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Ausgabe August 2001
Ist Feng Shui Aberglaube?

Howard Choy zum Thema „Feng Shui“.

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Das Wörterbuch beschreibt „Aberglaube“ als „blind übernommenen Glauben oder Vorstellung“. Wer auch immer Feng Shui als Aberglaube abtut, geht also davon aus, dass Feng Shui ein Glaube oder eine Vorstellung ist, die bar jeder Vernunft oder Logik angewandt wird. Ist das wirklich der Fall? Ist es wahr, dass Feng Shui nur ein Aberglaube ist? Existieren die analytischen Methoden des Feng Shui jenseits allen gesunden Menschenverstandes und jeglicher theoretischer Grundlage? Howard Choy aus Australien erläutert, dass auch Feng Shui dem Gesetz der Polarität gehorcht und sowohl den analytischen Verstand als auch die irrationale Intuition braucht.

Der folgende Text wurde von Peter Fischer übersetzt.

Feng Shui ist kein Aberglaube...


Feng Shui ist nicht nur eine Überzeugung. Wir müssen nicht an Feng Shui glauben, damit es funktioniert. Wenn wir in einer Umgebung mit schlechtem Feng Shui leben, wird es uns früher oder später in irgendeiner Form beeinflussen. Möglicherweise ist es uns nicht bewusst, dass es an Feng Shui liegt: Wir fühlen uns unzufrieden oder ruhelos, können es aber nicht unbedingt in Worte fassen. Feng Shui hat Paradigmen und eine Terminologie, um diesen unbalancierten Zustand in Worte zu fassen. Die Theorie des Feng Shui basiert auf chinesischer Metaphysik, deren Wurzeln in der Naturbetrachtung liegen und in der Interaktion der Yin- und Yang-Kräfte in unserer Umgebung. Während der 2000-3000 Jahre, in denen Feng Shui angewendet wurde, hat sich ein sehr großes Wissen angesammelt.
Auf der anderen Seite...


Zu behaupten, dass Feng Shui vollkommen frei von Aberglaube sei, stimmt allerdings auch nicht. Es existieren zahlreiche Beispiele für die grobe Missinterpretation der metaphysischen Klassiker, wobei das eingängigste Beispiel wohl eine Methode ist, die „Wu-Yin-Xing-Li“ genannt wird: „Die Interpretation der glücksverheißenden Vorzeichen eines Wohnorts nach den fünf Lauten des Vornamens seines Besitzers“. Diese Methode wurde von einem Han-zeitlichen Gelehrten namens Wang-Chong (geb. 27 n.Chr.) auf das Schärfste kritisiert und anschließend aus der Feng Shui Praxis verbannt. Da die Ausübung von Feng Shui eine vielschichtige Annäherung verlangt, sollten wir es nicht nur aus unserer westlich-wissenschaftlichen Sichtweise beurteilen. Feng Shui ist ebenfalls eine Kunst. Ein großer Teil der Feng Shui-Analyse verlangt eine persönliche und subjektive Interpretation der vorgegebenen Daten. Es geht darum, die subjektive Wahrnehmung und die objektiv vorhandene Situation auszubalancieren. Für den Chinesen ist das Gehirn mit dem Herzen verbunden (Xin-Yi). Aus diesem Grund können und sollten Wissenschaft und Kunst als eine Disziplin und nicht als zwei getrennte Bereiche existieren. Letztendlich betrachtet Feng Shui die Interaktion der Umgebung mit seinem Bewohner. Da der Bewohner in unserem Fall ein menschliches Lebewesen und dadurch von Natur aus ein zum Teil rational und zum Teil irrationales Wesen ist, muss auch Feng Shui ein zum Teil wissenschaftliches (rationales) und zum Teil intuitives (irrational/abergläubisches) System sein.


Eine irrationale Furcht vor dem Aberglauben...
Auf der einen Seite können wir die Tatsache akzeptieren, dass alles in der Natur aus den gegensätzlichen Kräften von Yin und Yang zusammengesetzt ist. Warum schaffen wir es dann andererseits nicht zu akzeptieren, dass hinter den rationalen Gedanken Intuition und irrationale Gefühle stehen, die uns manchmal abergläubisch erscheinen? Warum können Wissenschaft und Intuition nicht Seite an Seite existieren? Die westlichen Wissenschaften halten nicht alle Antworten parat. Die chinesischen Wissenschaften könnten einige der fehlenden Antworten beisteuern. Die Zweifler sind sehr eifrig dabei, Irrationalität und Aberglaube zu verurteilen. Gleichzeitig sehen sie aber nicht, dass sie sich in ihrer Begeisterung für die westlichen Wissenschaften und die Rationalität genauso irrational verhalten. Sie schreiben dem Teufel mehr Macht zu, als er tatsächlich hat.




Feng Shui ist einzigartig...

...indem es versucht, mit den sich widersprechenden Kräften der Natur zu arbeiten. Es ist äußerst komplex in der Anwendung, obwohl die zu Grunde liegenden Prinzipien und Vorgaben eigentlich sehr gradlinig sind. Feng Shui versucht, alles in Harmonie zu bringen und eine Balance herzustellen; innerhalb unseres Körpers ebenso wie außerhalb in unserem Umfeld. Es als reinen Aberglauben abzutun bedeutet, eine wertvolle Ressource der chinesischen Kultur über Bord zu werfen. „Der westliche Mensch ist ein Mensch der Extreme, der daran scheitert, die grundlegende Einheit von Positiv und Negativ zu erkennen. Er strebt nach dem Positiven und leugnet das Negative. Er identifiziert sich mit einem Extrem, das er zum Ziel und Gott seines Lebens macht. Aber das Gegensätzliche existiert immer noch und wirkt in ihm. Aus der Unfähigkeit heraus, sich seinem Gott anzunähern, bleibt er gespalten zurück, und aus seiner inneren Zerrissenheit heraus schafft er einseitige Dinge, die ihn von der Natur abtrennen und in der natürlichen Folge daraus den Menschen und die von ihm erschaffene Ordnung stören. Er bekämpft den Teufel im Inneren seines Herzens, wendet sich in Ausbrüchen der Verzweiflung dem Negativen zu und bringt so Zerstörung hervor. Er wendet sich an die Wissenschaft, Technologie und Formeln, um Maschinen zu erschaffen, die den Menschen Glückseligkeit bringen sollen, nur um herauszufinden, dass sie auch Unglück bringen. Das Glück und das Leid, das er erzeugt, nennt er Fortschritt und denkt, dass dies seine Lebensaufgabe ist.“ (Zitat aus dem Buch „Hua Shan – The Taoist Sacred Mountain in West China“ von Wolfram Eberhard und Hedda Morrison, Vetch and Lee Ltd. Hong Kong, 1974, in dem ein Taoist zu Wolfgang Eberhard spricht.)



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