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Ausgabe Mai 2013
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Genießen


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Das Genießen tritt relativ selten im Traum auf. Das liegt daran, dass Träume die von Sigmund Freud und C.G. Jung beobachtete Tendenz besitzen, sich komplementär mitzuteilen, d.h. sie drücken häufig das Gegenteil von dem aus, was angesprochen wird. So kommt es, dass wenn die Genussfähigkeit eines Träumers gemeint ist, dies häufig über Bilder des Ekels geschieht. Es geht ja fast immer um die fehlende Genussfähigkeit des Träumers, wäre er genussfähig, bedürfte es keines Traumes.
So träumt eine Frau mittleren Alters mit Gewichtsproblemen, dass sie sich gezwungen fühlt, große Mengen verschimmelter Möhren zu essen. Neben der Sexualität wird hier deutlich der Ekel angesprochen, was sich auch darin zeigt, dass sie sich am Ende dieses Traums übergibt. Die fehlende Genussfähigkeit wird, wie oft im Traum, gleich doppelt symbolisiert: zum einen isst sie zu viel, zum anderen Verdorbenes. Damit gibt der Traum eine Weisheit des griechischen Philosophen Epikur wieder, nämlich dass Genuss und Glück im Mittelmaß zu finden sind. Es ist die Gier angesprochen, die einen Genuss verhindert. Neben der Quantität verweist dieser Traum ferner auf die Qualität des Verinnerlichten. Die Speise ist verdorben, was in der Sprache des Traums bedeutet, sie ist für die Träumerin verderblich. Der Träumerin fehlt also die Unterscheidungsfähigkeit, was ihr gut bekommt und was nicht. Auch das steht einem wahren Genuss entgegen.
Bei dieser Träumerin ist eine Haltung typisch, dass sie nämlich Qualität durch Quantität unbewusst ersetzt, was in diesem Fall wie häufig ein Ausdruck davon ist, dass sie sich in der Kindheit zu kurz gekommen fühlte. Nun will sie viel und möglich noch mehr haben. Das führt unweigerlich in die Gier, die schon Epikur als den Gegensatz vom Genuss verstand. Wenn auch die Träumerin betonte, wie „beglückend“ sie es findet, „richtig viel zu essen“, setzt sie jedoch kleinlaut hinzu, dass sie sich schon hinterher schlecht fühlt. Sie versteht nicht, dass wahrer Genuss nicht eine Sache des Zeitpunkts, sondern eine eines längeren Zeitraums darstellt. Ich würde Genuss so definieren, dass man sich auch nach ihm befriedigt fühlt. Wie heißt es in der Werbung so treffend: „Genuss ohne Reue.“


Der Autor Klausbernd Vollmar führt einen vielbeachteten Blog: http://kbvollmarblog.wordpress.com. Auf seiner Website www.kbvollmar.de finden Sie seine Buchveröffentlichungen und Veranstaltungstermine.


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