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Ausgabe April 2013
Die Mönche und ich. Eine wahre Geschichte über Sinnsuche und Selbstfindung. Von Mary Patterson


Nach dem Tod ihrer Eltern gerät Marys Leben aus den Fugen. Auf der Suche nach innerem Halt macht sie sich auf nach Südfrankreich – in das Kloster des Zen-Lehrers Thich Nhat Hanh. Für 40 Tage und Nächte taucht sie ein in eine Welt, die ganz anders ist, als alles, was sie bisher kannte. Womit Mary nicht gerechnet hatte: Die wirklich wertvollen Lektionen des Lebens nehmen manchmal wundersame Formen an. Durch die Lehren Buddhas, tägliche Meditation und vor allem in der Begegnung mit Thich Nhat Hanh entdeckt sie in sich selbst nach und nach Ruhe, Klarheit und Kraft. Jeder Tag bringt Mary ihrer Gefühls- und Gedankenwelt näher und diese Erfahrung schenkt ihr eine ganz neue Sicht auf das Leben. Schließlich findet sie genau das, wonach sie immer schon gesucht hatte, ohne es zu wissen – ihr inneres Zuhause. Von Mary Paterson.

Thich Nhat Hanh sagt, die Spannungen in unserem Körper seien »eine Form des Leidens«. Schmerzen wachsen sich irgendwann zu Krankheiten aus, wenn wir nicht über etwas verfügen, was den Druck wieder abbaut. »Bemühen wir uns immer um Mitgefühl mit uns selbst, dann wissen wir, wie die Schmerzen zu lindern sind, die wir in uns tragen.« – »Durch achtsames Atmen«, sagt Thay auch, »nehmen wir Zuflucht zu uns selbst und gehen heim zu uns.« Diese Technik des achtsamen Atmens, die uns der Buddha gegen unsere Leiden verordnet, vereint Körper und Geist so, dass wir einen sicheren Stand im Hier und Jetzt finden. Ich lege das erste meiner stummen Gelübde ab: »Ich will unbedingt daran denken, achtsam zu atmen.« Wer aber ist der Buddha? Wer ist er, dass sein Einfluss sich auf so viele Menschen erstreckt, nicht zuletzt auf Thich Nhat Hanh?
Der Erleuchtete war, bevor er ein Erwachter, ein Buddha, wurde, ein junger Mann namens Siddhartha Gautama, der vor über 2500 Jahren in Nordindien lebte. Er wurde ein Suchender, wollte das Wesen der Wirklichkeit und des menschlichen Lebens ergründen. Nach sechs Jahren intensiver Schulung unter mehreren berühmten spirituellen Lehrern setzte sich Siddhartha unter einen Bodhi-Baum und gelobte, sich erst wieder zu erheben, wenn er Erleuchtung gefunden hatte. Er saß die Nacht hindurch, und als der Morgenstern aufstieg, kam er zu einem tiefen Durchbruch, der ihm das volle Verstehen und die Liebe erschloss. Neunundvierzig Tage soll der Buddha in diesem wunderbaren Zustand verweilt haben, dann machte er sich zum Hirschpark von Sarnath auf, wo er auf fünf seiner früheren Weggefährten traf. Wie Thich Nhat Hanh in seinem Buch Das Herz von Buddhas Lehre erzählt, legte er dort, natürlich in seinen eigenen Worten, die folgende Lehre dar: »Ich habe tief erkannt, dass nichts für sich allein sein kann, dass alles mit allem anderen „inter-sein“ muss. Ich habe außerdem erkannt, dass alle Wesen mit dem Vermögen zu erwachen begabt sind.«
Danach sprach er die vier edlen Wahrheiten aus: Leid existiert. Leid wird hervorgebracht. Es gibt einen Weg zur Beendigung aller Leiden. Und: dieser Weg zur Wiederherstellung des Wohlbefindens wird der edle achtfache Pfad genannt.Im Mahaparinibbana-Sutta heißt es: „Wo der edle achtfache Pfad geübt wird, sind Freude, Frieden und Erkenntnis.“
Thich Nhat Hanh hebt hervor, dass die acht Glieder des edlen Pfades – rechte Anschauung, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechtes Bemühen, rechte Achtsamkeit und rechte Konzentration – durch das verbunden sind, was er »Inter-Sein« nennt. »Jedes dieser Glieder«, sagt er, »enthält die übrigen sieben.«
Da ich hier bin, um die Lehren des Buddha anzuwenden, liege ich jetzt selig in meinem warmen Bett und denke über die kleine und doch so frustrierende Unannehmlichkeit mit meiner ersten klösterlichen Dusche nach. Ich war müde und nass und fror, und ich empfand das als sehr unbehaglich. Ein klarer Fall von Leid, die erste edle Wahrheit.
So weit, so gut. Die zweite edle Wahrheit bestand in meinem Widerwillen gegen den Wassermangel. Es gab also einen Grund für mein Leid, und der bestand darin, dass ich meine nasskalte Verfassung ablehnte. Aber man hat immer Möglichkeiten. Wenn das Wasser ausbleibt, kann man gegen diese Wirklichkeit aufbegehren oder sich in die Umstände fügen. Dass ich mein Unbehagen durch Achtsamkeit zu reduzieren vermochte, zeugt von der dritten edlen Wahrheit, dass es einen Ausweg gibt. Die Konzentration auf meinen Atem brachte ein wenig Erleichterung und auch einen Erkenntnisgewinn. Ich erkannte mein Unbehagen als vorübergehend. Nichts bleibt, wie es ist, kein Schmerz, keine Lust. Mein konzentriertes Atmen brachte mich zur Insel meiner selbst zurück, wo ich auf viele Mittel und Einsichten zurückgreifen kann. Hier war es die simple Erkenntnis, dass fehlendes Wasser in der Dusche eine eher kleine Unannehmlichkeit darstellt. Wenn man begreift, dass man an einer Sache absolut nichts ändern kann, liegt darin auch Freiheit. Das Annehmen befreit, ebenso wie Entschlossenheit befreit. Der Frust reduzierte sich augenblicklich um die Hälfte. Ich bekam einen Geschmack von der vierten edlen Wahrheit, vom Pfad, der mein Wohlbefinden (teilweise) wiederherstellte.
Heute habe ich einen Geschmack von dem bekommen, was Achtsamkeit vermag. Mir geht noch durch den Sinn, dass ich wirklich in meine Kraft und Freiheit komme, wenn ich zur Insel meiner selbst zurückkehre und bei mir selbst Zuflucht suche. Die Frage ist nur: Werde ich das auch unter schwierigeren Umständen schaffen?
Der Buddha sagte nicht, wie viele annehmen, dass alles leidvoll sei. Vor allem, so Thich Nhat Hanh, ging es dem Buddha um die Verwandlung des Leidens. »Ihr müsst das Unbehagen in euch finden und es dann wandeln.«
Irgendwann kam wieder Wasser aus meiner Dusche, die schwarze Spinne krabbelte weg, und ich war froh, mir endlich die Seife abspülen zu können. Wenn wir loslassen, finden sich die Dinge schon irgendwie.

(Auszug mit freundlicher Erlaubnis des Lotos Verlages)

Die Autorin Mary Paterson ist klassische Balletttänzerin, erfahrene Yogalehrerin und Gründerin des Lotus Yoga Centre in Toronto, Kanada. Auf ihren zahlreichen Reisen durch Indien erforschte sie verschiedene spirituelle Traditionen und studierte bei renommierten Meistern. Die Mönche und ich ist ihr erstes Buch.

Buchtipp:
Mary Paterson, Die Mönche und ich - Wie 40 Tage in Thich Nhat Hanhs buddhistischem Kloster mein Leben verändert haben, 256 Seiten, € 15,99 Lotos Verlag


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