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Ausgabe März 2013
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Sehnsucht


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Freud schrieb kühn, der Traum wäre eine Strategie der Erfüllung von Wünschen, die man sich im Alltagsleben nicht zu erfüllen wagt. Ob das für alle Träume zutrifft, wage ich zu bezweifeln, aber zweifellos drücken viele Träume einen Wunsch aus. Mit anderen Worten, Träume sind oft Ausdruck einer Sehnsucht des Träumers.
Einige von uns sind von der romantischen Sehnsucht nach der idealen Beziehung besessen, die dafür blind macht, dass es für die Liebesauffassung der Romantiker typisch war, dass die Liebe auf der Ebene der Sehnsucht bleibt. Die Dichter der Romantik waren weise genug, eine Erfüllung dieser Sehnsucht auszuschließen.
Eines der berühmtesten Werke der Romantik ist das Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis. Dieser Roman prägte den Begriff von „der blauen Blume der Romantik“, aber nicht nur das, er beginnt mit einem Traum des Protagonisten. Ein schönes Mädchen (die Tochter des Zauberers Klingsor) erscheint in einer blauen Blüte. Als ich dieses Werk zum ersten Mal las, war ich verblüfft, wie häufig zu Beginn des Romans die Farbe Blau genannt wird, bis mir ein Licht aufging, dass Blau die klassische Symbolfarbe der Sehnsucht darstellt. Blau ist das Ferne, nach dem man sich sehnt und so spricht dieser literarische Traum das Thema dieses Romans an: Die Sehnsucht des Helden nach der idealen Frau und somit nach der erfüllenden Verbindung. Novalis war jedoch klug genug, es nicht zu dieser Verbindung kommen zu lassen. Konnte er auch nicht, würde C.G. Jung sagen, denn es handelt sich bei diesem Traumbild der Frau um eine Animafigur, um ein Ideal, das nicht auf der Ebene der Realität besteht, das also nicht alltagstauglich ist. Ein Inneres ist gemeint, wie zumeist im Traum, also die weibliche Seite des Helden. Dass solche Sehnsüchte nicht erfüllt werden können, zeigt sich zudem in der bei den Romantikern so beliebten Fragmentform.
Solche Sehnsüchte nach dem idealen Partner wurden bisweilen populistisch trivialisiert in dem Versprechen, es gäbe einen Seelenpartner, den man nur noch nicht getroffen habe. Jung würde sich im Grabe umdrehen, angesichts derart inflationärer Ansichten.
Kurz und gut, wer das Glück sucht, sollte sich mit der Sehnsucht begnügen, wie der Traum von Heinrich von Ofterdingen uns lehrt.


Der Autor Klausbernd Vollmar führt einen vielbeachteten Blog http://kbvollmarblog.wordpress.com. Auf seiner Website www.kbvollmar.de finden Sie seine Buchveröffentlichungen und Veranstaltungstermine.


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