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Ausgabe Mai 2013
Gesundheit und Genuss. Von Wolf Schneider


Let‘s get back to the basics: Eigentlich sind wir Würmer, Verdauungstrakte, mit noch ein bisschen was drumrum. Vorne kommt was rein, hinten was raus, und die auf dem Weg dazwischen durch den Stoffwechsel gewonnene Energie hält uns am Leben. Bei aller Wertschätzung des Geistes, der Liebesekstasen und der Genüsse, die unser größtes Organ, die Haut, uns verschaffen kann, sollten wir das nicht vergessen: Wir essen und dann verdauen wir das Gegessene. Das ist es, was uns am Leben hält. Und dabei ist die Zufuhr dieses Essens, die Wahl, was wir da reinlassen, eine ganz entscheidende - für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Und bei der Einnahme des Erwählten auch der sinnliche Genuss für die Augen, die Nase und die Zunge, ein bisschen auch für Ohr und Tastsinn.

Mega-Thema Ernährung
Ich finde es gut, dass Ernährung nun auch bei uns allüberall ein Mega-Thema geworden ist. Mit Italienern oder Franzosen stundenlang über die Qualitäten des Essens und die Feinheiten seiner Zubereitung zu sprechen, das konnte man ja schon immer. Nun also auch bei uns. Hinzugekommen ist bei uns die politische und die ernährungswissenschaftliche Dimension, das war bei den Italienern und Franzosen damals noch nicht aktuell. Heute haben immer mehr Menschen in der ganzen Welt immerhin eine Ahnung davon, wie die Fleischindustrie sich auf das Roden der Urwälder auswirkt. Und wir wissen auch, was die Tiere in den KZs erleben, in denen sie aufgrund des Preisdrucks der Weltmärkte gehalten werden, auch das wissen wir heute schon irgendwie, obwohl wir es gerne verdrängen. Ernährungsbewusstsein breitet sich aus, so weit, so gut, so erfreulich.

Ernährungsfundamentalismus
Was mich an den Diskussionen zuweilen nervt, ist der wachsende Fundamentalismus. Denn auch hinsichtlich der Ernährungsstile sind inzwischen kaum weniger Fundamentalisten unterwegs als im Bereich der Religionen und spirituellen Wege. Die Ernährungsstile wechseln zwar oft noch schneller als die Moden in den Therapien und auf den Wegen der Selbstverwirklichung, aber wenn einer in Sachen Ernährung mal einen Lebensabschnittsstil gefunden hat, verteidigt er oder sie ihn oft so heftig, wie sonst nur bibeltreue Christen ihre Heilige Schrift. Und natürlich wird auch missioniert: Die Fünf-Elemente-Küche, die Blutgruppendiät, der Umgang mit Kohlehydraten (mal sind sie in, mal out), ungesättigten Fettsäuren, Rohkost und Gekochtem, es ist viel Ideologie dabei, und was einen grad begeistert, das muss der Freundeskreis sich mindesten mit anhören, am besten auch gleich mitmachen.

Unorthodoxer Veganismus
Ich selbst esse seit 36 Jahren kein Fleisch mehr, auch kein Geflügel oder Fisch, und seit einigen Jahren kaum mehr Eier und Käse, und ich trinke keine Milch. Sahne und Butter aber esse ich nach wie vor sehr gerne, bin also kein Voll-Veganer. Vielleicht vergeht auch das noch eines Tages, ich strenge mich da aber nicht sonderlich an, obwohl ich die voll-vegane Ernährung für unsere menschliche Gesundheit, die Umwelt und die Tiere vermutlich das Beste ist. Was die Sahne und Butter anbelangt, spielen für mich dabei zwei Gründe rein: der Genuss und die Zufuhr von Vitamin B 12. Wenn einer dieser Gründe wegfallen würde, wäre ich wahrscheinlich Vollveganer.

Genuss und Verzicht
Wenn ich sage „Ich bin Vegatarier“ ernte ich manchmal ernst-besorgte Gesichter, die mich fragend anblicken, wer mir das wohl verboten hat oder welcher Religion ich angehöre. Nein, ich gehöre keiner Religion an, und niemand hat mir verboten, Tiere zu essen. Es ist meine eigene Wahl. Ich habe sie aus ethischen, politischen, gesundheitlichen und ästhetischen Gründen getroffen, und aus geschmacklichen. Ich mag Fleisch nicht. Fleisch und Geflügel nicht mehr zu essen, war für mich also kein Verzicht auf Genuss. Als ich die Entscheidung traf, lebte ich in Asien, da hat das vegetarische Essen seit Jahrtausenden Tradition und konnte sich zu kulinarischen Höhen entwickeln, die man in Europa vor ein paar Jahrzehnten noch kaum kannte. Fisch und andere Wassertiere haben mir eher geschmeckt, aber darauf zu verzichten war trotzdem kein Problem. Nachdem ein Malaie mich einmal, Anfang 1977, zum Krabbenessen eingeladen hatte und dabei darauf bestanden hatte, die Tiere lebend ins heiße Wasser zu werfen, so würden sie am besten schmecken, wollte ich keine Tiere mehr essen. Während sie schon gekocht wurden, bewegten sich die Tiere noch eine Weile; es sah aus, als würden sie sehr leiden; ich werde das nie vergessen.

Prägungen aus der Kindheit
Ich weiß aber, dass die Umstellung anderen schwerer fällt als mir. Viele träumen nach einer politisch oder gesundheitlich motivierten Umstellung noch vom Fleisch oder vom Essen, wie Muttern es einst machte. Neben dem, was man in Beziehungen für normal und richtig hält und im Bereich des Religiösen (im Denken und Fühlen ebenso wie den ausgeführten Kulthandlungen) hängen wir wohl nirgends so sehr an Gewohnheiten aus unserer Kindheit wie beim Essen und Trinken. Das Essen unserer Kindheit ist für uns Heimat. Wenn es so riecht und schmeckt wie damals, fühlen wir uns geborgen, behütet und geliebt. Deshalb rate ich denen, die sich aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen auf vegetarisches und gesundes Essen umstellen wollen, sehr genau auf ihre Genüsse zu achten.

Was von innen her ruft
Dabei kann man zum Beispiel so vorgehen: Folge eine Zeitlang nur den Gelüsten, die bei geschlossenen Augen von innen rufen und nicht dem, was dir »zuwinkt«, weil es da etwa lecker auf dem Teller liegt, in der Auslage oder auf dem Sonderangebotstisch eines Supermarktes. Das tiefe Hineinhorchen in das, was du wirklich willst, hilft dabei, zu entdecken, womit du dich »vereinigen« willst, denn auch das Essen ist ein erotischer Akt der Hingabe, eine Vereinigung: Was grad noch Außenwelt war, ist jetzt in mir, der Akt des Essens hat uns vereinigt.

Ersatzbefriedigungen
Wenn jemand zu viel aß, sagten freudianisch gebildete Menschen früher gerne: Der kompensiert! Das ist Ersatzbefriedigung, weil sie oder er nicht genug guten Sex bekommt. Heute, während die Ernährungs-Welle uns flutet und man keinen Fernseher mehr einschalten kann, ohne bei jedem zweiten Kanal auf eine Kochsendung zu stoßen, würden wir vielleicht eher sagen: Was vögelst du so viel? Bekommst du nicht gut genug zu essen?


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.

mehr Info auf: www.connection.de.


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