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Ausgabe April 2013
Die Kunst des Nicht-Tuns. Von Dr. Linda Lehrhaupt


Wir Aktiven
Wir glauben, je mehr wir tun, desto mehr könnten wir erreichen. Immer haben wir ein Ziel vor Augen, immer streben wir danach, noch besser zu werden, indem wir noch mehr tun. Es ist uns fast unmöglich geworden, etwas einfach nur wahrzunehmen, ohne es sofort zu kategorisieren, zu bewerten und darauf zu reagieren. Der Genuss und die reine Freude des Nicht-Tuns scheinen uns in einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Aktivität und Fortschritt legt, verloren gegangen zu sein. Selbst in unserer Freizeit laufen wir zur geschäftigen Höchstform auf und erhoffen uns dadurch ein erfülltes Leben.
Wir haben es förmlich verlernt, in einem Zustand des Nicht-Tuns einfach zu sein. Fragen Sie sich einmal selbst: Wann haben Sie zum letzten Mal auf einer Bank gesessen, ganz ohne Buch und Zeitung, und haben einfach nur in die Sonne geblinzelt? Wann haben Sie mit einem Menschen ruhig und absichtslos zusammengesessen, einfach nur, um in seiner Gegenwart zu sein? Wie wäre es, wenn wir inmitten all unserer Geschäftigkeit einmal ganz bewusst die Hände von den Kontrollknöpfen nehmen würden? Wenn wir unser rastloses Gerenne für einige Minuten einstellen und stattdessen einmal bewusst beobachten würden, was in uns geschieht? Wenn wir uns eine kurze Auszeit nehmen würden, in der wir uns auskoppeln und nicht auf ein Ziel zu bewegen? Einfach aufhören würden zu fragen, was wir als Nächstes tun werden.

Alltagstipp: Innehalten
Eine solche Pause der Achtsamkeit kann inmitten jeder Aktivität stattfinden. Wir unterbrechen bewusst unser Tun, vielleicht für einen Augenblick, vielleicht auch für einige Minuten, und werden ganz und gar gegenwärtig und kommen körperlich zur Ruhe. Mit dieser Pause unterbrechen wir den Automatismus, mit dem wir auf Situationen reagieren. Sie gibt uns die Möglichkeit der Reflexion und die Gelegenheit, die Dinge auf eine neue Art und Weise wahrzunehmen. Wir halten die Beschleunigung unseres Lebens an, indem wir für einen Moment in das Nicht-Tun eintreten und in diesem ganz gegenwärtig sind. Indem wir genau an dem Punkt der Beschleunigung zurücktreten, eröffnen sich uns ganz neue Sichtweisen und damit neue Handlungsmöglichkeiten.

Zur Balance finden
Bei meinem ersten Aufenthalt in einem Zen-Kloster vor etwa 30 Jahren war ich in der Arbeitszeit für das Gemüseschneiden in der Küche eingeteilt. Ich hatte mein Messer und das Schneidebrett vor mir und begann voller Energie und Elan mit dem Schneiden der Möhren. Ich schnipselte geschäftig vor mich hin und betrachtete voller Stolz die Berge von Möhrenscheiben, die sich auf meinem Schneidebrett türmten. Als ich von meiner Arbeit hochblickte, sah ich plötzlich den Zen-Koch vor mir stehen. Er nahm einige meiner Möhren und begann diese in großer Aufmerksamkeit zu schneiden. Nach einigen Minuten lächelte er mich an und ging schweigend weiter. Ich war wie vom Donner gerührt und innerlich so erschüttert, dass ich umgehend zu weinen begann. Sein achtsames Tun hatte mich mit meiner eigenen Geschäftigkeit konfrontiert. Plötzlich konnte ich spüren, welche Anstrengungen und Schmerzen mir mein rastloses Tun in der Vergangenheit verursacht hatten.
Seit diesem Tag versuche ich bewusst, in meinem Leben einen Ausgleich von Tun und Nicht-Tun zu schaffen und dieses in Balance zu halten. Den richtigen Punkt der Balance finden wir, indem wir immer wieder aus der Bewegung in die Ruhe gehen. Denn der Weg des Nicht-Tuns führt in unserem täglichen Leben über das Tun. Nicht-Tun hat mit Trägheit oder Passivität rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Es erfordert großen Mut und Entschlossenheit, sich diesem auszuliefern. „Denn Nicht-Tun“, so Jon Kabat-Zinn, „bedeutet ganz einfach, die Dinge sein zu lassen und ihnen zu gestatten, sich auf ihre eigene Weise zu entfalten.“
Jedoch ist das alles andere als einfach. Es bedarf eines tiefen Vertrauens in das Leben, um die Dinge sich auf ihre eigene Weise entfalten zu lassen. Wenn wir ganz ehrlich mit uns selbst sind, dann werden wir feststellen, dass wir nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der Menschen um uns herum kontrollieren und nach unseren Vorstellungen gestalten wollen. Dies wurde mir in meiner Zeit als junge Mutter besonders deutlich bewusst. Ich gehörte zu den Eltern, die glaubten, dass sie mit ihren Kindern immer aktiv sein müssten. Ich ging mit meiner Tochter ins Theater, ins Kino, ich habe sie in den Tanz- und Musikunterricht gebracht, habe sie Fechten und Aikido lernen lassen, all dies in der festen Überzeugung, dass es für Kinder wichtig ist, aktiv die vielen Möglichkeiten zu nutzen, die sich ihnen bieten. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Doch hinter all dieser Aktivität verbarg sich meine eigene Unfähigkeit, die Dinge sich einmal selbst entwickeln zu lassen und Zeiten des ruhigen Zusammenseins mit meiner Tochter genießen zu können. Hinter diesem ständigen Zwang zur Aktivität verbirgt sich häufig unsere Angst, das Leben nicht kontrollieren zu können und ihm passiv ausgeliefert zu sein.
Durch diese Rastlosigkeit verpassen wir einzigartige und unwiederbringliche Gelegenheiten in unserem Leben und viele wertvolle Momente mit den Menschen, die wir lieben. Das habe ich zwischenzeitlich erkannt. Und deshalb haben viele Dinge, die mir in der Vergangenheit noch so furchtbar wichtig erschienen und denen ich rastlos hinterher jagte, zwischenzeitlich an Bedeutung verloren.
Wer sich darin übt, erst einmal wahrzunehmen, was ist, bekommt mit der Zeit ein besseres Verständnis für das, was in der jeweiligen Situation nötig und möglich ist. Aus diesem Verständnis heraus zu handeln ist weit effektiver als dieser rastlose Aktionismus, mit dem wir das Leben zu kontrollieren suchen. Dies beinhaltet auch, sich um sich selbst zu kümmern. Wir können uns auf Dauer nicht um andere und um die Belange der Welt kümmern, wenn wir es nicht einmal schaffen, angemessen für uns selbst zu sorgen. Nicht-Tun ist also weit davon entfernt, passiv zu sein. Diese Augenblicke des Nicht-Tuns sind die größten Geschenke, die ein Mensch sich selbst machen kann. Sie lehren uns die Gelassenheit, sich dem Fluss des Lebens, der unablässig Neues formt, anzuvertrauen.


Dr. Linda Lehrhaupt leitet das Institut für Achtsamkeit und Stressbewältigung und ist seit 1983 als Dozentin und Ausbilderin im Bereich achtsamkeitsbasierter Ansätze tätig. Die autorisierte Zen-Lehrerin in der Open Mind Zen-Schule leitet europaweit Retreats in Zen- und Achtsamkeitsmeditation. Weitere Informationen: www.institut-fuer-achtsamkeit.de

Buchtipp:
Linda Lehrhaupt. Die Wellen des Lebens reiten. Mit Achtsamkeit zu innerer Balance. Herausgegeben von Christa Spannbauer. Kösel, 2012.


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