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Ausgabe März 2013
Mit Buddha zu innerem Frieden. Von Karuna Cayton

Wie können wir selbst zur Wurzel unserer Probleme vordringen und sie lösen? Wie lassen sich negative Denk- und Gefühlsmuster heilsam durchbrechen? Der Psychologe und praktizierende Buddhist Karuna Cayton hat dazu überzeugende Methoden entwickelt, wie wir

Mit neunzehn habe ich einmal für meinen Schwager Scott gearbeitet, der damals Leiter der Installationsabteilung einer Jalousiefirma war. Scott war ehrgeizig, er wünschte sich Erfolg, um auf der Karriereleiter voranzukommen. Für mich und meinen Freund Dave, der mit von der Partie war, handelte es sich einfach um einen Job, der ein bisschen Geld für Partys und Surfen am Wochenende abwerfen sollte. Dave mit seinem langen strähnigen blonden Surferhaar, ich im Afrolook. Wir trugen die Uniform der viel besungenen Gegenkultur der Sechziger: verbeulte Jeans, blaue Surferschuhe, unifarbenes T-Shirt. Dave sah immer wie eben erst dem Bett entstiegen aus, als hätte er in seinen Klamotten geschlafen.
Morgens wurden wir von Scott über die Aufgaben des anstehenden Tages instruiert. Einmal sagte er, er müsse kurz weg und wir sollten doch bitte solange sein Büro beaufsichtigen. Das taten wir. Immer wieder kamen Anrufe, und so gut es ging, setzten wir uns mit Kunden und ihren Fragen und Beschwerden auseinander. Dann überließ ich Dave den Laden und machte mich daran, die Dinge für die Montagearbeiten des Tages zusammenzusuchen. Doch Dave das Telefon zu überlassen, hieß wirklich, den Bock zum Gärtner zu machen. Das konnte nicht lange gutgehen, aber es war ja nur vorübergehend.
Als Scott und ich gleichzeitig, aber durch verschiedene Türen ins Büro zurückkamen, stand Dave mit einer in die Hüfte gestemmten Hand da, die andere drückte ihm den Hörer ans Ohr. Er schrie: »Was? Sie meinen, Sie haben Probleme? Hören Sie mal, meine Dame, jeder hat Probleme, absolut jeder!!« Dann knallte er den Hörer auf die Gabel, sah Scott an, der aschfahl geworden war, und schnaubte: »Diese Leute … das ist ja nicht zu glauben!«
Was Dave da aussprach, war eine der ersten großen Lektionen meines Lebens und eine der tiefsten. Buddha hat vor über zweitausendfünfhundert Jahren etwas ganz Ähnliches in seiner ersten Lehrrede gesagt. Nach vielen Jahre des asketischen Lebens und der Meditation hatte sich ihm diese Wahrheit erschlossen: Das Leben ist seiner Natur nach leidvoll. Jeder hat Probleme.
Es kommt darauf an, was wir mit ihnen machen.

Die vier edlen Wahrheiten
In der ersten Zeit nach seiner Erleuchtung zögerte Buddha, seine Erfahrungen mitzuteilen. Es war natürlich nicht so, dass er sie für sich behalten wollte. Er wusste einfach nur nicht, wie etwas mitgeteilt werden konnte, das nicht in Worte zu fassen war. Und selbst wenn es ihm gelänge, sich mitzuteilen, wer würde ihn verstehen, der nicht selbst diese Erfahrung gemacht hatte?
Es war aber nicht von der Hand zu weisen, dass seine ruhige Gelassenheit und echte Herzlichkeit die Menschen tief beeindruckten, und so gelangte er nach einiger Zeit zu dem Schluss, dass es doch richtig war, seine Erfahrung mitzuteilen, seine Weisheit weiterzugeben. Er glaubte jedoch immer noch, dass nur ganz wenige Menschen etwas mit seinen Mitteilungen würden anfangen können. So gab er schließlich seine erste Unterweisung, in der es der Überlieferung nach um die »vier edlen Wahrheiten« ging. Es sind diese vier Wahrheiten (die ich hier in einer gegenüber den alten Texten leicht erweiterten Form wiedergebe):


1. Leben heißt leiden. Leben ist seiner Natur nach Leid.
2. Leid kommt von Anhaftung oder Festhalten aufgrund falscher Wahrnehmung. Leid ist kein Zufall, es hat Gründe oder Ursachen.
3. Leid kann überwunden werden. Es gibt einen glückseligen Zustand der Freiheit von Leiden.
4. Es gibt einen Ausweg, einen Pfad, den man gehen kann, und dieser Pfad lässt sich genau beschreiben.


Die erste Wahrheit wird traditionell die »Wahrheit vom Leiden« genannt. Sie besagt, dass alle Lebewesen körperliche und seelische Schmerzen erfahren. Alles kann sich jederzeit ändern, nichts bewahrt uns zuverlässig vor Schmerzen und Problemen. Nichts ist dauerhaft , auch unsere Freuden sind es nicht, unsere Freunde nicht, unsere Lieben nicht, unsere Leistungen und Errungenschaften nicht – Enttäuschungen sind, wie man so sagt, vorprogrammiert. Alles ist vergänglich.
Als ich zum ersten Mal von den vier edlen Wahrheiten der buddhistischen Lehre hörte, war ich über die Tatsache beunruhigt, dass der Buddha das Leiden als Wahrheit bezeichnete. Eine Wahrheit ist sicher mehr als eine Vorstellung, eine Theorie, ein Prinzip. Der leidvolle Charakter des Lebens musste wie die Wahrheiten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung etwas »Offensichtliches« sein. Das schmeckte mir nicht, denn wenn es sich um eine Wahrheit handelte, konnte ich nicht einfach anderer Meinung sein. Niemand kann fliegen, nur weil er die Wahrheit der Schwerkraft ablehnt. Es steht uns nicht frei, die Schwerkraft nach Belieben zu akzeptieren oder zu missachten. Wenn also das Leiden eine Wahrheit war wie die Schwerkraft, oblag es mir, mich damit auseinanderzusetzen.

Die zweite edle Wahrheit bezeichnet die Grundursache des Leidens, nämlich unser Wünschen beziehungsweise das Haften an unseren Wünschen und darüber hinaus unser Nichtwissen um das wahre Wesen der Dinge. Dem Buddha war aufgefallen, dass Menschen ihre Probleme als Zufallsereignisse auffassen und die Natur und die Ursachen ihrer Probleme meist falsch verstehen. Haben wir einmal erkannt, dass alle Schwierigkeiten Ursachen haben und wir sie nur richtig zuordnen müssen, können wir uns nach und nach und schließlich auf Dauer von den daraus resultierenden Leiden befreien. Letztlich beschwören wir alle unsere Probleme dadurch herauf, dass wir auf vergängliche äußere Dinge aus sind, die uns glücklich machen sollen. Und das bezieht sich nicht allein auf Autos, Jobs, Liebesbeziehungen, Familie, Einkommen und dergleichen, sondern auch auf unsere Gedanken und Vorstellungen. Wir hängen an unserem Ich-Gefühl, wir hängen an unserem Weltbild, und das führt dazu, dass wir leiden.

Die dritte edle Wahrheit besagt, dass wir ein Leben in Frieden und Freude, ein Leben ohne Kämpfe finden können, wenn wir nur die Ursachen unserer Probleme aufspüren und bereinigen. Wenn die Ursachen unserer Leiden aus der Welt geschafft sind, dann natürlich auch die Folgen, und von da an kann es uns nur noch gut gehen.

Mit der vierten edlen Wahrheit schließlich zeigt Buddha auf, wie wir dorthin gelangen können. Sich einfach Glück zu wünschen, das ist noch nicht der Weg zum Glück. Alle Lebewesen möchten glücklich sein und verbringen jeden Augenblick ihres Lebens mit der Suche nach Glück. Trotzdem bleibt dieser Zustand anhaltenden Wohlbefindens irgendwie ungreifbar. Warum ist das so? Weil wir den wirklichen Ausweg noch nicht kennen. Aber es gibt zutreffende Lehren, es gibt Methoden, die wirklich funktionieren, und das dauerhaft.

(Auszug mit Erlaubnis des Verlages)

Der Autor Karuna Cayton ist Amerikaner und lebte 12 Jahre in Nepal, wo er Schüler von Lama Yeshe und Lama Zopa Rinpoche war. Nach seiner Rückkehr in die USA verband er sein buddhistisches Wissen mit psychotherapeutischen Methoden und arbeitet nun seit über 20 Jahren als Coach und Therapeut.

Buchtipp
Karuna Cayton, Mit dem Geist eines Buddha - Warum wir unsere Probleme selbst erschaffen und wie wir sie lösen. Praxisbuch der buddhistischen Psychologie, Deutsche Erstausgabe, 272 Seiten, € 17,99, Lotos


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