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Ausgabe April 2013
Buchauszug aus "Yoga und Meditation" von Cyndi Lee

Yoga und Meditation gehören zusammen wie Körper und Geist. Die erfahrene Yogalehrerin Cyndi Lee beschreibt in ihrem neuen Buch genau diesen Zusammenhang. Ein Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

1972 nahm ich erstmals Yogaunterricht, um leicht an einen Sportschein im College zu kommen. Keine andere sportliche Betätigung hatte mir jemals in solchem Ausmaß das Gefühl vermittelt, gereinigt zu sein, so als hätte ich von innen heraus eine Dusche genommen, und das gilt auch heute noch für mich – selbst nach zwanzig Jahren professionellem Tanz. Ich hatte inspirierende Lehrerinnen und Lehrer und war hochmotiviert. Schon nach kurzer Zeit konnte ich meinen Atem über eine Minute anhalten oder fünf Minuten im Kopfstand bleiben. Es hatte mich gepackt.
Dennoch geriet die „spirituelle“ Seite bei mir ins Hintertreffen. Ich erfasste sie einfach nicht, oder, wie ein Freund von mir sagte, sie erfasste mich nicht. Meine Lehrer zitierten Patañjali, dem das Yogasutra zugeschrieben wird: „Yoga ist, wenn die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen.“ Dann schalteten sie das Licht aus und sagten: „Schließt die Augen und bewegt keinen einzigen Muskel!“ Sie setzten sich sehr aufrecht hin, ihre Lider senkten sich, und dann schienen sie irgendwie in eine große Wolke der Glückseligkeit einzutauchen. Ich versuchte es ebenfalls, aber die Bewegungen meines Geistes legten sich nicht. Ich hatte viele Gedanken, und nicht nur glückliche. Nach all den detaillierten Anleitungen, wie ich mit meinem Körper arbeiten sollte, fühlte ich mich nun – ohne Informationen, die sich auf meinen Geist bezogen – im Stich gelassen. Ich tat mein Bestes, um mich zumindest wohl zu fühlen, doch dann war der Unterricht schon wieder vorbei. Als ich die Straße hinunterging, war zwar mein Körper stark, sauber, frisch und offen, aber ich fühlte mich dennoch unzulänglich und unausgeglichen.
Es stellte sich heraus, dass meine Erfahrung gar nicht so ungewöhnlich war. Die meisten Praktizierenden sind zwar nach dem Yogaunterricht körperlich besser in Form als vorher, aber ihr persönliches Erwachen ist unter Umständen immer noch schwer fassbar für sie. Yogastellungen zu üben ist zwar eine einzigartige Methode, Muskeln zu stärken, die Atmung zu verbessern, Toxine zu bereinigen und das Nervensystem zu beruhigen, doch das Gefühl harmonischer Verjüngung am Ende der Unterrichtsstunde löst sich unter Umständen schnell wieder auf, sobald die Füße wieder auf dem Pflaster vor dem Eingang zum Yogastudio stehen. Der Körper der Praktizierenden verändert sich, doch ihr Geist ist immer noch sprunghaft, ihr Herz immer noch unter Schichten von Anspannung und Furcht begraben.
Immer wieder habe ich als Lehrerin gesehen: Wenn Sie eine Persönlichkeit des Typs A sind, werden Sie Ihre Yogapraxis mit derselben Aggressivität und demselben Konkurrenzgeist betreiben, die auch ihr sonstiges Leben prägen. Wenn Sie eher nachlässig sind, spiegelt es sich ebenfalls in Ihrer Yogastellung wider. Sind Sie leicht zu frustrieren, kann diese Neigung durch die Herausforderungen der Yoga-Asana-Praxis sogar noch verstärkt werden. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass die körperliche Hatha-Yoga-Praxis allein als Medizin nicht stark genug ist, um derartige Verhaltensmuster in der Welt von heute zu verändern.
Meine Unzufriedenheit mit dem Yoga rief bei mir eine unbestimmte Sehnsucht nach mehr hervor, ein trauriges Gefühl der Leere. Die Empfehlung meines Vaters kam mir wieder in den Sinn, bei schlechter Stimmung solle man etwas tun, was einem anderen Menschen hilft, und so begann ich nach einem Weg zu suchen, wie ich den Fokus von mir ablenken und dennoch ich selbst bleiben konnte. Ich hatte etwas über Maitri gelesen, den Aspekt der liebenden Güte im Tibetischen Buddhismus, und es drängte mich, mehr darüber herauszufinden. Als daher ein Freund mich einlud, an einem Retreat teilzunehmen, bei dem Seine Heiligkeit der Dalai Lama lehrte, ging ich hin. Es war ein zweiwöchiges Intensiv-Retreat. In der ersten Woche wurde langsam vorgegangen, mit Übersetzern, die uns Westlern die Lehren dieser großen Lamas erklärten. Einige Lehrer trugen Straßenanzüge, einige kunstvolle Gewänder und exotische Haartrachten. Ich hatte keine Ahnung, wer sie waren oder was sie sagten, aber es gefiel mir, dort zu sein. In der zweiten Woche erklärte Seine Heiligkeit, was es heißt, ein Bodhisattva zu sein – jemand, der sein Leben der Aufgabe widmet, anderen zu helfen – und ohne Zögern legte ich das Bodhisattva-Gelübde ab.
In der Eingangshalle war ich überrascht zu erfahren, dass ein anderer Freund, Rudy Wurlitzer, sich ebenfalls dort aufhielt und seit langem Schüler des Buddhismus war. Ich war dankbar, als er mich unter seine Fittiche nahm und mich zu Lehrvorträgen in der Stadt mitnahm. Unablässig wiederholte er: „Ich glaube, Gelek Rinpoche ist der richtige Lehrer für dich, aber ich weiß nicht, wann er in New York City ist.“ An einem Abend wenig später besuchte ich meinen Freund Philip Glass, und bevor ich ging, schrieb er mir eine kurze Notiz auf die Rückseite eines Blatt Papiers und faltete es. Ich wusste nicht, dass Phil ein Schüler von Gelek Rinpoche war, aber als ich zu Hause seine Notiz öffnete, entdeckte ich, dass sie auf der Rückseite einer Mitteilung stand, die die nächste Veranstaltung mit Gelek Rinpoches in New York ankündigte. Ich rief Phil an und fragte: „Meinst du, es wäre okay, wenn ich dort hinginge?“ – „Ich glaube sogar, es bedeutet, dass du hingehen sollst!“, war seine Antwort. Natürlich tat ich das, und als ich mich Rinpoche vorstellte, schien er meinen Namen bereits zu kennen. Ich hatte meinen Lehrer gefunden.

Buddha-Geist - ruhiges Verweilen
In letzter Zeit fühle ich mich ein wenig schuldig, wenn ich Anfängern Yoga beibringe – besonders wenn sie von einem Ort, an dem es kalt ist, und von einer stressreichen Arbeit zu einem schönen, warmen Retreat in die Karibik gereist sind. Und noch mehr, wenn sie vom Bild einer gesunden, strahlenden Yogini am Strand angelockt worden sind, die – oh! – so glückselig und heiter aussieht. Ich gebe nun eines der bestgehüteten Geheimnisse der Welt preis:

Yoga zu üben ist nicht dasselbe wie Entspannung!

Mir ist klar, dass diejenigen, die auf der Suche nach einer siesta-ähnlichen Yoga-Erfahrung zu Retreats kommen, möglicherweise enttäuscht sind, aber den eigenen Körper auf den Kopf zu stellen, von innen nach außen zu drehen und anschließend sogar drei oder vier Atemzüge lang in dieser Position zu bleiben, ist einfach kein Zuckerschlecken – ganz zu schweigen davon, sich wieder aus verschlungenen „Brezel-Haltungen“ zu lösen. Was diese Leute im Grunde suchen, ist ein vollkommener Windhauch, der die große, gemütliche Hängematte, in der sie ein Nickerchen machen, leicht in Schwingung versetzt, während die Wellen als beruhigende Hintergrundbegleitung sanft ans Ufer wogen - das ist entspannend.
Die Yoga-Asana-Praxis ermöglicht zwar die Erfahrung von mehr Weite im Körper, doch das erfordert Zeit und Geduld. Solange die Yogini am Strand nicht mit bewusster Achtsamkeit und Leichtigkeit praktiziert, verblasst jegliche äußere Annehmlichkeit – Strand, Himmel, Wasser –, sobald ihr Rücken sich verspannt, denn ihre gesamte innere Erfahrung dreht sich nur noch um ihr Missbehagen. Die Antwort liegt, wie sich herausstellt, nicht darin, die äußere Umgebung zu ändern, in der wir uns befinden, sondern darin, dass wir die innere Umgebung unseres Geistes verstehen. Es heißt, unser Geist sei wie das Wetter – wechselhaft, und wir können ihm nicht entkommen.


Die Autorin Cyndi Lee praktiziert und lehrt seit Jahrzehnten sowohl Hatha Yoga als auch tibetischen Buddhismus. Sie schreibt neben Büchern auch regelmäßig Artikel für Yoga- und Buddhismus-Zeitschriften, gibt weltweit Kurse und bietet seit Jahren auch eine Yogalehrer-Ausbildung in Europa an.

Buchtipp:
Cindy Lee: Yoga für den Körper – Buddha für den Geist, 216 Seiten, Broschur, Theseus Verlag, Bielefeld 2012


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