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Ausgabe März 2013
Beitragsreihe 2013 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Pulsatilla – die Küchenschelle

Das JA zu mir und das JA zum Sein - Andreas Krüger mit dem dritten Teil seiner Beitragsreihe über wichtige homöopathische Heilmittel, erläutert anhand seiner eigenen biografischen Erfahrungen.

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H. Schäfer: Bei unserer letzten Begegnung ging es um Calcium carbonicum, das bei Ihnen den ersten Impuls setzte, dass alles so richtig ist, wie es ist und vor allem, wie Sie sind. Welches Mittel haben Sie als nächstes auf dem Weg in Ihre Kraft kennen gelernt?
A. Krüger: Pulsatilla vulgaris – die Küchenschelle. Der Begriff leitet sich von der Schelle ab, also der Glocke, die die kleine Kuh trägt. Und die bläulich-violette Blüte der Pflanze sieht auch tatsächlich wie eine Glocke aus. Das Arzeneimittel Pulsatilla hat in der Tat viel mit Kühen zu tun: mit Reproduktion, mit Fruchtbarkeit, mit Mütterlichkeit, mit Hingabe und auch mit Butterunverträglichkeit oder Butterverlangen. Auf den ersten Blick also ein Mittel, das eher Frauenthemen anspricht als Männerprobleme.
Und wie sind Sie zu Pulsatilla gekommen?

Vor vielen Jahren war ich drei Tage bei meinem Freund und Arzt Reinhold Tögel zu Besuch und bat ihn im Laufe meines Aufenthaltes um ein homöopathisches Mittel für mich. Wir hatten keine klassische Anamnese gemacht, aber er fragte mich ein bisschen aus. Ich erzählte ihm, dass ich unter meiner Entscheidungs-Schwerfälligkeit litt – sei es die umfangreiche Speisekarte im Restaurant, das Urlaubsziel oder sogar, was ich morgens anziehen sollte. Am liebsten hatte ich es, wenn meine Frau bestimmte, wohin wir in den Urlaub fuhren, was in den Koffer kam und in der Taverne Gyros zu essen. Diese Entscheidungsschwäche kannte ich schon lange – wahrscheinlich auch aus Konfliktvermeidung, denn wenn jemand sagt „Ich will“ muss er damit rechnen, dass jemand anderes sagt „Und ich will nicht!“. Für mich war Zurückweisung unerträglich, denn ich wollte, dass man mich lieb hat. In diesem Sinne wünschte ich mir etwas mehr Mut und Männlichkeit. Außerdem litt ich unter Heuschnupfen und was auch noch ein Problem war: Ich fand mich nicht schön. Ich war zu rundlich, hatte zu viel Busen und war mit meiner emotionalen Fülle einfach kein Held. Reinhold hörte sich das alles an, während wir in seiner Küche saßen und ich mir eine dicke Scheibe Brot mit einer dicken Schicht Butter bestrich. Er war Veganer – aß also keine tierischen Produkte, hatte aber für mich Brot und Butter gekauft – und sah mir fassungslos zu, wie ich diese dicke Butterschicht auf die Stulle schmierte. Auf seine Frage, warum so dick, antwortete ich: „Stulle muss nach Kuh schmecken.“ Am nächsten Tag hatte er eine Idee und schlug mir eine Wanderung vor. Wandern war noch nie meine Lieblingsbeschäftigung, aber er hatte sicher einen Grund. „Zieh dir mal die Schuhe aus!“ „Was, ich soll barfuss wandern?“ „Ja. Und außerdem verbindest du dir die Augen.“ „Wie bitte? Ich soll barfuss mit
verbundenen Augen wandern gehen?“ „Ja. Es ist eine Vertrauenswanderung. Ich halte dich an der Hand.“

Und haben Sie sich getraut?
Ja. Es war eine zweistündige Wanderung durch den Wald an seiner Hand – blind und barfuß – durch Moore, über Tannenzapfenfelder, über Moos. Wir haben nicht geredet, sondern nur geschwiegen. Ich wurde ganz still und ruhig und zart. Als die Wanderung fast zu Ende war, trat ich in etwas hinein, das sich warm, weich und unendlich berührend anfühlte. Ich stand mit meinem einen Fuß in etwas, das ich nicht zuordnen konnte und musste einfach weinen, weil es mich so berührte. Reinhold ließ mich da fünf Minuten stehen und weinen und irgendwann wurde mir schon klar, dass ich in einem warmen Kuhfladen stand – und es war unendlich bewegend. Später habe ich darüber nachgedacht. Kuhfladen sind für viele Kulturen der Inbegriff von Leben: Davon werden Häuser gebaut und damit wird Feuer gemacht. Die Kuh versorgt uns auf allen Ebenen. Ghandi hat einmal gesagt: „Das größte Geschenk, das die indische Kultur der Menschheit gegeben hat, ist die Verheiligung der Kuh.“ Am Ende meines Tages mit Reinhold gab er mir ein Mittel und ich wusste nicht, dass es Pulsatilla war. Erst später erklärte er mir seine Wahl: Verlangen nach Butter, Weinen beim Treten in einen Kuhfladen und Laufen wie eine Kuh. Obwohl ich ein bisschen beleidigt war, hatte er natürlich Recht. Wenn ich laufe, werfe ich meine Fußsohlen nach außen... eben wie eine Kuh.

Gab es eine Reaktion nach der Mitteleinnahme?

Ich hatte einen Traum, der mein Leben völlig veränderte und mein Jagdschema weg von den Magersüchtigen in ganz andere Bahnen lenkte. Ich träumte, dass ich in einen Tempel kam, in dessen Mitte die Göttin Germania saß: Sie war sehr korpulent und trug ein Dirndel. Was ich damals noch nicht wusste: Pulsatilla-Männer haben ein Verlangen nach Dirndeln, besonders nach hellblauen Dirndeln. Wenn Sie als Heilpraktiker einen Mann fragen, welche Frauenkleidung er liebt und er antwortet „hellblaue Dirndel“, können Sie ihm sofort Pulsatilla geben. Meine Göttin Germania saß da in ihrer ganzen Mächtigkeit und ich dachte nur: Das ist viel zu viel. Sie aber winkte mich zu ihr und bereits das bereitete mir schon leichte Atembeklemmungen. Dann nahm sie meinen Kopf und legte ihn zwischen ihren Busen. Aber dabei blieb es nicht, denn sie drückte den Kopf immer weiter nach unten und auf einmal machte es uuuuuuuusss und sie sog mich in ihren Bauch, so dass ich mit einem Mal als Embryo in ihrem Bauch schwebte. Leitsymptom von Pulsatilla ist, dass sie träumt, als Embryo im Bauch der Mutter oder im Weltall zu schweben. Es gibt so viele Bücher über Einheit und Ganzheit, mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Aber in diesem Traum erlebte ich ein Gefühl von Frieden und Einheit. Das Gefühl, dass alles in Ordnung ist – welchen dünnen oder dicken Körper wir mit uns herumtragen, ob Waschbrettbauch oder Buddhakugel – es ist alles in Ordnung.

Inwieweit hat sich dadurch Ihr Lebensgefühl verändert?
Als ich aufwachte, war nichts mehr wie vorher. Ich ging mit einem völlig neuen Blick durch die Welt, der 90% aller Frauen schön fand. Und ich traf Frauen, die mich nett fanden und die ich nett fand, die nicht magersüchtig waren. Es war ein völlig neues, anderes und herrliches Leben und da bin ich Pulsatilla sehr dankbar, dass ich das nehmen konnte, was ich bis dahin abgelehnt hatte. Denn natürlich bin ich ein Knutschkaninchen, das gerne in der Löffelchenhaltung schläft. Ich war genauso wie die, die ich verachtet hatte. Und ohne Pulsatilla wäre vielleicht nie die Leibarbeit oder der Schamanismus an unserer Schule entstanden. Pulsatilla war nach Glonomium und Calcium das JA zu mir und das JA zum Sein, so wie ich bin und so wie ich gemeint bin. Pulsatilla ist für mich eines der großen Mittel, das uns hilft, das zu gebären, was wir in unserem tiefsten kindlichen, auch weichlichen und verletzlichen Teil ebenfalls sind – und das ist etwas Wunderbares.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst.


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