aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe April 2013
Beitragsreihe 2013 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Lycopodium – der Bärlapp

Andreas Krüger mit dem vierten Teil seiner Beitragsreihe über wichtige homöopathische Heilmittel – erläutert anhand seiner eigenen biografischen Erfahrungen.

H. Schäfer: Mit Glonoinum, Calcium und Pulsatilla hatten Sie schon wichtige Schritte in die Richtung eines selbst-bewussten Lebens getan – wie ging es weiter?
A. Krüger: Ich hatte ja lange die Wahnidee, ich sei nur ein dummer „Britzer Bauer“. Als Jugendlicher fühlte ich mich zu der Hippiebewegung hingezogen, konsumierte „bewusstseinserweiternde“ Drogen und rauchte Unmengen von Cannabis. Damals wollte ich eigentlich nur nach Katmandu auswandern und dort Hühner- und Cannabisbauer werden. Aus diesen Gründen habe ich schulisch komplett versagt. Aber später, als Erwachsener, litt ich unter dem Trauma, keinen qualifizierten Schulabschluss, geschweige denn ein Hochschulabschluss vorweisen zu können.
Eines Tages passierte etwas Furchtbares. Ich war schon erfolgreicher Heilpraktiker mit einer vollen Praxis und leitete die Samuel-Hahnemann-Schule, als mich ein Mann, der einen Lehrstuhl für vergleichende Medizinforschung in Berlin hatte und sich mit Naturheilkunde beschäftigte, telefonisch um ein Interview bat. Ich war ausgesprochen stolz, dass er sich für mich interessierte und erzählte voller Begeisterung von Homöopathie, der Schule und meiner Praxis. Bei dieser Begegnung trafen zwei kranke Lycopodianer aufeinander. Die eine Seite der krankhaften Symptome kann es überhaupt nicht vertragen, wenn ein anderer von sich überzeugt ist. Dabei war es gar nicht so, dass ich von mir überzeugt war, ich war einfach begeistert. Auf der anderen Seite können kranke Lycopodianer oft Worte nicht richtig aussprechen. Bei mir war es so, dass ich lange Zeit das Wort „Homöopathie“ nicht richtig aussprechen konnte. Ich sagte immer „Hö-möopathie“. Und nachdem ich diesem Mann eine halbe Stunde lang von meiner Arbeit und der Schule erzählt hatte, sagte der Herr Professor: „Tja, Herr Krüger, ist ja alles sehr schön, aber ich muss Ihnen mal eins sagen – nur damit kein anderer über Sie lacht: Das heißt nicht Hömöopathie, das heißt Ho-möopathie.“ Kranke Lycopodianer stellen gerne andere bloß. Deswegen ist ein weiteres Leitsymptom von Lycopodium: Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer. Diese Zurechtweisung war mir soooooo peinlich, dass ich innerlich im Boden versank und dachte, nie wieder Interviews geben zu können und nie mehr zu sagen, dass ich homöopatisch arbeite. Danach habe ich 14 Tage lang ununterbrochen geübt, dieses Wort korrekt auszusprechen.

Und Sie haben Lycopodium genommen?
Richtig und – wie bei allen guten homöopathischen Mitteln – erlebte ich eine wahnsinnige Befreiung, weil es mich zum ersten Mal mit meinen nicht-akademischen Ressourcen in Kontakt brachte. Und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich durchaus gebildet bin, denn ich habe unglaublich viele Bilder vor meinem geistigen Auge.

Gab es Rückfälle?
Ja, es gab noch einmal eine Phase, in der ich mit einem berühmten deutschen Astrologen einmal im Jahr essen ging. Für mich ist es jemand, der sehr stark lycopodisch aspektiert ist mit dem Leitsymptom: Er hat alles begriffen und die anderen haben noch nicht einmal ansatzweise eine Ahnung. Der konnte etwas sagen, was mich völlig zerstörte. Ich bin ja leicht zu begeistern in anregenden Gesprächen und achte dann auch nicht darauf, ob alles korrekt und statistisch abgesichert ist. Und dieser Mann sagte aus einer wahnsinnigen Selbstsicherheit heraus: „Die Wahrheit ist...“. Und mit diesem einen Satz „die Wahrheit ist“ konnte er mich abschießen, so dass ich dachte, nie mehr zu unterrichten, sondern nur noch zu massieren, denn das ist das Einzige, was ich kann. Ich habe diesem Mann den Kontakt zu Aufstellungen vermittelt und bei einem Essen sprach ich davon, wie schön es sei, bei den Aufstellungen Rückgaben machen zu können. Er unterbrach mich barsch mit dem Satz: „Hellinger hat nie Rückgaben gemacht!“. Bei mir brach schon wieder alles zusammen und nach dem Gespräch rief ich meinen homöopathischen Arzt an. Als der erfuhr, mit wem ich essen war, verordnete er mir Lycopodium. Danach ging es mir wieder besser. Beim nächsten Zusammenbruch fragte mein homöopathischer Arzt nur: „Warste wieder essen? Lycopodium.“ Diese Zusammenkünfte und meine Zusammenbrüche zogen sich über drei Jahre hin, bis ich eines Tages nach seinem vielbesagten Satz: „Die Wahrheit ist...“ sagen konnte: „Das ist das Ende der Diskussion.“ Daraufhin sagte er: „Aber du weißt doch, wenn ich so etwas sage, ist das doch nur meine eigene Unsicherheit.“ Durch meine eigene Lycopodiumheilung konnte ich ihm den Spiegel hinhalten und dadurch löste sich ein Knoten.

Also in etwa nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“.
Lycopodium wird oft aggressiv, um seine Unsicherheit nicht zu zeigen und ist überkritisch, um nicht in seiner eigenen Mangelhaftigkeit wahrgenommen zu werden. Die Lycopodiumheilung äußert sich so, dass man nicht mehr aggressiv wird, um seine Unsicherheit zu überdecken, sondern dass man von seiner Unsicherheit spricht: dass man klein ist und dass man viele Dinge nicht weiß. Lycopodium hilft uns, die Ressourcen zu entdecken, die jenseits von Intellektualität und intellektueller Intelligenz liegen. Es hilft, die emotionale Intelligenz zu entdecken und damit eine zärtliche Weichheit zu erreichen. Wenn man Lycopodium-Sporen reibt, wird die Haut ganz weich. Lycopodium macht – im wahrsten Sinne des Wortes – weiche Seelen und nimmt die Angst vor der eigenen Kleinheit, aus der eigentlich nur die Härte erwächst.

Wo hilft Lycopodium noch?
Es ist angeblich das wichtigste Mittel in der Homöopathie, denn Lycopodium hat starke Berührungsängste. Berührt zu werden heißt, jenseits von intellektueller Abschottung begriffen zu werden. Wenn ich jemanden wirklich berühre, dann begreife ich ihn und dann kann er sich auch nicht mehr verstecken. Lycopodium macht berührbar, macht begreifbar und macht damit friedlich. Ich glaube, dass Lycopodium heute in unserer Welt das meist bedürftigste Mittel ist – ob im Bundestag oder bei der Deutsche Bank. Lycopodium ist auch das wichtigste Mittel bei Frauenhass und bei Impotenz. Ein bekannter tantrischer Meister sagte einmal: „Ein potenter Mann wird nie Gewalt gegen Frauen ausüben, weil er sich als Mann sicher ist.“ Dieser Meister – und dem stimme ich zu – meinte, dass nur Männer, die an ihrer Männlichkeit zweifeln, überhaupt zu Gewalt neigen, weil diese Männer Angst vor Frauen haben. Sicheren Männern – also lycopodisch geheilten Männern – ist jegliche Gewalt gegenüber Frauen wesensfremd, weil sie keine Angst vor Frauen haben. Darum glaube ich, dass Lycopodium eins der größten Mittel für die Konflikte ist, die unsere Zeit und unsere Gesellschaft mit sich bringt.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Infos. www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.