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Ausgabe März 2013
Dharma Punx. Von Noah Levine, Buchauszug

„Dharma Punx ist meine Geschichte“, sagt Noah Levine. Eine Geschichte über seine Generation: die Punks, die Kids, die in Zeiten Reagans, Thatchers und des Kalten Krieges mit der ständigen Bedrohung nuklearer Vernichtung überall auf der Welt nach Sinn und

Ich suchte nach einem anderen Weg als dem meiner Eltern. Ich lehnte Meditation und den ganzen spirituellen Scheiß, auf dem sie ihr Leben aufbauten, total ab. Wenn wir uns die einst so idealistische Hippie-Generation vor Augen hielten, die längst ihre Haare abgeschnitten, die Kommune verlassen und sich dem System angepasst hatte, wurde uns klar, dass Frieden und Liebe die Welt überhaupt nicht verändert hatten. Aus unserer Verzweiflung darüber und dem Verlust jeder Hoffnung entstand die Punkrock-Bewegung. Wir wollten gegen den Pazifismus unserer Eltern und gegen das faschistische, auf Unterdrückung und auf kapitalistischer Propaganda beruhende Gesellschaftssystem rebellieren und taten das auf unsere Weise, anders als die, die vor uns da waren; wir wollten eine neue Revolution für eine neue Generation auslösen. Wir waren uns der Korruption in unserer Regierung und der Ungereimtheiten in den Machtverhältnissen im eigenen Zuhause schmerzlich bewusst und rebellierten in einem einzigen lauten und schnellen Aufschrei jugendlicher Angst gegen unsere Familien und die Gesellschaft. Wir wollten uns nicht dem Diktat des Systems beugen und rebellierten, wo wir nur konnten. Wir verlangten Freiheit und waren bereit, dafür zu kämpfen.
Noch verschlimmert wurde die Lage durch die persönliche Verzweiflung, die ich und so viele andere Menschen meiner Generation verspürten: kaputte Familien, süchtige Eltern, nutzlose Lehrer und ein völliger Mangel an Älteren, die uns als Vorbild hätten dienen können. Den meisten unserer Eltern fehlte die Zeit, sich mit uns zu beschäftigen: sie mussten mit den Nachwehen der sechziger Jahre klarkommen oder sich in den Siebzigern und Achtzigern im Wettbewerb um Wohlstand behaupten.
Meine eigene Mutter kämpfte gegen die Sucht, litt unter zwei zerbrochenen Ehen und gab dennoch ihr Bestes, um ihre vier Kinder großzuziehen. Mein Vater hatte sich seiner spirituellen Praxis so sehr verschrieben, dass er es manchmal nicht schaffte, sich so um mich zu kümmern, wie ich es wohl gebraucht hätte.
Also geriet ich wie viele andere auf die Straße, angetrieben von der Musik der Revolution, von Zorn, Angst, Furcht, Verzweiflung, Hass und der totalen Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Wir färbten unsere Haare oder rasierten uns den Kopf, legten eine neue Uniform an, die uns von der geistlosen Masse der Erwachsenen und den hirntoten Herden von Kids unterscheiden sollte, die sich weiter belügen ließen, an die große amerikanische Illusion glaubten, Sport trieben, zur Schule gingen und sich die furchtbare Popmusik der Achtziger mit ihren sinnfreien Texten reinzogen, die nur ein weiteres Symptom der Apathie und des Materialismus war, an denen unsere Gesellschaft krankt.
Der einzige gangbare Ausweg aus dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung schienen Drogen und Alkohol. Viele von uns griffen schon als Teenager zu Betäubungsmitteln. Wir aßen LSD wie Schokolade und soffen billigen Wodka um die Wette, rauchten ganze Wagenladungen Gras, schütteten literweise billiges Bier in uns hinein, und alles nur in dem vergeblichen Versuch, uns zu betäuben und betäubt zu bleiben. Unsere Lebensanschauung war nihilistisch. Am Rande der Mainstream-Gesellschaft waren wir ein beständiges Ziel von Gewalt und Hohn. In unserem Kampf ums Überleben, im Kampf für unsere Ansichten und das Recht, anders zu sein, waren wir ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt, wenn nicht mit der Polizei, dann schlugen wir uns mit den Jocks oder Hicks oder eben miteinander.
Dieses von Drogen und Gewalt bestimmte Leben brachte vielen den frühen Tod: durch eine Überdosis, durch Mord, durch einen Autounfall und unzählige Male durch Suizid. Tod und Trauer waren immer gegenwärtig im Leben all jener Kids, die der frühen Punkrock-Szene angehörten. Unsere Vorbilder waren Sid Vicious und Darby Crash, unser Ziel war es, schnell zu leben, jede Menge Drogen zu nehmen und auf das System zu scheißen, indem wir jung starben. Die Hälfte der Kids aus den Punk-Banden, mit denen ich in den Achtzigern rumhing, ist inzwischen tot.
Dieses Buch handelt von denjenigen, die nicht jung gestorben sind und immer noch leben, aber nicht von denen, die überall erzählen, der Punk sei nur eine „Phase“ unserer Teenager-Zeit gewesen. In Dharma Punx geht es um diejenigen von uns, die sich, motiviert von derselben Unzufriedenheit mit dem Leben, die uns einst zur Punkrock-Szene stoßen ließ, inzwischen eine spirituelle Praxis als gewaltlosen Weg der Revolution gewählt haben. Es ist eine wahre Geschichte darüber, wie ich durch Meditation und den Dienst an der Gemeinschaft endlich genau jene Freiheit fand, nach der ich mich als junger, idealistischer Punkrocker so gesehnt hatte. Nachdem wir eingesehen hatten, wie nutzlos Drogen und Gewalt sind, fanden ich und andere von uns positive Wege, gegen die Lügen der Gesellschaft aufzubegehren. Immer noch treibt uns der Zorn über die Ungerechtigkeit und das Leiden an, aber heute nutzen wir diese Energie, um unsere eigene natürliche Weisheit und unser Mitgefühl zu erwecken, anstatt uns selbst zu zerstören.
Das hier ist keine erfundene Geschichte von romantischem Leid, auch keine Hollywood-Liebesgeschichte. Hier geht es um echte Menschen, echten Verlust und echtes spirituelles Wachstum. Es ist eine Geschichte über Transformation, die Transformation eines Teils einer Generation, die oft Generation X genannt wird, die inzwischen ihren Sinn und ihre Erfüllung in der spirituellen Praxis und im Dienen gefunden hat. Hier schließt sich ein Kreis: vom Aufenthalt in Erziehungsheimen zum Unterrichten der Meditationspraxis in solchen Heimen, von Raub und Diebstahl zum Geben und Vergeben.


Autor Noah Levine ist buddhistischer Lehrer, Berater und Autor, der viel in Jugendzentren und Gefängnissen arbeitet. Ausgebildet von Jack Kornfield und weiteren Lehrern der Theravada- und Mahayana-Tradition steht er für einen authentischen Stil, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er lebt in San Francisco. www.noahlevine.com, www.dharmapunx.com

Buchtipp
„Wie wir die Freiheit gefunden und dann den Rest unseres Lebens damit zugebracht haben, sie wieder loszulassen ...“
Noah Levine, Dharma Punx - Weg ins Leben, € 17,95, AURUM


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