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Ausgabe August 2001
Im Spiegel des Todes

Der tibetische Meditationsmeister Tenga Rinpoche lehrt, dass der Tod ein Tor in einen anderen Zustand ist, vor dem wir uns nicht fürchten müssen. I

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Das Bardo Thödol, das im Westen unter dem Titel „Tibetisches Totenbuch“ bekannt wurde, ist eines der wichtigsten Bücher, die unsere Zivilisation hervorgebracht hat. Die Tibeter stehen in dem Ruf, besonders spirituell zu sein, obwohl sie sich selbst eher als recht geerdet und pragmatisch empfinden. Sie sehen daher in ihrem systematischen und analytischen Studium des menschlichen Todesprozesses nur eine sorgfältige und praktische Vorbereitung auf das Unvermeidliche. Schließlich gibt es niemanden, der nicht früher oder später sterben wird. Wie können wir uns wirklich auf den Tod vorbereiten? Wie den Todesprozess mit dem geringstmöglichen Trauma erleben? Was folgt auf den physischen Tod?

Dies sind Fragen von „lebenswichtiger“ Bedeutung für jeden von uns. Diesen Fragen nicht mit der größten Sorgfalt nachzugehen und nicht die besten Mittel, also von Mitgefühl und Menschlichkeit geprägten Methoden zum Umgang mit Sterben und Tod zu entwickeln wäre deshalb höchst ‘unpragmatisch’. „Das Buch der Befreiung durch Verstehen im Zwischenzustand“ (Originaltitel) ist in Tibet ein allgemein bekanntes Handbuch mit nützlichen Unterweisungen für Menschen, die ihrem Tod ins Auge sehen, aber auch für ihre Verwandten und Freunde. Es ist Teil einer umfangreichen Literatur, die sich mit der größten Präzision der Untersuchung des Phänomens Tod widmet. Die Realität des Todes ist in allen buddhistischen Gesellschaften stets Ansporn zu heilsamen und intelligenten Handlungen gewesen. Über die Unbeständigkeit und den Tod zu kontemplieren gilt nicht als morbide, sondern als etwas, das von der Furcht vor dem Loslassen im Leben und im Tode befreit.
Der folgende Text ist aus einem Interview mit Tenga Rinpoche, das in seinem Buch „Übergang & Befreiung“ veröffentlicht ist.


Frage: Warum können wir uns nicht an den Zwischenzustand nach dem Tode erinnern?

Antwort: Es gibt einen ganz klaren Grund, warum wir uns nicht mehr erinnern. Dies ist ebenso wie mit der Buddhanatur, dem Element oder Potential für Buddhaschaft, welche in unserem Geist vorhanden ist. Alle Wesen besitzen dieses Potential. Aber aufgrund der Wirkung der Geistesgifte und der negativen Handlungen ist es vorübergehend verschleiert. Deshalb können wir uns nicht erinnern. Auch unsere nächste Geburt kennen wir nicht. Alle Erinnerungen sind von diesen geistigen Verdunklungen verschleiert.


Ist es nützlich, einer verstorbenen Person, welche keinen Kontakt mit diesen Lehren hatte, das Bardo Thödol vorzulesen, oder erzeugt dies Verwirrung?

Es wird gesagt, das Bardo des Zwischenzustands nach dem Tode, in dem sich die grimmigen und zornvollen Gottheiten manifestieren, erscheint jedem Bewusstsein, das einen menschlichen Körper hatte. Jeder menschliche Körper ist mit Nadis, Prana und Bindus, mit Energiebahnen, mit Vitalität und mit subtilen Tropfen ausgestattet. Diese manifestieren sich in ihrem reinen Aspekt als die friedvollen und grimmigen Gottheiten. Seit uranfänglicher Zeit sind sie in unserem Geist enhalten. Sie können deshalb jedem Menschen im Bardozustand erscheinen, gleichgültig, ob vorher Kontakt zu den Lehren bestanden hat oder nicht. Liest du das Bardo Thödol, während sich diese Erscheinungen dem Verstorbenen manifestieren, so gibst du genaue Hinweise über deren wahre Bedeutung. Dies hat einen großen Nutzen, auch wenn vorher keine Verbindung bestand.


Wann genau wird das Totenbuch vorgelesen?

Wenn die Person Kontakt zur buddhistischen Lehre hat und es sich wünscht, wenn sie genug Vertrauen hat, dann kannst du ihr dies vor dem Eintritt des Todes vorlesen. Aber die Bardo-Rituale werden im allgemeinen nach dem Erlöschen des äußeren Atems ausgeführt. Denn von diesem Zeitpunkt an beginnen die Erscheinungen des Bardo zu dämmern.
Ist es notwendig, in der Nähe des Verstorbenen vorzulesen?
Wenn ein Mensch verstorben ist und du das Totenbuch bei dir zu Hause vorliest, so ist das in Ordnung. Das Bewusstsein des Verstorbenen kann es trotzdem hören, wo auch immer du dich aufhältst.


Was kann ich noch für den Verstorbenen tun?

Es ist sehr hilfreich, auf Avalokiteshvara, den mitfühlenden Aspekt des Buddha, zu meditieren und sein Mantra OM MANI PEME HUNG möglichst oft zu rezitieren. Das ist von großem Nutzen für das Bardo-Bewusstsein des Verstorbenen.


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