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Ausgabe April 2013
Yoga ist gut. Von Wolf Schneider


Yoga boomt im Westen. Und nicht nur dort: In einem Blog für Japanbesucher lese ich gerade, dass Yoga auch dort seit Jahrzehnten boomt, besonders bei Frauen, und dass es Menschen anzieht, die in Form bleiben wollen, ohne das Schwitzen des Joggens oder noch anstrengendere Workout-Routinen auf sich nehmen zu müssen. Von Indien aus hat der Buddhismus einst große Teile Asiens überrollt, und wieder einmal ist heute eine in Indien, dem Subkontinent der großen Religionen und religiösen Bewegungen wurzelnde Philosophie und Praxis dabei, die Welt im Sturm zu erobern. Richtig? Nicht ganz.

Halbwegs indisch
Das heute im Westen bekannte Yoga ist nämlich nur zur Hälfte indischen, zur anderen westlichen Ursprungs. So wie auch TCM, die „Traditionelle Chinesische Medizin“ nicht „traditionell chinesisch“ ist, sondern das nur ungefähr zur Hälfte: TCM ist ein Produkt von Mao, der damit die Vorzüge der modernen, westlichen Medizin, die ihm für sein Land als viel zu aufwändig und kostspielig erschien, mit einer vereinfachten Version der Medizin seines Landes, die ihm als zu kompliziert erschien, zu verbinden suchte. Und so ist auch das heutige Yoga etwas, das – entstanden im 19. und 20. Jahrhundert im damals britischen Indien – als Fusion aus West und Ost entstanden ist. Aus westlicher Gymnastik, mit einem deutlichen Einfluss von Bodybuilding, und dem traditionellen indischen Hatha-Yoga, dem Yoga der Asanas (Körperstellungen), was ja nur ein minimaler Teil des indischen Yoga ist.

„Nur“ körperlich?
Das geistige Yoga, die Philosophie der Einheit (das Wort bedeuted soviel wie „Verbindung“, „Vereinigung“, „Anbindung“, es ist verwandt mit dem deutschen Wort „Joch“) spielte bei dieser Fusion keine so große Rolle. Heutige indische Philosophen rümpfen darüber noch immer gerne die Nase: Ein Yoga, das nur körperlich ist? Das kann nicht wirklich indisch sein, bei all der Körperverachtung, die über die Jahrtausende so sehr zur indischen Kultur gehörte. Auch der bengalische Gelehrte Sri Aurobindo nannte seinen Weg einen Yoga-Weg (seine umfangreiche Korrespondenz wurde in drei Bänden als „Briefe über Yoga“ veröffentlicht), aber dass er dabei auf einer Matte ins Schwitzen gekommen wäre, kann man sich bei ihm kaum vorstellen. Der 2009 verstorbene indische Advaita-Lehrer Ramesh Balsekar, ein Schüler des „Bidi-Baba“ Nisargadatta Maharaj, hingegen versuchte sich in jungen Jahren als Body-Builder.

Yoga als Bonus bei Bewerbungen
Das heutige Yoga, wie man es von Kursen an Volkshochschulen, Gesundheitsinstituten bis hin zu christlichen Gemeindezentren kennt, hat sich weitgehend der westlichen Fitness-Industrie angepasst. Immerhin wird dort auch noch Pranayama gelehrt, die Atemkontrolle (für die meisten wohl eher mit Betonung auf „Kontrolle“) und Meditation. Unsere Berufswelten sind stressgeprägter denn je, die meisten Arbeitsplätze sind eine schwere Herausforderung an die Belastbarkeit von Rücken und Augen, da geht es kaum mehr ohne Yoga. Bewerbungen um einen Arbeitsplatz, in denen als Freizeitaktivität Yoga angegeben wird, haben bei Arbeitgebern jedenfalls inzwischen deutlich bessere Chancen: Wer privat Yoga macht, fällt am Arbeitsplatz nicht so häufig wegen Krankheit oder gar Burn-out aus. Die Zeit ist vielleicht nicht mehr fern, in der man in die Bewerbung auch „tägliche Meditation“ hineinschwindeln muss, für eine Chance auf einen der begehrteren Arbeitsplätze, denn inszwischen ist bekannt, dass Meditierer resilienter sind.

Yoga ist normal geworden
Doch, Yoga ist gut. Auch ich praktiziere Yoga täglich. Ich mache es auf meine Art: Ich bewege und dehne und strecke mich dabei so, wie es mir gut tut, und „um diese Gymnastik ein bisschen aufzuwerten“ nenne ich sie Yoga. Wenn ich mal ein paar Stunden im Zug sitzen muss und möchte mich dann dehnen und strecken, tue ich das einfach, fast egal wer sonst noch mit im Abteil sitzt. Vor dreißig Jahren löste das noch viel größeres Staunen bei den Mitreisenden aus, dass sich einer sowas traut. Heute kaum mehr, auch das ist dem Yogaboom zu verdanken. Yoga ist normal geworden.

Kapitalismuskompatible Wege
Trotzdem spotte ich gerne ein bisschen über Yoga. Nicht weil es eine Massenbewegung geworden ist, das darf es gerne. Wenn Meditation, Pazifismus, Veganismus und Yoga Massenbewegungen werden, was könnte uns und unserem Planeten Besseres passieren! Sondern weil erstens das heutige Yoga unserer Fitnesskurse ungefähr so viel mit dem klassischen indischen Yoga zu tun hat wie Winnetou mit den Indianern Nordamerikas. Und weil es mich zweitens ärgert, dass spirituelle Praktiken sich nur dann bei uns durchsetzen, wenn sie kapitalismuskompatibel sind. Alles andere erreicht für den Mainstream keine Relevanz. Warum hat sich das positive Denken im 20. Jahrhundert weltweit so stark durchsetzen können? Es ist ja keine besonders intelligente Art, alles Negative einfach zu übergehen, damit es dann – nicht immer, aber doch überwiegend – auf der Schattenseite der Psyche sein Unwesen treibt.

Positives Denken
Der Grund für den Erfolg des positiven Denkens ist, dass es perfekt zum Kapitalismus passt und diesen von aller Mitschuld an sozialem und anderem Elend freispricht. Wenn du dich in unserer Gesellschaft mit deinem Ding nicht durchsetzen kannst, hast du wohl nicht positiv genug gedacht, nicht intensiv genug gewünscht, dir nicht klar genug gemacht, was du wirklich willst und dich nicht stark genug darauf fokussiert. Danke für den Hinweis! Ich fokussiere mich seit 28 Jahren auf eine kleine Zeitschrift namens Connection und gebe all mein Herzblut da hinein, all mein Geld und alle meine Zeit – wenn auch nur fünf Prozent der Philosophie des positiven Denkens richtig wären, müsste diese Zeitschrift inzwischen, bei all der Unterstützung, die ich dafür in diesen Jahren bekommen habe, mindestens 100.000 Stück pro Ausgabe verkaufen. Sie verkauft nicht mal ein Zehntel davon. Sie hat sich dem System nicht angepasst.

Assimilieren können
Doch zurück zum Yoga. Yoga ist gut, aber es ist halt so, dass der Mainstream unserer Gesellschaft nur das annimmt, was zu ihm passt. Das nicht Passende wird passend gemacht, oder es bleibt irrelevant. Das machen andere Gesellschaften allerdings auch. Die indische Gesellschaft hat über die Jahrtausende als unerschöpflicher Schmelztiegel alles in sich aufgenommen, was die Invasoren so mitbrachten: Vom Kastensystem der einwandernden Arier über die islamische Frauenverachtung bis zur Prüderie des britischen Raj, und heute sind es westliche Moden, die in Indiens High Society den Ton angeben.
Auf jeden Fall ist es gesünder, auch über Yoga positiv zu denken! Möge es vielen Menschen Gesundheit und Entspannung bringen, und für den einen oder anderen sogar den ersten Einstieg in Meditation!


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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