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Ausgabe März 2013
Gesucht und gefunden. So manche Sehnsucht gilt dem verlorenen Zwilling; Von Bettina und Alfred Ramoda Austermann


Für viele spirituelle SucherInnen tut sich ein weiter Horizont auf, wenn sie entdecken, dass sie eigentlich nach jemanden suchen, der zu Beginn ihres Lebens, als sie im Bauch ihrer Mutter waren, eine Zeit lang ganz nah bei ihnen war. Mindestens jeder zehnte, vielleicht sogar jeder dritte hat die Reise ins Leben nicht allein angetreten. Dies kann man heute, wenn man sehr genau früh in der Schwangerschaft schaut, mit sensiblen Ultraschallgeräten erkennen.
Wenn jemand zu Beginn der Reise nicht alleine war, hat das häufig weit reichende Konsequenzen für das weitere Leben des Erwachsenen. Die einstige Nähe, die er erfahren hat, den Herzschlag des Anderen so dicht bei sich zu spüren, mit den kleinen Embryoärmchen mit dem Anderen zu spielen, die grenzenlose Liebe, die telepathische, wortlose Verbindung zum Zwilling, das Einssein im Mutterleib hinterlassen tiefe Spuren. Wenn dann der Zwilling stirbt, ist das ein tiefer Schock für den Überlebenden. Oft empfindet der Zwilling, der weiterlebt, tiefe Hilflosigkeit, Panik, Einsamkeit, das Gefühl von getrennt sein und Trauer. Diese Empfindungen begleiten ihn in seinem Leben. Der Körper und auch das Unbewusste vergessen nie, auch wenn die bewusste Erinnerung lange verblasst ist. Manche allein geborenen Zwillinge werden auch von eigenartigen Schuldgefühlen gequält, weil sie glauben, dass sie sich zu viel Platz genommen haben und den Anderen hätten retten können und müssen.
Die Sehnsucht nach dem anderen ist tief eingegraben in dem Hunger nach Verschmelzung, nach Nähe, nach Eins sein. „I can feel your heartbeat, I can feel it next to mine. I can feel your heartbeat, I can feel it all the time.” Dieser Satz aus einem Lied von Miten, der eigentlich über die Liebe zu seinem spirituellen Meister Osho singt, gibt gut die Stimmung wieder von jemandem, der diese Zwillingsnähe einmal gehabt und sehr genossen hat. Dem Erwachsenen fehlt diese Nähe und er sucht sie im Partner, in der Partnerin oder häufig auch in spirituellen Gruppen, wo es um Verschmelzung, um Vereinigung, um Eins sein mit dem Einen geht. Diese Sehnsucht nach dem Einen gilt aber nicht immer Gott, der großen Mutter oder einem verehrten Mystiker, sondern oft dem Anderen, der früher einmal da war.
Bei lebenden Zwillingspaaren ist allgemein bekannt, dass, egal was der andere tut, so weit er auch entfernt sein mag, immer eine seelische Bindung vorhanden ist. Diese endet nie, bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus. Ähnliches gilt auch für Menschen, die allein geboren, aber damals im Bauch zu zweit waren. Die Bindung zu dem Anderen bleibt erhalten und in gewisser Weise wird der Andere immer wieder gesucht, vor allem in Beziehungen. Aber auch viele spirituelle Sucher haben eigentlich einen brennenden Hunger nach dieser wunderbaren Nähe und dieser innigen Liebe, die sie damals mit ihrem Zwilling im Mutterleib erlebt haben.
Viele alleingeborene Zwillinge empfinden in ihren Beziehungen eine große Sehnsucht nach verschmelzender Nähe und wortlosem Verstehen. Diese Sehnsucht kann kein Partner wirklich stillen. Oft möchte dann einer von beiden sehr viel Nähe und ist immer auf der Suche nach Verschmelzung und der andere muss sich zurück ziehen. Manche Paare weben das „Brüderchen und Schwesterchen“ Muster und lieben sich sehr, sind aber auf die Dauer sexuell nicht erfüllt.
Steht dann eine Beziehungstrennung an, erleben viele allein geborene Zwillinge diese hochdramatisch und wie lebensbedrohend. Es erinnert an das Weggehen des Anderen damals und löst Panik und Todesängste aus und unbändige Trauer. Viele dieser starken Gefühle meinen gar nicht wirklich den Freund oder die Freundin, die sich trennt oder die fremdgeht. Sie gehören zum verlassenen Embryo oder Fötus von damals. Kein Wunder also, dass der Partner, der geht, sich nicht gesehen fühlt. Er ist nicht der Böse, auch wenn er ein schlechtes Gewissen hat.
Viele allein geborene Zwillinge lassen es aber gar nicht so weit kommen und lassen sich gar nicht erst tief auf Beziehungen ein. Vielleicht sehnen sie sich auch danach, endlich den „richtigen“ Partner oder die „richtige“ Partnerin zu finden, doch sie treffen nie den „Richtigen“. Damit bleibt man „unabhängig“ und unverletzbar. Wenn sie einen Partner wieder so nah ranlassen, wie damals der Zwilling war, meldet sich auch der Schock und der Schmerz von damals, als der geliebte Zwilling gegangen ist. Dies ist der Grund, warum so manche alleingeborene Zwillinge Nähe gar nicht erst zulassen. Ein Leben lang. Damit verzichten sie aber auch auf die Möglichkeiten der tiefen Erfüllung einer glücklichen Paarbeziehung. Solange man nicht um die Prägung durch einen verlorenen Zwilling weiß, kann man viele Beziehungsmiseren nicht verstehen.
Wenn jemand auf der Suche nach Heilung für große Lebensthemen ist, ist manchmal die Arbeit mit dem inneren Kind sehr hilfreich. Dieses ist vielen bereits vertraut. Ebenso wichtig, aber noch wenig bekannt kann es sein, mit dem inneren verlassenen Embryo von damals zu arbeiten. Man kann mit ihm freundlich in einen mitgefühlvollen Dialog kommen. Nach und nach können die Erfahrungen von damals gefühlt werden, die Liebe und Nähe und der Verlust. Man kann dem inneren Embryo oder Fötus erklären, dass seine Gefühle von Verlassenheit, Trauer, Sehnsucht, Panik und viele andere Gefühle richtig sind und für damals angemessen. Je mehr der innere verlassene Embryo oder Fötus verstanden und geliebt wird und loslässt, um so weniger boykottiert er, ähnlich wie geliebte und angenommene innere Kinder, das Leben des Erwachsenen. Hier gibt es ein großes Heilungspotenzial.

Die Autoren Bettina und Alfred Ramoda Austermann arbeiten seit rund 15 Jahren mit Menschen, die einen Zwilling verloren haben. Sie haben einen Bestseller geschrieben: „Das Drama im Mutterleib“. Gerade erschienen ist das Folgebuch „Ich habe meinen Zwilling verloren - Alleingeborene erzählen“ (Verlag Königsweg)


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