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Ausgabe Mai 2013
Auf den Körper hören. Von Tenshin Reb Anderson


Ein Zen-Retreat bedeutet, inmitten der Wirklichkeit des Glücks und des Leidens zu sitzen. Zu allererst sitzen wir mit dieser Wirklichkeit. Schätzen wir uns doch glücklich, so sitzen zu dürfen, auf diese Art Glück und Frieden finden zu können, mit all dem Glück und Leiden hier in einer Meditationshalle und überall um uns herum. Wir haben das große Glück, dass wir über diese Sitzpraxis verfügen und jetzt die Gelegenheit wahrnehmen können, ihr ausgiebig sieben Tage lang zu folgen.
Im Moment ist der Himmel bedeckt. Dünner Nebel liegt in der Luft, aber die Sonne kann jeden Moment hervorkommen. Unsere Gefühle können sich ändern. Wir werden vielleicht glücklicher oder trauriger. Aber es gibt etwas, das inmitten des Kommens und Gehens unseres Glücks unbewegt bleibt. Etwas Stilles, Ruhiges und Friedvolles, direkt vor unserer Nase.
Lassen Sie uns dieses Retreat damit anfangen, auf den Körper zu hören. Lassen Sie uns auf etwas hören, das durch Licht und Klang, Geschmack und Geruch und durch den Tastsinn, durch Hitze und Kälte, Druck, Roheit und Sanftheit berührt wird. Lassen Sie uns auf etwas hören, das aufrecht ist und auf diese Phänomene reagiert. Das ist fast so, als würde ich sagen: »Bitte hören Sie auf die Stille.« Indem Sie auf Ihren Körper hören, können Sie vielleicht besser verstehen, dass Stille eine Struktur hat, dass Stille nicht nichts ist. Es gibt eine Funktion in der Stille. Es gibt eine Empfänglichkeit in der Stille. Still zu sitzen und dem Körper zuzuhören kann diese Struktur, diese Funktion und die Empfänglichkeit offen legen. Hören Sie also bitte auf Ihren Körper, während Sie still sitzen. Ich lege Ihnen dies als Möglichkeit nahe, um Frieden inmitten des Leidens zu verwirklichen. Hören Sie auf den Körper.
Zu Anfang eines früheren Retreats sagte Katagiri Roshi: »Machen Sie aus Zazen kein Spielzeug.« Glauben Sie nicht, dass Sie hier sitzen und irgend etwas tun. Das macht aus Zazen ein Spielzeug; etwas, das man beeinflussen kann, etwas, das man tun kann. Versuchen Sie vielmehr, wirklich zu begreifen, was es heißt, absolut alleine zu sein. »Alleine sein« bedeutet, dass es nichts mehr neben Ihnen gibt, was man eine andere Person nennen könnte. Dass es nichts mehr neben Ihnen gibt, was man Zazen nennen könnte. Sie sind absolut alleine, und das ist Zazen. Absolutes Alleinesein. Das bedeutet das gleiche wie: »Hören Sie auf Ihren Körper.« »Hören Sie auf Ihren Körper« bedeutet, absolut alleine zu sein.
Buddha lehrte das, was er »den besseren Weg alleine zu leben« nannte im Theranamo-Sutta. Hier eine neue Übersetzung von Thich Nhat Hanh. Es ist ein kurzes Sutra:

Das Folgende hörte ich den Buddha sagen, als er einmal im Kloster des Jeta-Hains in der Stadt Savatthi weilte. Zu jener Zeit gab es einen Mönch namens Thera (der Ältere), der es vorzog, stets allein zu sein. Bei jeder Gelegenheit pries er die Praxis des Alleinlebens. Er ging allein, um Almosen zu erbitten, und er meditierte allein. Einmal kam eine Gruppe von Bhikkhus zum Buddha; sie erwiesen ihm ihre Ehrerbietung, indem sie sich zu seinen Füßen niederwarfen; dann traten sie zur Seite, setzten sich in einiger Entfernung nieder und sagten: »Erhabener, es gibt einen älteren Mönch namens Thera, der immer allein sein will. Stets preist er das Alleinleben. Er geht allein ins Dorf, um Almosen zu erbitten, kehrt allein aus dem Dorf zurück, und er sitzt allein in Meditation.« Der Buddha beauftragte einen der Bhikkhus: »Bitte geh zu Thera, und sag ihm, dass ich ihn sehen möchte.«
Der Bhikkhu tat, wie ihm geheißen. Als der Mönch Thera den Wunsch des Buddha vernahm, kam er unverzüglich, warf sich zu Füßen des Buddha nieder, trat zur Seite und setzte sich in einiger Entfernung. Dann fragte der Erhabene den Mönch Thera: »Ist es wahr, dass du es vorziehst, allein zu sein, ein Leben in Einsamkeit zu preisen, allein um Almosen zu betteln, allein aus dem Dorf zurückzukehren und allein in Meditation zu sitzen?«
Der Mönch Thera antwortete: »So ist es, Erhabener.« Darauf fragte Buddha den Mönch Thera: »Wie lebst du allein?«
Der Mönch Thera antwortete: »Ich lebe allein; niemand anders lebt mit mir. Ich preise das Alleinsein. Ich gehe allein, um Almosen zu erbetteln, und ich kehre allein aus dem Dorf zurück. Ich sitze allein in Meditation. Das ist alles.«
Der Buddha unterwies den Mönch folgendermaßen: »Es ist offensichtlich, dass dir das Alleinleben zusagt. Ich will dir das nicht nehmen, aber ich möchte dir doch sagen, dass es einen ganz hervorragenden Weg gibt, allein zu sein. Das ist der Weg der eingehenden Betrachtung, er offenbart, dass die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist. Er ermöglicht es uns, in aller Muße im gegenwärtigen Augenblick zu weilen, frei von Begehren. Wenn ein Mensch so lebt, gibt es in seinem Herzen kein Zögern. Er gibt alle Ängste und jedes Bedauern auf, lässt alle bindenden Begehren los und durchtrennt die Fesseln, die ihn daran hindern, frei zu sein. Diesen Weg nennt man den besseren Weg, allein zu leben. Keinen wunderbareren Weg als diesen gibt es, allein zu leben.« Dann rezitierte der Erhabene den folgenden Vers:

Das Leben eingehend zu betrachten,macht es möglich, alles, was ist, klar zu sehen.Von nichts versklavt zu sein,macht es möglich, alles Begehren loszulassen.Das Ergebnis ist ein Leben voller Freudeund Frieden.Das heißt, wirklich allein zu leben.

Diese Worte des Buddha beglückten den Mönch Thera außerordentlich. Voller Ehrfurcht warf er sich vor dem Buddha nieder und ging dann seines Weges.


Unsere Zen-Praxis legt besonderen Wert darauf, vollkommen in der Gegenwart zu leben, von Moment zu Moment. Dieses Sutra enthält Anleitungen des Buddha, wie man alles Erwägen abschneiden und sich in die direkte, gegenwärtige Erfahrung begeben kann. Dies nannte der Buddha »den besseren Weg, allein zu leben«, einen Weg, den man natürlich auch zusammen mit anderen gehen kann; und das ist es, was ich »auf den Körper hören« nenne. Hören Sie auf den Körper, um die Vergangenheit und die Zukunft, ja sogar, um die Gegenwart abfallen zu lassen.
Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, und noch einmal auf die wunderbare Praxis hinweisen, unsere Hände in dem Mudra, das wir das Konzentrations- oder Kosmische-Mudra nennen, zusammenfinden zu lassen. Bitte halten Sie dieses Mudra in Kontakt mit Ihrem Unterleib, während Sie sitzen. Lassen Sie die Hände wirklich den Unterleib berühren, und halten Sie diesen Kontakt. Wecken Sie all diese empfindsamen Hautflächen, und berühren Sie den Unterleib mit diesen Händen. Seien Sie sich besonders der Außenseite der kleinen Finger bewusst, die den Stoff, der Ihren Unterleib bedeckt, berührt. Dies erlaubt uns, in die Bewusstwerdung des Körpers hinein zu finden. Es ist außerdem auch eine gute Übung gegen Schläfrigkeit, denn das erste, was die Haltung aufgibt, vielleicht sogar bevor Ihnen die Augen zufallen, sind diese kleinen Finger. Wenn sie von Ihrem Körper abrutschen, ist es ein Warnzeichen, dass Sie sich in Ihrer Aufmerksamkeit treiben lassen. Es ist ein kleiner Knopf, den man beständig drücken kann. Sich daran zu erinnern ist hilfreich und, wie ich finde, sehr schwer; deswegen machen Sie sich bitte keine großen Vorwürfe, wenn Sie es nicht sofort schaffen. Wenn Sie sich weiterhin bemühen, wird es irgendwann schon gehen. Mir fällt es auch schwer, aber in einem Retreat, wenn das Bewusstsein des Leidens zunimmt, ist diese direkte, körperliche Bewusstmachung eine große Zuflucht. Ich empfehle Ihnen also sehr, dies zu versuchen. Wenden Sie sich direkter, körperlicher Erfahrung zu.
Lassen Sie uns sehr einfach beginnen. Allein zu sein, ganz und gar, unbewegt und ruhig und auf unseren Körper hören, das ist ein Pfad des Friedens und der Harmonie, nicht nur für uns selbst, sondern für alle leidenden Wesen in dieser Welt.

Aus: Tenshin Reb Anderson, Ein warmes Lächeln vom kalten Berg, mit freundlicher Erlaubnis des Theseus-Verlags


Der Autor Tenshin Reb Anderson ist einer der herausragenden Zen-Lehrer der USA. Er ist Nachfolger Shunryu Suzukis (Zen-Geist, Anfänger-Geist) und war lange Jahre Abt des San Francisco Zen Centers. Reb Anderson versteht es sehr gut, die traditionellen Lehren des Zen mit den Bedürfnissen und Herausforderungen des modernen Alltags zu verbinden.

Auf Deutsch ist von ihm das Buch „Ein Warmes Lächeln vom Kalten Berg“ erschienen.


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