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Ausgabe April 2013
Dr. Stanislav Grof: Die Erfahrung des Geborenwerdens. Welchen Einfluss hat die Art und Weise unserer Geburt auf unser Leben? Von Kenneth und Petra Sloan


Haben Sie Erinnerungen an Ihre Geburt? Nach fünfzig Jahren wissenschaftlicher Forschungsarbeit legt Dr. Stanislav Grof überzeugende Beweise dafür vor, dass die Art und Weise, wie wir unseren Geburtsprozess durchlaufen haben, maßgebliche Auswirkungen auf unsere Lebensmuster und unseren Lebensweg haben können – in beide Richtungen, sowohl positive als auch negative. Traten bedrohliche schwierige Situationen während der Geburt auf, ist es anhand spezifischer therapeutischer Techniken möglich, diese tief vergrabenen Erinnerungen wieder an die Oberfläche zu bringen und das damit verbundene Trauma zu lösen.
Anlehnend an Dr. Grofs Forschungsarbeit und die Erfahrungsberichte einiger tausend Menschen, die einen Zugang zu ihrem Geburtsprozess mithilfe dieser Methoden bekommen haben, teilt sich der Prozess der unmittelbaren Vorbereitung auf und der Geburtsprozess selbst in vier typische Phasen auf, die im Folgenden dargestellt werden.

Erfahrungen des Fötus während der Schwangerschaft bis kurz vor Einsetzen der Wehen
Verläuft die Schwangerschaft relativ ungestört und der Fötus erhält die Versorgung, die er braucht, kann sich das spätere Leben auf der Basis von Vertrauen und einem Gefühl der Sicherheit aufbauen, genau das zu erhalten, was im Leben benötigt wird. Ist die Schwangerschaft andererseits von Problemen durchzogen und der Fötus ist gefährdet, kann ein tief sitzendes Lebensgefühl der Angst und des Misstrauens erhalten bleiben. Der Fötus ist völlig hilflos im Umgang mit Bedrohungen von außen sowohl gegen ihn selbst – wie z.B. ein versuchter Schwangerschaftsabbruch –, als auch eine Gefahr für die Mutter, die der Fötus in der Einheit mir ihr ebenso erlebt. Diese tiefen Gefühle von Angst und Hilflosigkeit nimmt er möglicherweise in sein späteres Leben mit - auch wenn keine klar sichtbare Verbindung zu den äußeren aktuellen Lebenssituationen hergestellt werden kann.
Die therapeutische Wirkung eines Wieder-in-Verbindung-Tretens und der Auflösung dieses Geburts-traumas, das spezifisch mit dieser Phase verbunden ist, kann darin bestehen, energetisch nicht mehr in der hilflosen Lage des Fötus gebunden zu sein, sondern sich als handlungsfähiger Erwachsener zu erleben, der sowohl psychologisch als auch physisch Wege finden kann, mit bedrohlichen Situationen in seiner Lebenswelt umzugehen.

Erfahrungen, wenn der Geburtsprozess einsetzt, aber der Muttermund noch nicht geöffnet ist
Verläuft diese Geburtsphase relativ kurz und nicht zu heftig, kann die zugrunde liegende Erfahrung dieses Menschen dahin gehen, dass, auch wenn sich etwas als sehr schwierig in seinem Leben gestaltet und seine Handlungsmöglichkeiten und Zeit begrenzt sind, er diesem für eine Weile standhalten und durch diese Schwierigkeit hindurchgehen kann, so dass sich eine neue Situation ergibt. Erstreckt sich andererseits diese Phase über eine sehr lange Zeitspanne und der Fötus ist einem enormen Druck bei jeder Wehe ausgesetzt und erfährt Sauerstoffmangel, kann sein späteres Leben von dem Empfinden geprägt sein, ständig unter einer inneren Anspannung und einem Druck zu sein und keine realistische Möglichkeit zu sehen, aus dieser Lage heraus zu kommen. Ein Gefühl der Ausweglosigkeit und Lähmung wird eventuell zur vorherrschenden Lebensenergie.
Diese Qualität kann sich durch ein Leben ziehen, auch wenn äußerlich keine Ursache dazu zurückzuverfolgen ist. Es kann auch soweit gehen, dass der oder die Betroffene sich Lebensumstände schafft, um diese alte Erfahrung wiederherzustellen und mit dem unbewussten inneren Zustand konfrontiert zu werden.
Das Wieder-in-Verbindung-Treten mit dem und das Auflösen des Traumas, das an diese Geburtsphase gekoppelt ist, lässt den Betroffenen bewusst erfahren, dass das Eingeschlossensein und der Druck, den er als Fötus als ausweglos und endlos erlebte, in der jetzigen Realität als Erwachsener zu einem Ende gekommen ist - wie schwierig es auch immer war - und dass er in seinem erwachsenen Sein und dem Wiedererleben von Geschehenem nicht mehr in den alten Umständen feststeckt. Er nimmt die Möglichkeit, Dinge zu verändern und seine Bedingungen zu verbessern, wahr.

Erfahrungen, nachdem sich der Muttermund geöffnet hat und die Bewegung durch den Geburtskanal erfolgt
Die bestmögliche Situation wäre die, dass der Säugling in der Lage ist, mit den Herausforderungen des Kampfes durch den Geburtskanal allein fertig zu werden und mit wenig Hilfe von außen ins Endstadium der Geburt zu gelangen. Dies schafft eine Basis von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Veränderungen und Herausforderungen gewachsen zu sein. Wenn sich der Prozess in dieser Phase jedoch als schwierig und lang gestaltet und mit einer Einwirkung von außen beendet wird, wie z.B. durch Kaiserschnitt, eine Zange oder Saugglocke, kann dies eine tiefe Prägung mit sich bringen, durch die dieser Mensch im Alltag nicht wirklich etwas zu Ende führen kann und sowohl misstrauisch als auch abhängig von der Unterstützung anderer ist. Z.B. kann das Erleben von unmäßigem Ärger oder Wut in der aktuellen Lebenssituation bis in die Turbulenzen während dieser Geburtsphase zurückverfolgt werden. Es gibt Lebensumstände, in denen jemand kontinuierlich seine Mitmenschen in heftige Auseinandersetzungen verwickelt, während er unbewusst immer noch in der alten Geburtssituation des Kampfes ums Überleben feststeckt, da er damals keine reale Chance erlebte, diesen Kampf autonom und erfolgreich zu beenden. Traumatische Erlebnisse aus dieser Geburtsphase können auch einen starken Einfluss auf die Art und Weise haben, wie sexuelle Energien zugänglich sind und gelebt werden können.
Ein erfolgreicher therapeutischer Zugang und die Auflösung dieses Traumas wird das Verhältnis des Betroffenen zur eigenen Kraft und zur Außenwelt grundlegend verändern. Z.B. kann sich eine gewohnheitsmäßige Über- oder Unterreaktion auf Herausforderungen in die Fähigkeit wandeln, das eigene Potential angemessen zu nutzen, ohne immer noch von Gefühlen der Wut oder Angst überwältigt zu werden.

Der Austritt aus dem Geburtskanal und die ersten Erfahrungen in dieser Welt
Aus vielfältigen Erfahrungsberichten wissen wir, dass Menschen, die diese Phase der Geburt mithilfe verschiedener ganzheitlicher therapeutischer Techniken wieder erlebt haben, den Moment des erfolgreichen Heraustretens aus dem Geburtskanal in zwei verschiedenen Qualitäten erleben. Einerseits gehen sie durch einen Sterbeprozess der bisherigen Existenz als Fötus im Mutterleib, andererseits erleben sie den Eintritt in ein vollkommen neues Dasein als ein unabhängiges atmendes Wesen - auch wenn dieses sich noch in der Abhängigkeit von Nahrungszufuhr und dem schützenden und versorgenden Kontakt von außen befindet. Im besten Fall entwickelt sich dieser elementare Übergang nur mit einigen wenigen Schwierigkeiten und ohne großes Trauma. Dieser Mensch wird trotz etwaiger großer oder bedrohlicher Herausforderungen in der Lage sein, mit einer Art Ur-Vertrauen von einer Lebensphase in die nächste zu gehen.

Die grundlegende erste Erfahrung als autonomes Wesen in dieser Welt hat einen Einfluss auf all das, was diesen Menschen später im Leben erwarten wird und welches Lebenskonzept er entwickelt.

War er ein mit Freude empfangener Säugling, der Aufmerksamkeit, Fürsorge, Kontakt und Nahrung erhalten hat oder im Gegenteil nicht willkommen, verlassen oder unterversorgt. Letzteres hätte wahrscheinlich eine tiefe unbewusste Überzeugung zur Folge, dass all dies für ihn nicht zur Verfügung steht, nicht zugänglich ist. Dieser Mensch wäre möglicherweise sein Leben lang damit beschäftigt, die nährende befriedigende Erfahrung zu suchen und nachzuholen, die er als Mangel nach der Geburt erfahren hat. Die Chance, dies zu finden erweist sich als gering, da keine Erfahrung als Erwachsener im Alltagsbewusstsein so intensiv sein könnte, wie diese erste verpasste positive Begegnung mit der Welt.
Ein therapeutischer Zugang zu dieser Geburtsphase und ein Auflösen dieses Traumas kann eine radikale Veränderung der gesamten Lebensperspektive zur Folge haben. Es gäbe diesem Menschen möglicherweise das Vertrauen zurück, durch schwierige Abschnitte des Lebens zu gehen und daran zu wachsen, neue Herausforderungen anzunehmen und eine Persönlichkeit zu entwickeln, die mehr Freude und Befriedigung im Leben erfährt sowie sich von anderen wahrgenommen und angenommen fühlt.

Therapeutisches Verfahren zur Auflösung von Geburtstraumata
Vorgeburtliche Erinnerungen sind uns normalerweise im Alltagsbewusstsein nicht zugänglich. Es erweist sich deshalb als schwierig, mithilfe psychotherapeutischer Techniken, die eine Art der Gesprächstherapie im “normalen“ Bewusstseinszustand nutzen, einen Zugang zu einem perinatalen oder pränatalen Trauma zu erhalten. Dr. Grof hat den Begriff „holotrop“, der aus dem griechischen übersetzt „Bewegung in Richtung Ganzheit“ bedeutet, geschaffen, um Bewusstseinzustände zu beschreiben, in denen diese Erinnerungen zugänglich werden und damit verbundene energetische Blockierungen aufgelöst werden können. Holotrope Techniken finden sich in verschiedenen Methoden der Atemtherapie, wie z.B. das Holotrope Atmen, das von Dr. Grof und seiner Frau Christina entwickelt wurde, dem Gebrauch von bewusstseinsveränderten Substanzen wie z.B. LSD in einem sicheren therapeutischen Setting und verschiedener schamanischer Praktiken.
Auch ganzheitliche Therapieverfahren, die sich der Arbeit in einem außergewöhnlichen Bewusstseinzustand öffnen, wie Psychosynthese, Gestalttherapie und andere schließen sich dem an. Eine wichtige Anforderung an diese therapeutische Arbeit mit holotropen Bewusstseinszuständen besteht in einer angemessenen Intention und Motivation, einem geschützten und sicheren Raum und qualifizierten Begleitern, die speziell für diese Art von Arbeit ausgebildet sind.


Die Verfasser dieses Berichts Kenneth und Petra Sloan sind langjährige Schüler von Dr. Grof und bieten in Süddeutschland u.a. Workshops für Holotropes Atmen an. Mehr Infos: www.breathwork.de

Stanislav Grof ist ein Pionier der Erforschung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände, die über LSD oder die Riten alter Stammeskulturen zugänglich werden. Er hat gemeinsam mit seiner Frau Christina das Holotrope Atmen als tiefgreifende Methode der Selbsterforschung entwickelt. Er hat als Autor und Co-Autor 22 Bücher veröffentlicht und wirkt momentan als Dozent am California Institute of Integral Studies. Web link: www.stanislavgrof.com

Buchtipps:
Stanislav Grof: Das Abenteuer der Selbstentdeckung: Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände, 1994; Die Psychologie der Zukunft, 2002


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