keine Befreiung – aber ohne Mitgefühl gibt es das alles auch nicht. Zum Mitfühlen muss dann

Fast jedem Menschen fällt entweder das Verstehen leichter oder das Mitfühlen. Das sind die beiden Grundtypen der menschlichen Charaktere. Es braucht aber immer beides: Wer nur versteht, ohne (mit) zu fühlen, wird spröde, trocken, einsam, oft zynisch und kann so auch sein Verständnis, seinen Geist und seine kognitive Intelligenz nur schwer weiterentwickeln. Wer nur fühlt, für sich und andere, ohne zu verstehen, der verschwimmt, zerrinnt, verliert sich in Menschen, Projekten, Umgebungen und kann so auch sein Fühltalent schließlich nicht mehr weiterentwickeln.

Kulturen des Verstehens
In unserer Gesellschaft wird dem Verstehen mehr Wert beigemessen als dem Mitfühlen – sehr zum Schaden der gesamten Kultur. Der Umgang der Menschen miteinander ist in dieser einseitig intellektuellen Versteh-Kultur mehr ein Wetteifern, einander Beäugen, Beneiden und Auf- oder Entwerten, und die Kultur neigt zum Erstreben höchster, aber für sich wertloser Ziele. Sie will höher, schneller und weiter kommen und von allem mehr haben, aber ohne dass dieses Mehr einen Sinn hätte oder irgendwen glücklich machen würde – außer den jeweiligen Gewinner, neben dem es meist mehr viele Verlierer gibt. So entsteht der Wahnsinn endlosen Wirtschaftswachstums, von Rechthaberei, Verteidigungsstrategien und -kriegen – jeder Kriegführende glaubt ja etwas zu verteidigen, auch wenn er angreift.
Eine Kultur des Mitgefühls hingegen würde das Glück der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Was ebenfalls ein Ziel ist, aber ein kaum zu missbrauchendes, denn glücklich zu sein ist das Höchste, und das Höchste lässt sich nicht benutzen, sonst wäre es ja ein Niederes für etwas noch Höheres, würde sich also selbst ad absurdum führen. Es braucht aber Verständnis, um Glück aufrechtzuerhalten – und sogar schon, um es überhaupt zu erreichen. Verschwimmen ist ja kein Weg, keine Methode; dort verendet alles Methodische.

Herz und Kopf
Die spirituellen Bewegungen unserer Zeit tendieren dazu, das Herz höher zu bewerten als den Kopf, das Fühlen und speziell das Mitfühlen höher als das Denken, Mitdenken und Verstehen. Sie versuchen damit die intellektuelle Schlagseite unserer Kultur auszugleichen, geraten dabei aber, sofern das Fühlen verherrlicht wird gegenüber dem Denken, selbst in eine Einseitigkeit. Zu sehr Mitfühlende werden leicht co-abhängig. Sie können sich negativen Einflüssen schlecht entziehen, weil sie nicht Nein sagen können – Ja zu sagen halten sie generell für die bessere Wahl. Politische Kulturen wissen jedoch um die Gefahr einer Masse von Ja-Sagern und Mitläufern, die nicht das Unterscheidungsvermögen haben, einen durchgeknallten Diktator von einem guten Messias zu unterscheiden. Herzmenschen warnen vor den chronischen Nein-Sagern, Nörglern und Zynikern, die sich auf nichts und niemand einlassen wollen – und fühlen sich ihnen überlegen. Dabei braucht Faust den Mephisto, das Herz den Kopf, das Gefühl den Verstand, die Energie eine Struktur, das Weibliche das Männliche.

Karuna
Unserer Kultur fehlt am meisten das, was in den buddhistischen Kulturen Karuna heißt – Mitgefühl. Dieser Begriff aus dem alten Indien ist in der Gelehrtensprache Sanskrit derselbe wie in der damaligen Umgangssprache Pali, der Sprache des Buddha. Im Buddhismus und Dschainismus ist er gleichermaßen zentral, beide Religionen bewerten das Mitfühlen sehr hoch, und auch in den Religionen, die auf Abraham zurückgehen (Judentum, Christentum, Islam), wird das Mitgefühl (in Form von Nächstenliebe, Almosen geben) theoretisch hoch bewertet. Massenhafte Tierversuche, die Fleischindustrie, die Zerstörung der letzten natürlichen Biotope, die Unterdrückung von Frauen, die Ausbeutung und Missachtung von Kindern, alles das wäre in einer echten Kultur des Mitgefühls allerdings nicht möglich.
Mitgefühl heißt, das eigene Glück nicht auf Kosten anderer erreichen zu wollen, sondern es durch das Glück und Beglücken anderer zu erstreben. Unter glücklichen Menschen ist man selbst glücklicher, unter Unglücklichen kann man kaum glücklich sein. Wir sind ja miteinander verbunden, wir beeinflussen einander, kein Mensch kann sich davon völlig loslösen.

Natürliches Mitgefühl
Für diese Art des Mitgefühls brauchen wir keine Religion. Sie ist uns Menschen von Natur aus gegeben. Wenn uns dieses Gefühl nicht aberzogen wurde, können wir gar nicht anders als so zu fühlen. Sobald wir uns als einander ähnliche Wesen wahrnehmen – als Menschen oder als Tiere (inklusive der menschlichen Tiere) – fühlen wir mit den Wesen, von denen wir irgend etwas mitbekommen. Junge und verletzte Tiere (und Menschen) rühren uns ganz besonders. Ist es nicht seltsam, dass wir Küken, Welpen, jungen Katzen und Menschenbabys gegenüber ein ähnliches Bedürfnis empfinden, sie zu beschützen? Wir finden sie entzückend, wollen sie füttern und können es nicht ertragen, wenn ihnen etwas angetan wird. Wissenschaftler erklären das (seit 1992) unter anderem mit den Spiegelneuronen, mit denen wir das in einem anderen Wesen wahrgenommene Gefühl in uns selbst widerspiegeln. Vermutlich ist die Fähigkeit zum Mitfühlen viele Millionen Jahre alt. Sie hat sich aus der Brutpflege und aus dem Sozialverhalten von Gruppen (Wölfe, Delfine, Affen) entwickelt. Brutpflege gibt es schon bei den Vorläufern der Vögel und Säugetiere; wenn diese Tiere damals nicht nur ihre Brut pflegten, sondern auch mit ihr fühlten, gibt es mitfühlende Wesen schon seit über 100 Millionen Jahren.

Die Praxis
In der höchsten, der mystischen Form des Mitgefühls vereint sich das Bewusstsein des Mitfühlenden mit seinem Objekt. Der Mitfühlende ist dann das, was er wahrnimmt; er hat sich damit identifiziert, er ist damit eins geworden. Und damit ist sowohl Karuna gemeint, das Mitleiden, wie auch Mudita, die Mitfreude (ebenfalls ein Wort aus dem Sanskrit). Wenn sich dann auch noch ein Verstehen dieses Mitfühlens dazu gesellt, so dass die Identifizierung mit dem Leidenden oder sich Freuenden den Mitfühlenden nicht vereinnahmt und in die Co-Abhängigkeit zieht, dann ist dieses Mitgenommenwerden in die Fühlwelt eines anderen Wesens das Beste, was uns Menschentieren passieren kann: Dann halten wir zusammen, helfen einander und erstreben Gemeinsames. Dann lieben wir einander.
Und es ist prinzipiell nicht schwer das zu praktizieren. Es genügt, das andere Wesen wahrzunehmen, sich dort einzufühlen ohne Vorbehalt und dabei nicht den Verstand zu verlieren. Ein ethisch gutes Handeln ergibt sich daraus dann ganz natürlich, ohne Moralisiererei, Stress oder Straferwartung bei Ungehorsam. Wir verschmelzen emotional mit dem Gegenüber, identifizieren uns damit (»Auch das bin ich«), bleiben dabei aber bei uns selbst, zentriert, im Hara (so nennt man es in Indien) bzw. Dantian (so in China) sicher verankert.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. www.connection.de


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