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Ausgabe Mai 2013
Beitragsreihe 2013 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Hyoscyamus – das Bilsenkraut

Andreas Krüger mit dem fünften Teil seiner Beitragsreihe über wichtige homöopathische Heilmittel – erläutert anhand seiner eigenen biografischen Erfahrungen.


H. Schäfer: Wir haben über Glonoinum, Calcium, Pulsatilla und Lycopodium gesprochen. Welches war das nächste wichtige Mittel für Sie?
A. Krüger: Heute möchte ich gerne über Hyoscyamus reden – bekannt auch als Bilsenkraut, Hexenkraut oder Schamkraut. Hyoscyamus ist ein Arzneimittel, das mir und vielen Menschen in meiner Praxis geholfen hat, eine Wahnidee oder Programmierung von der Festplatte zu holen, die mit einem Verbot von Magie und Sexualität zu tun hat. Diese Mischung und dieses Verbot ist in unserer Gesellschaft sehr verbreitet und beide – Sexualität und Magie – sind mit Scham besetzt. Hyoscyamus ist das wichtigste Mittel für Menschen, die krank werden, weil sie sich schämen. Ich möchte das an drei Symptomen festmachen:
Das erste Symptom ist die Wahnidee, eine Hure zu sein. Diese Wahnidee ist sehr verbreitet und wird in viele Köpfe in der Frühpubertät hinein imprägniert – sicher mehr in ländlichen Gegenden als in Berlin, aber die Information ist: „So wie du aussiehst, denken die Leute, du bist eine Hure und deswegen gehst du so nicht auf die Straße.“ Daraus wächst die Wahnidee, dass Sexualität etwas Schlechtes und Verwerfliches ist.
Das zweite Symptom ist die Verleugnung von hexerischen Fähigkeiten. Viele magische Menschen mit hexenhaftem Potenzial tun oft in ihren heilberuflichen Tätigkeiten so, als wenn sie sich ihrer Hexenkraft nicht bewusst sind.
Das dritte Symptom ist die Rückerinnerung an frühere Leben und Existenzen. Hyoscyamus ist das Mittel, bei dem in Reinkarnationstherapien oft Gedanken und Bilder kommen, schon einmal als Hexe verbrannt worden zu sein. Viele Heiler, die magisch und hexerisch arbeiten, tun das nicht zum ersten Mal. Meine Schamanenlehrer sagten mir immer, dass ich gar nicht zu glauben brauche, meinen Schülern schamanisches Wissen beibringen zu können – das können sie bereits. Ich erinnere sie lediglich an das, was sie aufgrund von Schmerz oder Verfolgung aus früheren Leben vergessen haben.

Gibt es ein persönliches Erlebnis, wie Ihnen Hyoscyamus geholfen hat?
Es gab eine Traumatisierung, die erst vor ein paar Jahren geheilt wurde. Ich bekam als ca. 5-jähriges Kind eine Lederhose geschenkt, zusammen mit schicken weißen Kniestrümpfen. Anlass war der Besuch bei der zukünftigen Frau meines Onkels, die aus einer reichen polnischen Pelzhändlerfamilie stammte. Es gibt noch etwas zu Hyoscyamus zu sagen: Man schämt sich – für sein Gesicht, für seine zu großen oder zu kleinen Brüste, für die zu kurzen Beine oder zu langen Arme, für alles, was man an sich hässlich findet.

Und wofür haben Sie sich geschämt?
Für meine abstehenden Ohren. Ich hatte als Kind wahnsinnig abstehende Ohren und wurde deswegen immer wieder gehänselt. Als wir damals zu meinem Onkel gingen, wurden wir begrüßt und die zukünftige Schwiegermutter meines Onkels kam auf mich zu und sagte: „Junge, du hast ja furchtbar abstehende Ohren!“ Und was machte ich? Ich griff in meine Lederhose, holte meinen kleinen kindlichen Penis heraus, zog ihn unendlich lang und sagte mit tiefer Inbrunst und Stolz: „Aber dafür habe ich einen schönen langen Puller!“ Dazu muss ich sagen, dass ich in einer Nudistenfamilie aufgewachsen bin und ein entspanntes Verhältnis zu meinen Genitalien hatte.

Ich nehme an, alle waren entsetzt.
Die zukünftige Schwiegermutter fiel sogar in Ohnmacht. Mein Onkel guckte mich entsetzt an, meine zukünftige Tante drehte sich weg, mein schon leicht angetrunkener Vater fing hinten in der Ecke an zu kichern und meine Mutter nahm mich an die Hand und wir gingen hinaus. Seitdem habe ich ein Lederhosenfetisch und stehe auf abstehende Ohren. Nach diesem Erlebnis fing meine Mutter an, meine Ohren mit Leukoplast anzukleben. Das hat sie so lange gemacht, bis sie nicht mehr abstanden. Nachdem ich dieses Trauma Dank der Hilfe von Leonard Shaw und Hyoscyamus heilen durfte, habe ich mir ernsthaft überlegt, ob ich mir meine Ohren wieder abstehend operieren lasse – nahm dann letztendlich doch Abstand von der Idee. Erst in meinen Therapien, die ich seit meinem 28. Lebensjahr bis heute mache, habe ich über mich erfahren, dass irgendetwas mit meiner Sexualität nicht in Ordnung ist, weil es Ohnmacht, Wegdrehen, Kichern und Angst auslöst.

Gab es eine Erlösung von dem Ohrentrauma?
Vor zwei Jahren passierte bei einem Seminar von Leonard Shaw „Liebe und Vergebung“ etwas Außergewöhnliches. Wir machten eine Gruppenarbeit, bei der wir in Partnerarbeit gegenseitig ein kurzes Interview führten, was wir denn gerne von unseren Eltern gehört hätten und was uns fehlt. Wir legten uns in den Schoß von unserem Mitübenden, der alles aufschrieb und durch den Prozess von der Geburt an führte mit Sätzen wie: „Ich freue mich, dass du da bist“ und „Wie schön du bist“ und „Ich liebe dich“. Ich arbeitete mit einer Kollegin – der ich nichts von meinen Ohren erzählt hatte – und als sie in diesem Erinnerungsprozess so in dem Alter von vier bis sechs war, fasste sie an meine Ohren, rieb sie und sagte: „Dumbo, du hast so wahnsinnig schöne Ohren!“ In meiner Klasse hatten sie mich immer verspottet und Dumbo genannt – nach diesem traurigen, fliegenden Elefanten. Dieser Satz war ein unglaublich heilendes Erlebnis, nach dem ich stundenlang heulen musste – aber es war ein glückliches Heulen. Es war wie eine tiefe Wiedergutmachung – Ohren- und Pullertrauma waren mit einem Mal geheilt. Dieses JA zu meinen Ohren war viel mehr als nur ein JA zu meinen Ohren. Es war ein JA zu mir und mein Herz konnte sich öffnen. Ich hatte wieder Mut, mich zu zeigen und wieder Mut zu lieben und den Mut, meinen Schamanismus zu zeigen. Seit diesem Dumbo-Erlebnis ist meine schamanische Karriere regelrecht explodiert. Das verdanke ich meiner Kollegin Heike Hyoscyamus und den guten Geistern, die mich immer daran erinnern, dass ich eigentlich ein Hexer bin. Noch ist diese Berufsbezeichnung verboten und ich darf mich nicht Hexer nennen. Vielleicht muss ich noch ein bisschen Hyoscyamus nehmen, um auf mein nächstes Praxisschild Homöopathie und Hexerei zu schreiben – denn das ist es, was ich tue. Für mich ist der Begriff Hexer auch passender als Schamane. Ich bin ein Hexer, abgeleitet von Hagezussa, also demjenigen, der in der Hecke sitzt und den Kontakt zwischen den Welten herstellt. Ich glaube, dass es für uns sehr wichtig wäre, dieses Wort und diese Kraft wieder offen auszusprechen. Denn wer sich selbst in seiner Sexualität und in seiner Magie annimmt, der wird von seiner Welt genommen – so, wie er ist.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst.
weitere Info auf www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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