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Ausgabe April 2013
Hakomi - Eine achtsame und erfahrungsorientierte Körperpsychotherapie, vorgestellt von Astrid Peacock


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Meine ersten Erfahrungen mit „HAKOMI“ liegen jetzt schon über 20 Jahre zurück und begannen damit, dass mir das Hakomi-Buch von Ron Kurtz in die Hände fiel. Begeistert hat mich das so überaus freundliche, bejahende Menschenbild von Hakomi, das den Menschen nicht in erster Linie als beschädigt und defizitär sieht und damit negativ bewertet. Ich konnte nicht glauben, dass das auch der „Wirklichkeit“ standhalten würde – und so fuhr ich zu meinem ersten Processing Workshop, um Hakomi live zu erleben.
Was ich dort erlebt habe, hat mich von der ersten experimentellen Übung an tief berührt. Die Art der Interventionen auf das, was Teilnehmer zeigten oder sagten, war immer anders, als ich es bisher kannte und erwartet hätte. Die Art, wie Übungen angeleitet wurden, so behutsam und liebevoll, berührten mein Herz und so fuhr ich mit einem Schatz nach Hause zurück. Am Ende des Workshops war der Hakomi-Geist auch bei uns Teilnehmern zu spüren, wir hatten viel vom gegenseitigen Bewerten aufgegeben und dafür mehr Verständnis und Offenheit füreinander. Seitdem habe ich viele Workshops erlebt, bei unterschiedlichen Trainern. Dabei gab es immer wieder Momente, die fast wie Wunder waren, weil in ihnen ein so ganz anderer – wertfreier, sanfter, unterstützender - Umgang miteinander stattfand, als ich ihn bis dahin kannte. Zum Beispiel bei Halko Weiss in Hamburg: Eine junge Teilnehmerin, die offenbar Angst hatte, sich in der großen Gruppe zu äußern und zu zeigen und sich dann nach Tagen des Stillseins plötzlich ein Herz fasste und unter großer Überwindung sagte: „Ich hab solche Angst, mich hier einzubringen...“, woraufhin Halko Weiss bestätigend nickte: „Da möchtest du dich jetzt am liebsten verstecken, nicht wahr? Vielleicht kann dir dein Nachbar mal seine Decke geben und dich ein bisschen abschirmen vor den Blicken, magst du das?“
Die junge Teilnehmerin darauf: „Ja, das wäre schön!“ Und so breitete ihr Sitznachbar schützend seine Decke vor ihr aus und sie konnte so sein, wie sie war, gleichzeitig geschützt und doch gesehen.
„Was ist Hakomi überhaupt?“, werde ich oft gefragt, „hört sich so asiatisch an“. Das Wort kommt aus der Sprache der Hopi-Indianer und die Bedeutung ist: „Wer bist du und wie stehst du zu allen diesen Welten?“
Ron Kurtz, ein US Amerikaner, hat Hakomi Ende der 60er Jahre entwickelt. Er lebte damals in Esalen, Kalifornien, in einer Zeit großer Aufbrüche und Kreativität. Zu dieser Zeit entstanden auch die humanistischen Therapien, zu denen Hakomi zählt.
Hakomi ist eine tiefenpsychologisch fundierte Therapieform, die westliche Psychologie und östliche Weisheitslehren zusammen führt. Seit den 80er Jahren hat sich das Hakomi-Institut weltweit etabliert und in vielen Ländern und Städten werden Hakomi-Therapeuten ausgebildet.
Der Hakomi-Therapeut nimmt seinen Klienten gegenüber eine „loving-presence“ Haltung ein. Das heißt, er begibt sich in eine nicht wertende, aber neugierige, liebevolle Präsenz und allein das ist für den Klienten sofort spürbar. Eine meiner Hakomi-Trainerinnen, Helga Holzapfel, erklärt diese Wertschätzung des „So-Seins“ des Klienten anhand einer Sturmkiefer, die in den stärksten Winden und Stürmen am Meer steht und entsprechend dieser Umgebung sehr schief landeinwärts gewachsen ist. Sie ist für die Lebensbedingungen, die sie hat, genau richtig gewachsen, sonst hätte sie nicht überlebt. Welchen Sinn macht es, dieser Kiefer zu sagen, dass eine gerade Kiefer eine schönere oder richtigere Form hätte? Daraus folgt: Keiner hat versagt, weil er so ist, wie er ist, im Gegenteil, nur so hat er überleben können. Wann wird man so gesehen, ohne dass das Gegenüber einen verändern möchte oder seine Eigeninteressen mit ins Spiel kommen? Diese Würdigung für „die Einzigartigkeit dieses Wesens im Universum“ (Helga Holzapfel) erreicht das Unbewusste des Klienten und er kann sich deshalb leichter sicher fühlen und öffnen.

Was heißt nun „Körperpsychotherapie“?
Hakomi geht von der Körper-Geist-Einheit aus. Alle Erfahrungen, die wir bisher im Leben gemacht haben und die daraus resultierenden Grundanschauungen drücken sich auch im Körper aus. Wenn wir Gefühle haben wie Trauer, Aufregung, Angst, Wut oder Freude, findet sich parallel dazu eine entsprechende Veränderung im Körper.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Vielleicht kennen Sie diese Situation: Sie bekommen einen Anruf, eine Freundin lädt Sie zu einer Party ein. Nach dem Gespräch spüren sie ein komisches, enges Gefühl im Bauch. Sie haben zugesagt, aber irgendwas fühlt sich seltsam an. Meist schieben wir solche Wahrnehmungen schnell weg, aber würde man dieses Bauchgefühl näher erforschen, würde man sehr viel von sich in Bezug auf diese Einladung erfahren können, z.B. wie fühle ich mich wirklich mit den eingeladenen Gästen, wie geht es mir in größeren Gesellschaften? In der Therapie könnten wir dieses Gefühl als Einstieg nehmen, um uns der inneren Wahrheit des Klienten zu nähern. Was weiß da der Bauch/Körper, was der Kopf nicht weiß bzw. nicht wissen will?
Wie wir uns bewegen, sprechen, uns äußern, ist auch nach außen Spiegel unseres verkörperten Selbst. So lassen sich Hakomi-TherapeutInnen nicht nur von den Geschichten, sondern auch vom Geschichtenerzähler als Ganzes anregen. Dazu hilft eine der Grundtechniken von Hakomi: das „Tracken“ (Spuren lesen). So kann die TherapeutIn winzige Veränderungen in der Mimik, Stimmlage, Atmung und Gestik des Klienten wahrnehmen und diese in „Kontakt bringen“. Zum Beispiel erzählt der Klient, was ihm letzte Woche passiert ist. Da sieht die TherapeutIn, wie kurz eine traurige Ratlosigkeit in seinem Gesicht zu sehen ist und kontaktet: „das macht dich irgendwie ratlos, ne?“ Daraufhin der Klient: „ja, ich versteh das einfach nicht...“ und so kann man mit dem Klienten wieder in der gegenwärtigen Erfahrung landen und weiter erforschen, welcher Art diese traurige Ratlosigkeit ist und was dahinter steht. Dies geht nur in Achtsamkeit.

Warum in Achtsamkeit?
Wir sind normalerweise im „Alltagsbewusstsein“, in dem wir schnell sein und schnell reagieren müssen und unser Fokus nach außen gerichtet ist. Einer der wichtigsten Grundpfeiler der Hakomi-Therapie ist der Bewusstseinszustand der „inneren Achtsamkeit“. Dieser ist ein Bewusstseinszustand, der das „Licht“ der Aufmerksamkeit von „außen“ nach „innen“ zu sich verlagert. Wir können ihn nur einnehmen, wenn wir uns in einer Situation sicher genug fühlen. Hier ist alles verlangsamt und es können Gedanken, Körperempfindungen und Gefühle auftauchen, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Die Haltung der „inneren Achtsamkeit“ stammt ursprünglich aus dem Buddhismus und Ron Kurtz hat schon in den 70er Jahren ihre Bedeutung für die Therapie erkannt.
Wir können in diesem Bewusstseinszustand quasi einen „inneren Beobachter“ an unserer Seite haben, der freundlich und nicht wertend registriert, was jetzt gerade geschieht. Die Therapie findet im gegenwärtigen Moment, in der aktuellen Erfahrung statt.
Wir gehen zusammen mit unserer TherapeutIn auf Forschungsreise und bekommen mit, was uns aus der Tiefe heraus bewegt und welche Grundanschauungen wir über uns und über die Welt gebildet haben. Das gibt uns in der Folge oft ein neues Verständnis, ja Mitgefühl für uns selbst. An diesen Stellen kann auch das „innere Kind“ auftauchen und es kann klar werden, was dem Kind damals gefehlt hat. Hier können dem Klienten neue Erfahrungen ermöglicht werden, die das Kind gebraucht hätte („missing experience“). So können alte Wunden heilen. Infolgedessen kann der Mensch in Zukunft auf diese neuen Erfahrungen zurückgreifen und bekommt Wahlmöglichkeiten und andere Handlungsoptionen.


Ron Kurtz: „Es geht nicht darum, wer du glaubst zu sein. Es geht darum, wer du im tiefsten Grunde deines Herzens bist.“

Die Autorin Astrid Peacock ist staatlich geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat sich in der 3-jährigen Ausbildung zur Hakomi-Körperpsychotherapeutin ausbilden lassen. Sie bietet seit 2010 Hakomi-Einzel-Therapiesitzungen und workshops für Gruppen in eigener Praxis in Berlin-Lichtenrade an. Bei weiterem Interesse: www.hakomi.de

Buchtipp:
Halko Weiss, Michael Harrer und Thomas Dietz, Das Achtsamkeitsbuch, 6. Aufl. 2012, Klett-Cotta


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