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Ausgabe März 2013
Sehnsucht nach Veränderung - Von Lieselotte Diem

Sehnsucht ist die zentrale Empfindung des Menschen, die uns hinaus treibt, die uns suchen lässt nach jemandem, der dieses Sehnen stillen kann. Wenn wir uns nicht in hoffnungsloses Wünschen aufzehren wollen, müssen wir den Mut aufbringen uns einzugestehen,

Wir schämen uns zuzugeben, dass wir Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, nach Bindung haben. Irgendwie ist das uncool geworden, solche Gefühle offen zu legen. Während in der Romantik Dichter und Musiker die unerfüllte Sehnsucht als den Hauptschmerz des Menschen beweinten, wollen wir zu den tausenden Menschen gehören, die uns mit einem Keepsmiling anstrahlen, die scheinbar alles haben und denen wir uns unterlegen fühlen würden, wenn wir von unserer Bedürftigkeit redeten.
Kleinkinder strecken ihre Arme nach der Mutter aus, ohne dass sie diese Geste lernen. Es ist eine Bewegung der Natur, die uns das Sehnen bis in die Fingerspitzen fühlen lässt, deutlicher können wir unsere Wünsche nicht zeigen.

Schauen wir uns nun in der Praxis der Körperpsychotherapie um, begegnen wir oft Menschen, die in den Armen und Händen das Strömen des Energieflusses nicht wahrnehmen, was sich in ständig kalten, unbeweglichen Händen zeigen kann. Wenn das Sehnen zu oft keine Erfüllung gefunden hat, zieht sich die Energie aus diesem Bereich zurück. Verbunden ist der Rückzug von Energie mit einer flachen oder festgehaltenen Atmung.
Seelische Verletzungen von Zurückweisung oder Mangel an Nähe durch gestresste Erwachsene verhindern beim Säugling und Kleinkind diese Geste der Natur. Bzw. gibt ein Kind nach vielen vergeblichen Versuchen schließlich auf, die Arme auszustrecken und atmet minimal, dass es den Schmerz nicht so einschneidend fühlen muss. Es macht sich unempfindlich, um zu überleben.

In der Therapie wird zunächst das Gefühl des Mangels mit der verbundenen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wieder frei gelegt, also die früheren, in der Vergangenheit entstandenen schmerzlichen Gefühle. Das Ziel ist, unsere damaligen Verletzungen nicht mit der jetzigen Realität zu vermengen.
So werden wir bereit, nochmal neu ins Leben zu starten, um uns anderen Menschen zu öffnen, die unsere Sehnsucht erfüllen können.
Gerade dieses Empfinden unserer eigentlichen unerfüllten Sehnsucht lässt uns vor uns selbst weglaufen. Zu stark war die Verletzung und wir vereisen, blockieren dieses Ursprungsgefühl. Das wirkt hinein in unsere Anschauung der jeweiligen Lebenslage. Wir manifestieren auf diese Weise eine seelische Blockade mit dem körperlichen Rückzug von pulsierender Energie und gedanklicher Überzeugung. Übrig bleibt ein schmaler Grat an Bedürfnisbefriedigung.
Festgefahrene Glaubenssätze, wie „ich treffe keinen, ich bin zu dick, zu dünn, zu intelligent, kurz, ich bin nicht richtig“ sind meistens eine Erklärung, warum es gerade uns nicht gelingt, sich die Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung zu erfüllen. Wir geraten mit einer penetranten Beharrlichkeit immer wieder an die falschen Männer oder Frauen, wir drehen uns im Kreis.

So beginnen die meisten Menschen eine Körperpsychotherapie, weil sie spüren, dass das so nicht stimmen kann, dass wir viel mehr Möglichkeiten haben, unser Leben zu gestalten, als wir fähig sind diese umzusetzen.
Durchleben wir aber im Therapieprozess die meist unangenehmen Gefühle, so sind wir in der Lage, unser Wünschen und Sehnen wieder zu fühlen und nun angemessen zu handeln. Wir kommen zu einer inneren Ruhe, wir können uns eine neue Heimat kreieren, wir haben die Wahl.
Mit der Energiearbeit intensiviert sich unser sexuelles Empfinden. Das Verlangen nach einer beglückenden Beziehung, bei der wir Liebe und eine ausgewogene Sexualität leben können, ist kein Phantom mehr. Wenn erst mal unsere festgefahrenen Vorurteile schmelzen, entwickeln wir eine Genussfähigkeit, die unsere Gesundheit fördert und uns leichter durchs Leben gehen lassen.

Wenn wir ein Kind an der Mutterbrust sehen, wie es in Ruhe trinkt und mit einem sanftem Lächeln einschläft, empfinden wir eine heimatliche Geborgenheit. Aus der damit verbundenen Sicherheit entsteht das Autonomiestreben, wir beginnen neugierig die Welt zu erforschen.
In unserer Zivilisation erleben wir aber meistens eine in Unsicherheit verankerte Bindung, das natürliche Autonomiestreben verwandelt sich in ein trotziges Losreißen, gleichzusetzen mit einer Rache für die erlittene Abweisung (mir reicht es, ich hau ab).
Durch die Energiearbeit erleben wir den Wunsch uns auszudehnen, es kann sich als ein tief gefühltes Fernweh äußern, was uns hinaus treibt in fremde Länder. Nicht zu verwechseln mit der Flucht vor der Alltäglichkeit (was auch in Ordnung ist). Hier ist aber die Rede von einer energetischen Expansion, die uns ergreift, wenn wir vom Wunsch des Reisens gepackt werden.

Mit der Zuversicht, dass es gelingen kann, die vergrabene Sehnsucht hervorzuholen, stärken wir unser Wohlbefinden und machen die Welt ein kleines Stück heiler.



Die Autorin Lieselotte Diem ist Körperpsychotherapeutin, Charakteranalytische Vegetotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis.
Weitere Infos unter www.vegetotherapie-berlin.de


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